Kultur

Juliette Binoche in 'Das bessere Leben': Studentin zu verkaufen

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2012
Das bessere Leben [Originaltitel: Elles] heißt der neue Film mit Juliette Binoche. Sie spielt darin eine Journalistin, die einen Artikel über das Leben weiblicher Studentinnen schreibt. Dabei trifft sie die Polin Alicja und die Französin Charlotte. Die jungen Frauen führen kein gewöhnliches Studentenleben: Sie arbeiten nebenbei als Prostituierte. Im März kommt der Film in die deutschen Kinos.
Wir haben ihn uns schon einmal angesehen.

2006 veröffentlichte die französische Studentenorganisation Sud-étudiant einen erschreckenden Bericht: 40.000 Studentinnen müssen in Frankreich als Prostituierte arbeiten, um ihrStudiumzu finanzieren. Zwar geht die französische Polizei von weit weniger - 15-20.000 Studentinnen - aus, doch die Studie sorgte trotzdem für Furore. Die Medien griffen die Zahlen auf und recherchierten im Milieu. Die Schlagzeile hatten sie dabei vermutlich schon vor Augen. «Studentin zu verkaufen» - ein Titel, der wahrhaft neugierig macht.

Für Journalisten ist es nicht leicht, etwas über die Mädchen zu erfahren. Dass sie sich mit den Freiern in privaten Wohnungen treffen, Anzeigen über das Internet verschicken – mehr weiß man nicht. Die Journalistin Anne (Juliette Binoche) möchte das ändern. Im neuen Film der polnischen Regisseurin Malgoska Szumowska,Elles (z. dt. Das bessere Leben), versucht sie, den Studentinnen näher zu kommen. Das Thema ist nicht neu: Erst im letzten Jahr widmete sich die französische Regisseurin Emmanuelle Bercot dem Milieu. "Studentin, 19, sucht…" erzählt die Geschichte von Laura , die sich trotz mehrerer Jobs nicht über Wasser halten kann und in die Prostitution abrutscht. Ist Das bessere Leben ein Abklatsch des Originals? Oder hat es seinen Vorgängerfilm vielleicht übertroffen ? Wir wollten es wissen.

Ekel und Wut

Das bessere Leben ist eine europäische Koproduktion: Gleich drei Länder haben an dem Film mitgewirkt. Produziert wurde er von der Französin Marianne Slot von Slot Machine, das Drehbuch schrieb die Deutsche Tine Byrckel und Regie führte die Polin Malgoska Szumowska. Sie entwickelt zwei Handlungsstränge: Das Leben von Anne, einer investigativen Journalistin, die versucht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, und die Geschichte von Charlotte (Anaïs Demoustier) und Alicja (Joanna Kulig), zwei jungen Frauen, die ihr Studium durch Prostitution finanzieren. 

In schnellem Tempo erzählt Szumowska das Schicksal ihrer Charaktere, unterbrochen nur von den Interviews, die Anne führt. Vieles bleibt ungesagt. Szumowska lässt dem Zuschauer Raum für Interpretationen, Zeit, die Lücken im Plot selbst zu schließen. Im Verlauf werden die Bilder schwerer, brutaler. In einer Szene penetriert ein betrunkener „Kunde“ Charlotte mit einer Glasflasche, ungerührt von den verzweifelten Schreien des Mädchens. Die Reaktionen der Zuschauer schwanken zwischen Ekel und Wut.

Die Geschichte ist noch nicht auserzählt

Doch dann nimmt der Film eine unerwartete Wendung. Als er nach 96 Minuten endet, bleiben die Zuschauer zurück mit dem Gefühl, eigentlich doch nichts zu wissen über Charlotte und Alicija, die junge Polin, deren Koffer bei der Ankunft in Paris gestohlen worden war. Erstere prostituierte sich, um nicht als Fast-Food-Verkäuferin arbeiten zu müssen. Ihre Familie wohnt weit weg und ahnt nichts von ihrem Leben. Alicja hat den Kampf gegen die Armut zwar gewonnen. Doch nun muss sie sich ihrer Mutter stellen, die ihre Tochter – notfalls mit Gewalt – auf den rechten Weg bringen will.

Doch die wichtigsten Fragen – die der Journalistin Binoche – bleiben unbeantwortet. Ein Gefühl der Demütigung empfinden die Mädchen nicht, obwohl sie manchmal weinen. Der Zuschauer erfährt, dass sie ihr Studium meistern, sich nur ab und an verstecken. Nur während der Interviews kommt ihre Persönlichkeit zum Vorschein. Der Sex, manchmal an der Grenze zur Perversion, ist nur das Leitmotiv des Films. Eigentlich drehen alle Kameras sich um sie: Anne. Die Hausfrau, die Journalistin, die fasziniert ist vom Leben ihrer Protagonistinnen, so dass sie sogar kurzzeitig davon träumt, deren Platz einzunehmen.

Die Prostitution junger Studentinnen – sie ist mit diesem Film nicht zu Ende erzählt. Die Kamera begleitet die Mädchen zwar, fängt ungehemmt alles ein. Der Zuschauer erfährt nur, was die Journalistin in ihrem Artikel schreiben wird. Ob ihre Quellen die Wahrheit sagen, weiß er nicht. Die Begegnung mit den jungen Frauen, die in zwei Welten leben, bringt Annes Leben durcheinander. Sie bemüht sich um Professionalismus, doch immer mehr beginnt der Beruf auch ihr Privatleben zu beeinflussen. Die Geschichte der Mädchen, die sich für ihr Schauspiel eines Pseudonyms bedienen (Charlotte nennt sich Lola, erst zum Schluss erfährt man ihren echten Namen), endet abrupt mit dem letzten Interview.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Haut et Court; Video (cc)abcscope/YouTube