Kultur

Jani Virk: „Mich hat die Karriere niemals interessiert“

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2007
Jani Virk, ein 45-jähriger Schriftsteller aus Ljubljana, wirkte in Düsseldorf, Chicago und London. Der Autor wirft Fragen über Sloweniens Platz in Europa, Frauen und den Stellenwert der Kultur im Journalismus auf.

„Lachen hinter der hölzernen Trennwand“ heißt der jüngste Roman von Jani Virk, der an diesem Abend vorgestellt werden soll. Der Geruch von heißem Kaffee und Balkanklänge untermalen das Gespräch über die komplizierte Situation Sloweniens, dessen Kultur, Arbeit und Identität. Ich möchte den Balkan nicht verlassen, aber ich muss gestehen, ich fühle mich eher zur europäischen Kultur hingezogen. Allerdings glaube ich, dass der Rest der Slowenen meine Meinung nicht teilt. Die slawische Kultur ist mir sehr vertraut, aber es gibt dennoch auch sehr viel Interessantes und Gutes in der Kultur des Balkans, so Virk.

Als das Gespräch auf den Komponisten Goran Bregovi kommt, gibt sich der slowenische Autor empört. Er sei schon seit langem gegen die folkloristische Herangehensweise an die Kultur des Balkans, die zu einem verrückten Krieg geführt habe. Er wolle außerdem nicht über bestimmte Bevölkerungsgruppen sprechen. Trotzdem empfinde er eine große Sympathie für die bosnische Kultur.

Slowenien als Vermittler

Auch heute ist der Balkankonflikt noch immer ein brisantes Thema. Eine Herausforderung sowohl für Politiker, als auch für gewöhnliche Leute. Jani Virk verfolgt die Geschehnisse im Kosovo, wo er beim Militär gedient hat, mit großer Aufmerksamkeit. Momentan glaubt er jedoch nicht an ein friedliches Zusammenleben der Völker. Die einzige Lösung, so der Autor, sei die Aufnahme dieser Völker in die Europäische Union: Dann wären die Grenzen nicht mehr so wichtig wie jetzt.

Entschieden fügt Virk nach einer kurzen Pause hinzu: Nur die Betonköpfe aus dem Westen wollen nicht verstehen, dass Europa eine Einheit ist. Für den slowenischen Intellektuellen könnte dieses zwar kleine, aber multikulturelle Land im Herzen Europas zum Verständnis der Beziehungen auf dem Balkan beitragen.

Rastlos

Ähnlich wie die Einwohner der vom Krieg betroffenen Regionen, weiß Virk, was es bedeutet heimatlos zu sein. Als ich in Amerika lebte, wusste ich sehr genau, warum ich dort nicht bleiben wollte, kommentiert der Autor. Ich verstand, dass Mitteleuropa und dessen Philosophie dort grundsätzlich nicht überleben können. Deshalb reiste der Autor nach Europa zurück und kehrte dieser zu rasanten, modeorientierten Welt den Rücken.

Jani Virk ist ein Mensch, der dem geistigen Leben großes Gewicht beimisst. Mich hat niemals die Karriere interessiert. Ich hatte die Gelegenheit in den Vereinigten Staaten erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen, aber nach 20, 25 Jahren wüsste ich nicht was ich mit solch einem Glück anfangen sollte. Virks Gesicht strahlt als er diese Worte spricht.

Unterworfene Ikonen

Voller Elan erklärt der Autor seinen Lebensentwurf: Die Liebe, unter Berücksichtigung der Natur des Menschen und die Gewissheit zu leben und Risiken einzugehen, ohne dabei jemanden zu verletzen. Auch unsere Nachkommen sollten auf dieser Welt noch leben können, so Virk. Dies bedeutet in den zwischenmenschlichen Beziehungen nach Tiefe zu suchen und nicht einfach Dinge an sich zu reißen.

Jani Virks Romane sind stark erotisch geladen. In seinem jüngsten Romanwerk versucht der Autor einen besonders hohen Druck auf die Entwicklung der weiblichen Charaktere auszuüben. Die Frau sei schließlich keine dem männlichen Denken unterworfene Ikone.

Seit der Befreiung Sloweniens sei der Anteil der Frauen im öffentlichen Leben – Schriftstellerinnen, Soziologinnen, Psychologinnen – doch enorm gestiegen, bestätigt Virk. Übrig geblieben seien Reste des patriarchalischen Systems, die sich auf absurdeste Art und Weise bemerkbar machen.

Kultur auf dem Abstellgleis

Virks Romanwerk „Lachen hinter der hölzernen Trennwand“ geht auf die aktuelle politische Situation Sloweniens, Öffnungen verstaubter Archive, sowie den ausklingenden Kommunismus ein. Auch die gegenwärtige Situation Polens spielt eine Rolle. Virk findet es äußerst seltsam, dass Wasa, polnischer Politiker und Friedensnobelpreisträger, der in der Wendezeit eine Symbolfigur in ganz Mitteleuropa gewesen sei, bei den Wahlen heutzutage so wenig Unterstützung erfahre. Unverständnis auf Seiten des slowenischen Autors: 50 Jahre Kommunismus haben bei den Menschen „Betonköpfe“ entstehen lassen. Sogar bei denen, die heute meinen sie seien Demokraten.

Während nebenan die ungeduldigen Leser und Fans auf den Auftritt des slowenischen Autors warten, gibt Jani Virk uns einen letzten Gedanken mit auf den Weg. Er ist zuversichtlich: Für ihn gehe es nicht darum, seine berufliche Glaubwürdigkeit nachzuweisen, er sei schließlich Redakteur beim öffentlichen Fernsehen. Das Problem, so Virk, liege ganz woanders. Viele europäische Fernsehsender, unter anderem die BBC, richten ihr Augenmerk zunehmend auf politisch brisante Themen und vergessen darüber hinaus die Kultur. Diesem Trend versucht Jani Virk entgegenzuwirken.