Kultur

'Hitler in Hollywood' oder ein US-Komplott gegen das europäische Kino

Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 13. Oktober 2011
Eigentlich weiß das ja jeder und hat sich damit abgefunden: Hollywood Konkurrenz machen zu wollen kommt einer Utopie gleich. Aber es gab mal eine Zeit, in der die Zukunft des europäischen Kinos glorreich schien. Was ist also passiert? Die Doku-Fiktion HH - Hitler in Hollywood - wirft die Theorie eines Hollywood-Komplotts auf.

Die Intrige

Mit seiner Doku-Fiktion mit dem Skandaltitel HH: Hitler à Hollywood, die im vergangenen Mai in Frankreich herauskam, suggeriert uns der belgische Regisseur Frédéric Sojcher, dass ein riesiges, durch Hollywood geplantes Komplott hinter der Auslöschung des europäischen Nachkriegskinos steckt. Im Film stößt die Regisseurin Maria de Medeiros bei den Dreharbeiten einer Dokumentation über die Schauspielerin Micheline Presle auf einen Film, der niemals in den Kinosälen gezeigt wurde: Je ne vous aime pas [Ich mag Euch nicht] von Luis Aramchek, einem Regisseur, der, wie auch sein gesamtes Werk, 1946 auf mysteriöse Weise verschwand. Maria deckt nach und nach ein von Hollywood initiiertes Komplott auf, das das europäische Nachkriegskino im Keim ersticken sollte. Dabei setzt Maria ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Verschwörungstheorie oder wahre Geschichte?

Ein bisschen von beidem. Natürlich ist die Theorie eines Hollywood-Komplotts gegen ein Projekt namens „Hitler in Hollywood“ frei erfunden. Dennoch gab es eine Zeit, zu der das europäische Kino größer war als Hollywood und sich die Filmstudios in Los Angeles bemühten, die neuen Techniken aus Europa so schnell wie möglich zu kopieren. Komplott hin oder her, heute besteht kein Zweifel daran, dass man die Menschen, die in einem Kinosaal sitzen, um sich HH: Hitler à Hollywood anzusehen, an einer Hand abzählen kann - und dies ganz im Gegenteil zum amerikanischen Blockbuster, der nebenan läuft. Wer ist daran schuld? Die Hollywood-Produzenten mit ihren exorbitanten Budgets oder das europäische Publikum, das seine kulturelle Identität für die großen kommerziellen Kassenschlager aufgibt?

Die Doku ist der französischen Schauspielerin, 89 Jahre alt, gewidmet.

Hat das europäische Kino eine Zukunft?

Mit seinem verrückten Road-Movie-Abenteuer, mit den graphischen Effekten eines Tim-und-Struppi-Comics, gelingt es Frédéric Sojcher uns zu unterhalten und uns gleichzeitig dazu anzuregen, über die Zukunft des europäischen Kinos nachzudenken.

Dabei unterstreicht der Regisseur, dass er selbst ganz und gar nicht gegen das amerikanische Kino sei, sondern nur gegen die Hollywood-Dominanz auf unseren Bildschirmen. Schlussendlich sei das größte Problem des europäischen Kinos nicht der Mangel an Vielfalt, sondern sein Mangel an Einheit.

In der Tat lässt es sich beobachten, wie die verschiedenen nationalen Filmindustrien nebeneinander vor sich hin existieren und sich Filmschaffende lieber auf ihre Heimatregion beschränken (wie beispielsweise PedroAlmodovar in Madrid), als sich für internationale Koproduktionen und Castings zu öffnen und damit zu einem stärkeren europäischen Kino beizutragen. Darüber hinaus werden, trotz der Anstrengungen von EU-Programmen wie Media (das mit 100 Millionen Euro im Jahr auskommt; dies entspricht dem Budget eines einzigen amerikanischen Films!), europäische Produktionen auf dem Alten Kontinent nur vereinzelt ausgestrahlt, während amerikanische Filme überall zu sehen sind.

Wie also Hollywood die Vormacht streitig machen? Europa rühmt sich als Union der Vielfalt - Sojcher kämpft für eine Union der Film-Vielfalt. Und ihr?

Illustrationen: Homepage (cc)bret polok/flickr; ©Press Kit der offiziellen Webseite von HH : Hitler à Hollywood; Video: (cc)filmsactu/YouTube