Kultur

Herman Koch: „Dank Alkohol habe ich die Scheu vor dem Schreiben überwunden“

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2013
Der niederländische Erfolgsautor Herman Koch erinnert an einen Lieblingsonkel: der Neunundfünfzigjährige ist ernsthaft, aufmerksam und seine Stimme ist angenehm. Dies kommt etwas überraschend, da der ehemalige Schauspieler und Komiker vor allem für seinen beißenden schwarzen Humor bekannt ist.
Wir sprechen über seine Bücher und darüber, wieso einem die besten Ideen nach dem Genuss von Alkohol kommen.

„Ich habe mich nie als Schauspieler gesehen“, gibt der niederländische Schriftsteller Herman Koch zu. Nachdem er seine ersten beiden Romane geschrieben hatte, war der ehemalige TV-Prominente in den neunziger Jahren durch Zufall beim Fernsehen gelandet. Zuerst haben sich die Leute gefragt: „Was macht dieser Schriftsteller in einer Comedy-Show?“ Dann war es anders herum: „Ah! Wir kennen sie vom Fernsehen, aber wir haben gar nicht gewusst, dass sie auch Bücher schreiben.“ 2005 wurde die Comedy-Show Jiskefet, eine Serie im Stil von Monty Python, bei der Koch mitwirkte, nach einer Laufzeit von 15 Jahren abgesetzt. Seitdem widmet er sich seinen Romanen. „Ich konnte mir nie meinen Text merken“, gibt er lachend zu. „Ich habe einfach nicht den nötigen Ehrgeiz. Selbst wenn mir jemand anböte, bei einem ganz großen Projekt an der Seite von…“ er macht eine Pause, um zu überlegen, wer berühmt genug wäre „…an der Seite von Jack Nicholson mitzuspielen, würde ich ablehnen.“ Bei dem Gedanken lacht er leise in sich hinein.

Kochs Angerichtet: Vergleich mit Der Gott des Gemetzels

Niemand kann dem Autor vorwerfen, die falsche Entscheidung getroffen zu haben: Für sein vorletztes Buch Angerichtet wurde Koch 2009 mit dem hoch angesehenen Literaturpreis „Publieksprijs“ ausgezeichnet. In Holland ein Bestseller, wurde der Roman in 25 Ländern herausgegeben und 2012 in englischer Sprache veröffentlicht. Die Erzählung handelt von zwei Paaren, die sich in einem schicken Restaurant treffen, um eine Gewalttat ihrer Söhne zu diskutieren. Im Verlauf des Abends bricht jeglicher Versuch, zivilisiertes Benehmen vorzuspiegeln zusammen. Kritiker verglichen Angerichtet mit Roman PolanskisFilm Der Gott des Gemetzels (Originaltitel: Carnage; basierend auf dem Theaterstück Le Dieu du carnage von Yasmina Reza, A.d.R.) aus dem Jahr 2011.

Sein Buch wurde in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich interpretiert. „In Spanien, Italien und Israel wurde es als Gesellschaftssatire angesehen, was es meiner Meinung nach nicht ist“, so Koch grüblerisch. Dies gilt auch für seinen jüngsten Roman Sommerhaus mit Swimmingpool. Während holländische Leser den schwarzen Humor des Romans zu genießen scheinen, lobten deutsche Kritiker die Demontage scheinheiliger, spießbürgerlicher Moral.

