Kultur

Jan Figel: „Wir brauchen die polnischen Klempner“

Artikel veröffentlicht am 5. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 5. Februar 2007
Der Slowake Ján Figel, 47, ist EU-Kommissar für Bildung, Ausbildung und Kultur. Ein Gespräch.

„Leben bedeutet Veränderung und Europa ist ständig in Bewegung.“ Seit 2004 im Amt, besteht Figel auf der Verantwortung der Bürger für den Bau Europas – „denn Europa wird sich ohne die Hilfe seiner 500 Millionen Bürger nicht weiterentwickeln.“

In seiner Zeit als EU-Kommissar wurden bereits mehrere Erfolg versprechende Entscheidungen getroffen. Dazu zählt die weitere Förderung des Bologna-Prozesses, der vor allem die gegenseitigen Anerkennungen der Studienleistungen betrifft. Auch soll die Ausbildung in Schulen und Universitäten verbessert werden. Die finanziellen Mittel für das Erasmus-Programm werden in Zukunft deutlich erhöht: Wurden in den letzten sechs Jahren eine Milliarde Euro für das studentische Austauschprogramm ausgegeben, wird sich dieser Betrag in den kommenden sieben Jahren verdreifachen.

„In den Zeiten des Totalitarismus waren die Universitäten geschlossen“, erinnert Figel. „Wir müssen diese Zeit immer im Gedächtnis behalten, um mit Europa an die Errungenschaften der Renaissance und deren Entdeckung der Wissenschaft anzuknüpfen.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt dabei: das Lernen von Sprachen.

Für den EU-Kommissar sind es „die Unterschiede der politischen Kulturen, die den Reichtum der Europäischen Union ausmachen – wie ein Mosaik aus 27 Teilen.“ Die Beziehungen der Slowakei zur EU sind gut, doch für die traditionell sehr skeptische Tschechische Republik gilt das nicht immer. „Aber dass die beiden Länder am gleichen Tisch sitzen und an den gleichen Diskussionen teilnehmen – das ist das Wichtige.“

„Integration findet dort statt, wo man lebt.“

Ján Figel war von 1998 bis 2003 Verhandlungsführer des EU-Beitritts der Slowakei. „Das war Teil einer Geschichte, die sich nicht wiederholen wird. Die Verhandlungen waren schwierig, werden aber im Gedächtnis bleiben.“ Im Gegensatz zu den Nachbarländern Tschechien, Polen und Ungarn wurde Bratislava 1998 nicht in den Kreis der möglichen Beitrittskandidaten aufgenommen. Der Grund: Ein unzureichender Schutz von Minderheiten in der Slowakei.

1999 wurde die Slowakei dann doch zu Verhandlungen nach Helsinki eingeladen. Damals sei das Land „aus seiner teilweisen Isolation herausgekommen, an der Serbien heute leidet“, sagt Figel. Dass das Land letztlich Anschluss an andere ehemalige kommunistische Länder gesucht hat, entspreche möglicherweise nicht dem Wunschbild vieler Slowaken. Aber es sei ein Zeichen von Reife. „Integration findet dort statt, wo man lebt. Es geht um den Umgang mit den eigenen Nachbarn, nicht mit Brüssel.“

Keine Angst vor polnischen Klempnern

Trotzdem scheint es, als habe Europa mit 27 Staaten nun seine Grenzen erreicht. Kein weiteres Land kann sich derzeit Hoffnungen machen, in die Union aufgenommen zu werden. Das Erweiterungssystem, das der Nizza-Vertrag festgelegt hat, sei „wie eine zu klein geratene Hose“, so Figel.

Die Initiative der deutschen Ratspräsidentschaft zur Rettung der EU-Verfassung sei eher symbolisch zu verstehen: Deutschland ist ein Gründungsmitglied der EU und die Wiedervereinigung war die Grundlage für die Osterweiterung der EU. „Die Europäische Union endet nicht in Brüssel“, lautet das Urteil des noch jungen Kommissars.

„Es ist das Bewusstsein, ein Europa aufzubauen, auf das man sich verlassen kann. Die EU ist nicht irgendeine kleine Einheit. Es geht um 500 Millionen Menschen, die frei und vereint zusammenwachsen. Natürlich entstehen dabei Angst und viele Fragen. Europa ist ein Turm zu Babel. Wenn man in die Zeit vor 50 Jahren zurückblickt, ist es ein Erfolg. Wir müssen keine Angst vor polnischen Klempnern haben – wir brauchen sie.“