Kultur

Katalonien gegen die Stiere: ein Verbot der spanischen Identität?

Artikel veröffentlicht am 10. August 2010
Artikel veröffentlicht am 10. August 2010
Das katalanische Parlament hat am 28. Juli eine Entscheidung gegen den Stierkampf in der Region gefällt. Nun haben sich die Stierkampfbefürworter zusammengeschlosssen, um für den Erhalt dieser Tradition einzutreten. Die politische Opposition kündigte an, dass sie ein Gesetz ins Parlament einbringen wird, um weitere Regelungen dieser Art zu verhindern.
Doch auch die Initiatoren des Volksbegehrens, welches zur Abstimmung führte, bleiben weiter aktiv: Die Plataforma Prou! ("Es reicht!"-Plattform) will von ihrem Bestreben, die Stiere aus ihrem Martyrium zu befreien, nicht ablassen.

Ausgehend vom 1. Januar 2012 werden in Katalonien keine Stierkämpfe mehr stattfinden. Es sei denn, das katalanische Parlament stimmt im Mai 2011 der Änderung des Artikels des Tierschutzgesetzes von 2003 nicht zu. Dieses Gesetz verbietet bisher die Misshandlung von Tieren, mit Ausnahme von Stieren. Bis dahin wird der Kampf zwischen denen, die den Stierkampf als „Fest“ betrachten, und jenen, die sein Verbot wünschen, hartnäckig weitergeführt. Die Erstgenannten haben bereits den Interessenverband Mesa del Toro (Tisch des Stieres) gegründet. Am 1. August präsentierten sie ein Manifest: Dieses wurde in allen Stierkampfarenen vorgelesen, einschließlich derer in Frankreich und Portugal. Der Viehzüchter und Geschäftsführer von Mesa del Toro, Eduardo Martín Peñate, stellte noch am gleichen Tag im Radio Nacional de España (RNE) die Kernforderung des Dokumentes dar: “Wir setzen uns mit diesem Manifest vehement für das Recht auf freie Wahl des Berufs und der Berufsausübung ein. Außerdem fordern wir, dass man unser Fest nicht für politische Zwecke nutzt, und dass die ganze Welt sich daran erinnert, was der Stierkampf für die Kunst und die Kultur bedeutet.”

Tierschutz oder Kampf um Autonomie?

So denken viele - aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse geht es in der Debatte über das Stierkampfverbot längst nicht mehr nur um die TiereAllerdings wurde der Entschluss des katalanischen Parlaments in vielen Kreisen als etwas mehr als nur ein Schritt zugunsten des Tierschutzes interpretiert - was dem aktuellen politischen Kontext geschuldet ist. Das Verfassungsgericht hat im Juli, nach vier Jahren Überlegung, sein Urteil über das Katalonienstatut vorgelegt: Es nahm einige Änderungen an dem Dokument vor, das zuvor durch das Parlament der Autonomen Region Katalonien, ein Bürgerreferendum und die Cortes Generales del Estado español (Abgeordnetenhaus und Senat) verabschiedet worden war. Einer der umstrittensten Änderungen dieses Dokuments ist die Schlussfolgerung, dass die Verfassung - “no conoce otra que la nación española" - keine andere als die spanische Nation kennt.

Als Antwort darauf gingen die Katalanen auf die Strasse. Am 10. Juli fand in Barcelona eine Massenprotestkundgebung statt, mit etwa 1 Million (Angabe der Polizei) bzw. 1,5 Millionen Teilnehmern (Angabe der Organisatoren). Die Demonstranten trugen Spruchbänder, auf denen “Katalonien ist eine Nation” oder “Wir entscheiden” zu lesen war. Außerdem kamen aufgrund der nationalen und internationalen Erwartungen mehr als 100 ausländische Korrespondenten nach Barcelona, um über die Abstimmung zum Stierkampf und deren Resultat zu berichten.

Eine “kleine Rache" der Katalanen

Martín Peñate kommentierte in seinem Gespräch auf RNE ebenfalls den möglichen Einfluss des Urteils zum Statut auf die Abstimmung: “Das identitätsstiftende Thema Katalonien geht nun der eigentlichen Debatte voraus. Das Urteil zum Statut wurde als Forderung nach Autonomie benutzt. Wir glauben, dass die Politiker dies nicht genügend bedacht haben. Sie haben einfach aus Opportunismus gehandelt, um dem wichtigsten Symbol dieses Landes einen Schlag zu versetzen: dem Stier. Wir sollten nicht vergessen, dass wenn man jemandem an irgendeinem Ort der Welt einen Stier zeigt, dieses Bild mit Spanien assoziiert wird. Das ist eine kleine Rache der Katalanen, zu Lasten all dessen, was die spanische Nation ausmacht.“

"Feuerstiere": Vom Verbot noch nicht betroffen

In der autonomen Region befanden sich die Unternehmer der Stierbranche in den letzten Jahren bereits auf dem absteigenden Ast. Durch das Verbot kommen jetzt weitere wirtschaftliche Verluste hinzu. Diese betragen laut der Plataforma para la Difusión de la Fiesta (Plattform für die Verbreitung der Feier) 300 Millionen Euro, wenn man den Wert der Stierkampfarena Monumental de Barcelona berücksichtigt und das, was man an Eintrittsgeldern verliert. Die katalanischen Viehzüchter wird das wenig treffen. Ihr Vieh wird hauptsächlich für die Correbous (Feuerstiere) genutzt. Aber auch in diesem Fall hat die Plataforma Prou! ein Verbot dieser im Süden Kataloniens verwurzelten Volksfeste zum Ziel, bei denen die Stiere mit Feuerkugeln an den Hörnern rennen müssen oder mit an den Hörnern befestigten Seilen durch die Straßen gezogen werden. Sinn und Zweck dieser Festakte? Der gleiche wie bei den traditionellen Stierkämpfen: Das Vergnügen der Zuschauer.

Die Partei Convergencia y Unión (CiU, Konvergenz und Einheit) hat bereits einen Gesetzesentwurf vorgelegt, um die Ausübung der Correbous zu regulieren. Deren Durchführung würde somit auf die traditionellen Orte beschränkt und der Misshandlung der Stiere Grenzen gesetzt. Über das Gesetz wurde am 28. Juli abgestimmt – derselbe Tag, an dem auch über das Verbot der Stierkämpfe entschieden wurde. Die Volkspartei Partido Popular hat das Gesetz jedoch dem Consejo de Garantías Estatutarias, dem katalanischen Konsultationsorgan, vorgelegt, um seine Verfassungsmäßigkeit prüfen zu lassen. Der Antrag der CiU bleibt momentan also wirkungslos. 

Fotos: Artikellogo ©pmorgan/flickr; ©Alexandra Guerson/flickr