Kultur

Irland in Berlin: Immer und nie in der Krise

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2010
Angesichts einer Arbeitslosenquote von 13,7% wird erwartet, dass etwa 40.000 Iren dieses Jahr ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit und neuen Möglichkeiten verlassen werden. Dem irischen Economicand Social Research Institute zufolge werden 2011 weitere 40.000 Menschen folgen. Deutschland ist eines der Hauptziele in Europa.
Bereits heute leben in Berlin rund 1 700 irische Auswanderer - und das, trotz einer fast genauso hohen Arbeitslosenquote wie auf der grünen Insel.

Es ist ein sonniger Vormittag am Hackeschen Markt in Berlin. In der Gegend wimmelt es nur so von Cafés, Boutiquen und Galerien. Mit seiner Bassgitarre auf dem Rücken erklärt Paul Diamond, warum Berlin für Musiker das einzig Wahre ist. "Berlin ist ein Freiluftpark für Künstler", sagt der 27-jährige Jazz-Musiker. Im Januar erst hatte er sich ein Flugticket gekauft: Dublin - Berlin, ohne Rückflug! Bei seiner Ankunft hatte Paul keinen einzigen Kontakt in der deutschen Hauptstadt; umso stolzer ist der junge Musiker heute auf seine kleine Wohnung im West-Berliner Wedding und auf sein bescheidenes Leben - vollgestopft mit Jamsessions zusammen mit anderen Musikern aus der ganzen Welt. "Niemand kommt nach Berlin, um den Jackpot zu knacken und berühmt zu werden", fügt er an. Doch die niedrigen Lebenshaltungskosten ermöglichen es Paul, seinem Traum zu folgen.

Glaubt fest daran, als Musiker in Berlin durchstarten zu können

Berlin: "Zu arm, um von der Krise betroffen zu sein"

alias You're Only MassiveBerlin ist kein Ort, um reich zu werden. Der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist Berlin so arm, dass die Stadt ihren Wettbewerbsvorteil verloren hat, bevor sie ihn überhaupt jemals hatte. Jeder fünfte Berliner ist zum täglichen Leben von staatlicher Hilfe abhängig - eine Zahl, die in starkem Kontrast zum südlichen Bundesland Bayern steht, wo nur 5% Sozialhilfe beziehen.

"Berlin ist zu arm, um von der Krise betroffen zu sein", lacht Maebh Cheasty, die gerade für Fotos in und um das Aufnahmestudio der Band You're only Massive im Stadtteil Kreuzberg posiert. "Jeder ist doch sowieso arbeitslos!" Nichtsdestotrotz schätzt sich die 25-jährige Musikerin und Schauspielerin aus dem Südosten Irlands glücklich, in der deutschen Hauptstadt zu wohnen. Begleitet von Bandmitglied Dave Murphy verließ sie Irland während der Rezession im Jahr 2008 und ließ die "Schauergeschichten über Leute, die ihren Arbeitsplatz verloren haben", hinter sich. Als Teil des elektronischen Duos Youre only Massive verbringt Maebh ihre Zeit nun damit, Songs aufzunehmen und in Berlin und ganz Deutschland aufzutreten. "Musik hat den gleichen Stellenwert wie Gesundheit und Bildung in Berlin", beteuern die beiden Musiker. Sie haben das Gefühl, dass Irland mit all den Mittelkürzungen der Kunst den Rücken zugekehrt hat und sind glücklich, dass sie von der irischen Rezession nicht betroffen sind. "Hier müssen wir unseren Platz in der Gesellschaft nicht rechtfertigen", sagt Dave.

Berlin ist nie und immer in der Krise

Focus on entrepeneurship: Songbeat to MMXDie Stadt ist voller Musiker-freundlicher Zentren, wo Künstler untereinander Ideen austauschen können, wie etwa das MMX in der Linienstraße. Vom 29-jährigen deutschen Unternehmer Philip Eggersglüß renoviert, ist es heute Treffpunkt und kostenlose Unterkunft für Künstler. Der freundliche, umgängliche Eggersglüß, der ebenfalls die Firma Songbeat zur Entwicklung von Musiksoftware gegründet hat, versichert mir, dass Berlin derzeit die coolste und billigste Hauptstadt Europas ist. "Jeder möchte nach Berlin kommen", sagt er. "Berlin ist nie in der Krise, Berlin ist immer in der Krise." Er preist das Jungunternehmertum und erklärt, dass Rezessionen die beste Zeit für Firmengründungen sind. "Man muss nur etwas kreativer und einfallsreicher sein, wenn die Zeiten hart sind."

Krise hin und her, Berlin ist vielfältig, dennoch kostengünstig und somit das komplette Gegenteil von Dublin. Während diese irischen Künstler in Berlin bekannter und bekannter werden, bleiben die Bühnen in irischen Bars leer. Da weniger in aufstrebende irische Talente investiert wird, wird die junge Generation weiterhin in künstler-freundliche Orte wie Berlin strömen, um ihre musikalischen Träume zu verfolgen. Mary Coughlan, stellvertretende Ministerpräsidentin Irlands, scheint sich keine großen Sorgen darüber zu machen, dass 60 000 Menschen letztes Jahr das Land verlassen haben. "Einige der Menschen, die gegangen sind, wollen einfach nur Spaß haben, und das ist das gute Recht junger Leute." Das Problem ist nur, dass die meisten so viel Spaß haben, dass sie möglicherweise niemals zurückkehren werden.