Kultur

Kino: Der Citizen K des Prager Künstlerkollektivs Ztohoven

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2013
Wohl jeder junge Tscheche kennt die Pilzwolkenaktion von Ztohoven aus dem Jahr 2007. Jetzt sorgt das Prager Künstlerkollektiv mit seinem neun Film Bürger K, basierend auf einem Kunstexperiment mit falschem Personalausweis, erneut für Empörung im Lande.

Für jene Tschechen, die am 17. Juni 2007 gewohnheitsmäßig die Morgensendung Panorama sahen, bot sich ein Bild des Schreckens. Eine fest installierte Wetterkamera im Riesengebirge zeigte – anstelle von hügeliger Idylle – die Aussicht auf eine Pilzwolke. In einem Land, das mit einer ständigen Debatte über Kernkraft lebt, brach für einen Augenblick Panik aus. Unberechtigt, wie sich binnen kürzester Zeit herausstellen sollte: Der Wolkenpilz war nicht das Resultat einer nuklearen Katastrophe, sondern das Ergebnis eines Aktionskunstprojektes, bei dem sich das Prager Künstlerkollektiv Ztohoven in die Wetterkamera eingehackt hatte.

Man wird kaum einen – zumal jungen – Menschen in Tschechien finden, der nicht von der Atom-Aktion gehört hätte. Schon zuvor war die rund 20-köpfige Gruppe Ztohoven mit überraschenden und öffentlichkeitswirksamen Kunstprojekten aufgefallen. Keines davon, gerade nicht die berühmte, herzförmige Lichtinstallation auf der Prager Burg zum Abgang des damaligen Präsidenten Václav Havel, polarisierte so sehr wie die manipulierte Wetterkamera.

Tschechischer Citizen K im Kino

Im Gespräch über Ztohoven landet man schnell beim neuesten Ztohoven-Projekt, das ab Januar als Film in den tschechischen Kinos zu sehen ist. Schon der Titel Občan K. – zu deutsch „Bürger K.“ bzw. Englisch „Citizen K.“ – bietet unzählige Interpretationsmöglichkeiten: zur Nähe der verstrickten Bürokratie, in die Kafkas berühmtester Protagonist Josef K. gerät, zum Kultfilm Citizen Kane, aber auch zu Václav Havel, über den der Dokumentarfilm „Občan Havel“ gedreht wurde und der wohl der berühmteste Ztohoven-Unterstützer bleiben wird.

Und dann ist da noch die Abkürzung občanka für den Občanský Průkaz, den tschechischen Personalausweis. Der Film basiert auf einem Kunstprojekt, innerhalb dessen zwei Ztohoven-Mitglieder auf schier unglaubliche Weise die Bürokratie ad absurdum führten. Sechs Monate lang benutzten im Jahr 2010 zwei Ztohoven-Mitglieder den Personalausweis derselben Person – die allerdings gar nicht existierte. Mithilfe biometrischer Technologie hatten sie aus der Kombination ihrer beiden Gesichter eine neue Person erschaffen, für diese legal einen Pass beantragt, in ihrem Namen gewählt, geheiratet und eine Waffenzulassung erhalten. Zum ersten Mal seit der Pilzwolkenaktion gesellte sich zu Faszination über ein Ztohoven-Projekt massive Empörung, Mit-Initiator Roman Týc alias David Hons wurde sogar festgenommen.

Dass Ztohoven so polarisiert, mag auch an der beeindruckenden Selbstvermarktung liegen: Obwohl ihre Kunstaktionen grundsätzlich mitten in der Öffentlichkeit stattfinden, haben es die Mitglieder – mit Ausnahme des Mitbegründers David Hons – geschafft, anonym zu bleiben. Treten sie überhaupt in der Öffentlichkeit auf, dann nur mit Pseudonymen, die als Scheinname schon dadurch enttarnt werden können, dass sie aus tschechisch-englischen Wortspielen bestehen: Etwa Roman Týc, Dan Gerous oder Anna Bolická.

Journalisten scheuen die Künstler aber auch unter ihren Pseudonymen. Wenigen Medien ist es bisher gelungen, eines oder mehrere Mitglieder persönlich zu treffen. Auch meine schriftlichen Interviewanfragen bleiben unbeantwortet. Unter den Telefonnummern, die auf der Homepage aufgelistet werden, nimmt niemand ab. 

Kunst, die stört, funktioniert

"Občan K.""In einer liberaldemokratischen Gesellschaft sollte es nicht passieren, dass ein Mensch angezeigt wird und wegen so einer Sache in Haft geht wie Týc. Noch schlimmer, dass er nicht der einzige Fall ist", kritisiert Klára Bulantová die politische Reaktion auf das Občan K.-Projekt. Die Politikstudentin betrachtet den Ztohoven-Stil grundsätzlich differenziert: "Ich kenne nicht alle Projekte von Ztohoven, aber von denen, die mir bekannt sind, gefällt mir 'Violated Consciousness' am besten - 2003 haben sie im Verlauf eines einzigen Tages alle CitiLights-Werbeplakate in der Prager U-Bahn mit einem eigenen Plakat verborgen. Die anderen Projekte von Ztohoven finde ich zwar originell, aber sie dienen meiner Ansicht nach oft nur als Selbstzweck und werden übertrieben. Das ist aber der Teufelkreis bei der Bewertung der Kunst."

Obwohl sie einige Einstellungen der Gruppe für "naiv, unreif und kindisch" hält, unterstützt die 23-jährige Adela Zichačková im Großen und Ganzen die Ztohoven-Projekte: "Wir können Ztohoven für das Öffnen der Diskussion zu diesen Fragen dankbar sein. Außerdem vertrete ich den Standpunkt, dass die Form, die sich die Künstler für das Ausdrücken ihren Zielen ausgewählt haben, adäquat und treffend ist." Die Kriminalisierung von Roman Týc hält sie für einen Skandal: "Es geht hier um die Freiheit der Kunst und des Wortes."

Ähnlich sieht es auch eine Prager Filmstudentin, die anonym bleiben will: „Es wäre doch frustrierend, wenn es niemanden gäbe, der sich gegen das ‚System‘ auflehnt, egal wie lahm, peinlich, simpel oder sogar primitiv die Methode ist. Wer von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden will, muss mit kontroversen Aktionen auf sich aufmerksam machen. Das ist ja gerade der Grund dafür, warum Kunst, die stört, immer funktioniert."

Illustrationen: Teaserbild und im Text mit freundlicher Genehmigung von ©Ztohoven; Video (cc)ObcanK/YouTube