Koch besteht darauf, dass die gesellschaftskritischen Elemente nicht beabsichtigt seien und bemerkt, dass er nicht versuche, sich über die Moral eines Buches Gedanken zu machen. „Wenn man ein Buch schreibt, das 2005 oder 2010 spielt, reflektiert das selbstverständlich die Gesellschaft und das, was dich umgibt“, sagt er. „Ich versuche in einem Roman ganz bestimmt nicht, eine Meinung zum Ausdruck zu bringen. Ich versuche, so viele Ansichten wie möglich wieder zu geben. In Ian McEwans Roman Saturday findet sich ein sehr gutes Beispiel, und zwar eine Diskussion zwischen einem Vater und einer Tochter über den gerade beginnenden Irak-Krieg. Es ist allseits bekannt, dass Ian McEwan Anti-Bush ist, aber er nennt alle Argumente für den Krieg, und er führt sie genauso aus. Genau das sollte man als Romanautor tun.“

Europäisch, spanisch und holländisch

Kochs Ehefrau ist Spanierin und er selbst hat sechs Jahre in Spanien gelebt. „Ich lebe aber nicht mehr dort, auch wenn das noch in Wikipedia steht“, lächelt er. „Ich fühle mich in Barcelona sehr zu Hause. Wenn ich Spanisch spreche, ist es, als würde ich mich in eine andere Person verwandeln, und plötzlich bin ich einfach die spanische Version meiner selbst.“ Koch beschreibt sich trotzdem nicht als europäisch, auch nicht als holländisch - sondern sieht sich irgendwo dazwischen. „Ich muss akzeptieren, dass ich Holländer bin. Wenn man lediglich sagt, ‚Ich bin Europäer‘, dann unterdrückt man etwas. Holland kann auf eine gewisse Art sehr provinziell sein. Ich sehe es einfach als eine Provinz von Europa. Manchmal denken Leute aus Amsterdam wirklich, dass sie in einer kosmopolitischen Stadt leben. Tatsächlich fühlt es sich jedoch eher wie eine ruhige, provinzielle Stadt an, in der eben zufällig eine Menge passiert.“

„Wenn ich Spanisch spreche, verwandle ich mich in eine andere Person, und plötzlich bin ich diese spanische Version von mir selbst.“

Angerichtet, Kochs sechster veröffentlichter Roman, mag den Durchbruch des Neunundfünfzigjährigen angekündigt haben - er selbst ist allerdings nicht davon überzeugt, dass sich sein schriftstellerisches Arbeiten in den letzten zwanzig Jahren dramatisch verbessert hat. „Der erste Roman, den ich geschrieben habe, hat die gleiche Qualität wie mein aktueller. Es hat mir nur mehr abverlangt, ihn zu schreiben. Ich erinnere mich daran, als ich mein erstes Buch geschrieben habe und versuchte, den ganzen Tag zu schreiben… ohne gute Ideen zu haben, ohne Inspiration. Um fünf Uhr pflegte ich eine Flasche Whiskey zu öffnen und mir ein paar Gläser einzuschenken. Und dann dachte ich, ‚Oh, ich weiß!‘ und schrieb zwei Seiten. Viele Schriftsteller“, erzählt er mir, „würden alles, was sie nach einem Drink geschrieben haben, verwerfen. Aber ich las diese Seiten am nächsten Tag noch einmal und dachte: ‚Das ist so gut – so kann ich niemals schreiben!‘ So habe ich also mein erstes Buch verfasst. Ich dachte, dass ich das vielleicht brauchte, um die Scheu, die ich vor dem Schreiben hatte, zu überwinden. Mit zunehmender Übung braucht man das immer weniger.“ Hier unterbricht er sich selbst.

Auf die Idee für Angerichtet kam Herman Koch übrigens am Heiligabend - nach einigen Gläsern Bier. „Auf so eine Idee kommst du nur in diesem Zustand. Du bist absolut nicht betrunken, aber fühlst dich entspannt. Die einzige Sache ist, dass du deine Idee am nächsten Tag unbedingt ‚kontrollieren‘ musst. Du musst dein eigener Sekretär sein und dich fragen, ob dies wirklich eine gute Idee gewesen ist.“

Illustrationen: Teaser: mit freundlicher Genehmigung von ©Herman Koch offizielle Facebookseite; Videos: Jiskefet- Auftritt (cc)Beerputje; Interview (cc)High Impact Tour/Youtube.