Kultur

Kein Europa ohne europäische Öffentlichkeit

Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2006
Zum Startschuss der polnischen Version von cafe babel schreibt der Journalist und Mitbegründer der Gazeta Wiborcza, Jacek Zakowski über die Bedeutung der Medien für die Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit.

Normalerweise beginnt mein Arbeitstag mit einem Becher Kaffe und dem International Herald Tribune (IHT) – so wie bei vielen Journalisten, Geschäftsleuten, Politikern und allen im Ausland Tätigen in Europa. Wir sehen uns auf europäischen Konferenzen und Tagungen. Der IHT ist unsere Zeitung, so wie die FAZ in Deutschland, die Gazeta Wyborcza in Polen oder die New York Times (NYT) in den USA. Wir ärgern uns über seine sinkenden Auflagenzahlen, loben einige Artikel und kritisieren andere. Wir diskutieren über sie. Das alles erscheint ganz normal – bis auf eine Tatsache: Die de facto einzige paneuropäische Zeitung ist amerikanisch, oder besser, seit der Übernahme von Anteilen der Washington Post durch die NYT – eher New Yorkerisch.

Die zentrale Stellung des IHT mag in den 1950ern natürlich gewesen sein. Damals musste Kontinentaleuropa demokratische Gewohnheiten und Institutionen erst wieder aufbauen, die während den chaotischen 30er-Jahren und dem anschließenden Krieg verloren gegangen waren. Aber heute? Es ist seltsam: Die EU als weltweit wichtigste transnationale Gemeinschaft ist durch ein Geflecht aus politischen, institutionellen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Netzwerken verbunden. Aber sie hat keine eigene Tageszeitung.

Eine mögliche Erklärung ist die Sprache. Die Betonung liegt dabei auf “möglich”. Wenn die Amerikaner eine Tageszeitung herausbringen, die von der gesamten europäischen Elite gelesen wird, warum können die Europäer dann nicht dasselbe machen? Vielleicht weil jedes Land, jede Nation und jede Sprache immer ihre eigene Presse hatten?

Für gewöhnlich wird es damit erklärt. Das ist ein guter Grund. Aber es ist nicht Grund genug. Die Sprache ist offensichtlich ein Hindernis. Der Schutz unserer Muttersprache ist uns allen sehr wichtig. Nicht nur in intellektueller, weil wir sie als Teil unserer Identität sehen, sondern auch in emotionaler Hinsicht, weil wir mit ihr verbunden sind. Das bedeutet, dass auch die junge Generation von Europäern, die in ihren internationalen Beziehungen ganz selbstverständlich Englisch spricht und schreibt, dass diese Generation es in ihrem Alltag vorzieht, in ihrer eigenen Sprache zu lesen und zu schreiben. Das ist an sich nichts schlechtes. Doch das ist nicht alles. Wenn wir in unserer eigenen Sprache lesen, dann wollen wir über die Region lesen, in der sie vorherrscht. Diese Tendenz ist leicht an den polnischen Medien abzulesen. In der Praxis gehören in den meisten Nachrichtenredaktionen die europäischen Angelegenheiten immer noch zur Auslandsabteilung. Europa ist schon längst nicht mehr fremd für uns. Aber es ist auch noch nicht unser Heimatland. Es gibt keine europäische Gesellschaft und de facto auch keine europäische Öffentlichkeit.

Kann der Aufbau eines gemeinsamen Europas, einer europäischen Identität, einer europäischen Gemeinschaft, der Nukleus einer europäischen Nation, fortgesetzt werden, ohne eine europäische Öffentlichkeit? Ich glaube nicht. Es gab eine Zeit, in der Staaten, Nationen und Identitäten von oben herab – von den Regierungen hinab in die Gesellschaften bis hin zu den Individuen - gebildet wurden. Heutzutage ist das nicht mehr möglich, wie die Ablehnung des Verfassungsvertrages gezeigt hat.

Die europäische Verfassung ist gescheitert. Und die Idee einer neuen politischen Identität Europas wurde gestoppt, weil die europäische Öffentlichkeit nicht in ihren Entwicklungsprozess eingebunden war. Sie wurde in erster Linie nicht einbezogen, weil es sie nicht gab. Die politische Elite Europas schaffte es irgendwie, eine Einigung zu erzielen. Aber dann waren alle Beteiligten gezwungen, das Dokument gleichzeitig der regionalen, nationalen Öffentlichkeit und den Medien ihres Landes zu erklären. Und diese verstanden die Verfassung – unvermeidlich – aus ihrem regionalen Blickwinkel heraus. Aus jeder dieser Perspektiven musste zwangsläufig irgendetwas in dem Dokument fehlen. In den Augen jeder regionalen Öffentlichkeit musste das Gemeinschaftsinteresse, das die Verfassung repräsentieren sollte, mit einigen Interessen der eigenen Gesellschaft verbunden sein..

Die Verfassung hat nur in zwei Ländern verloren. Aber sie hätte in einigen mehr verlieren könne, wäre der Ratifikationsprozess nicht gestoppt worden. Das zeigt deutlich, dass die einfache Summe nationaler Interessen nicht einfach in ein gemeinsames Interesse übertragen werden kann, wenn es kein gemeinsames Bewusstsein gibt. In anderen Worten, die europäische Gemeinschaft kann sich nicht schneller entwickeln, als es das europäische Bewusstsein und die europäische Identität tut.

Politiker machen Fehler. Und nach der herrschenden europäischen Denkweise sind sie zweifelsohne für alles Unglück verantwortlich. Aber auch wenn sie Engel wären, mit uraltem Genie begabt, könnten sie nicht die öffentliche Meinung umgehen. Es kann kein wirklich gemeinsames Europa ohne eine europäische Öffentlichkeit geben.