Kultur

Harry Potter: Der schwule Dumbledore und die Heiligtümer der Urheberrechte

Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 23. Oktober 2007
Ende Oktober werden die französischen und deutschen Übersetzungen des siebten Harry Potter veröffentlicht - aber bereits im Juli konnte man Harry Potter und die Heiligtümer des Todes in mehreren Sprachen lesen.

Die englische Ausgabe Harry Potter and the Deathly Hollows wurde am 21. Juli 2007 veröffentlicht. Drei lange Monate mussten französische und deutsche Leser auf die lang ersehnte Ausgabe in ihrer Sprache warten. Und auch wenn ihnen die Wartezeit durch kürzliche Enthüllungen ein wenig verkürzt wurde - J.K. Rowling hatte bei einer Lesung in New York verkündet, dass Pottermentor Dumbledore schwul sei - machten sich eifrige Fans ab dem ersten Tag der Veröffentlichung an die Übersetzung des siebten Potter-Bandes.

Die weltweit populäre Reihe von J. K. Rowling ist durch internationales Urheberrecht geschützt. Es ist also verboten, den Romantext ohne Erlaubnis des Inhabers der Urheberrechte zu vervielfältigen. Ebenfalls unter das Verbot fällt die Produktion einer vom Original abgeleiteten Bearbeitung des Werkes: beispielsweise eine Übersetzung.

Handbuch der Übersetzungspiraterie

Einige Übersetzer machen Gewinne, indem sie frühe Schwarzmarkt-Übersetzungen in Peer-to-Peer-Netzwerke (Netzwerke mit gleichrangigen Arbeitsstationen, kurz: P2P) wie Kazaa oder BitTorrent stellen, wo man sie innerhalb von drei Minuten herunterladen kann. Diese finanzieren sich hauptsächlich über Werbung, die Firmen auf den Seiten der Übersetzer schalten. Die Anwälte des britischen Verlagshauses Bloomsbury tun alles, um illegale Übersetzungen zu verfolgen und zu löschen.

Zur Gruppe von Möchtegern-Übersetzern gehört beispielsweise die Internet Fan-Gemeinde "Harry auf Deutsch". Auch Einzelne tun sich zunehmend auf diesem Feld hervor, wie zum Beispiel ein französischer Sechzehnjähriger aus Aix-en-Provence. Am 4. August 2007, nur wenige Tage nach der offiziellen Veröffentlichung des englischen Originals, war es ihm gelungen, alle 759 Seiten von Harry Potter and the Deathly Hollows ins Französische zu übertragen. Das Übersetzen des Buchs für private Zwecke stellt an sich noch keine Straftat dar. Sobald man die Übersetzung jedoch online Dritten zur Verfügung stellt, macht man sich strafbar. Doch die Pottermania sprengt alle Grenzen. Harry Potter-Fans konnten es offenbar nicht erwarten, zu erfahren, ob der fiese Lord Voldemort den jungen bebrillten Protagonisten besiegen und vernichten wird.

Der Trend, Potter-Bücher fieberhaft zu übersetzen, sobald sie auf dem Markt sind, ist ein "Party next door"-Syndrom. So bezeichnet es der Internet-Blogger 'bodo' in einem Artikel über eine illegale ungarische Übersetzung des Romans. "Das Internet hat einen globalen, parallel laufenden Medienbereich geschaffen. Das Million Dollar-Marketing des Marktes sickert in parallele Märkte und schafft dort eine Nachfrage, wo noch gar kein befriedigendes Angebot da ist."

CopyKnights

Moderne Technologien helfen dabei, die Copyright-Piraten aufzuspüren. "Wir bringen den Servern von FreeTranslation.com bei, Verzeichnisse so genannter "unfound words" anzulegen - das sind Wörter, die nicht von der Übersetzungstechnologie erkannt werden", sagt Jay Marciano, Leiter der Abteilung Machine Translation Development des Online-Dienstleisters FreeTranslation.com. In einem Blog beschreibt Marciano den automatischen Prozess des Auffindens illegaler Harry-Potter-Übersetzungen auf seinem Server. "Wenn Wörter wie 'Hermione' (die Heldin des Romans), 'Dumbledore' (Direktor der Zauberschule) oder 'Voldemort' (Harrys Erzfeind) sehr häufig in unseren Verzeichnissen auftauchen, können wir daraus auf den Inhalt schließen, der übersetzt wird."

Das Heer von Organisationen, die gegen die Fälschungen kämpfen, schlägt bei den Verlagen Alarm, sobald es Material findet, das die Urheberrechte der Verleger zu beeinträchtigen scheint. Anwälte können eine zwei- bis dreitägige Blockierung der Webseiten einfordern. Natürlich hängt dies von der Kooperationsbereitschaft der Webseiteninhaber ab.

Harry-auf-Deutsch - die Übersetzercommunity

Im Jahr 2000 gründeten Bernd Koeleman und seine Tochter "Harry-auf-Deutsch". Wer sich anmeldet, bekommt 2,5 Seiten Text und sendet die Übersetzung an HaD. Andere Teilnehmer lesen Korrektur. Das Copyright bleibt gewahrt: Nur wer das Original besitzt, kann mitmachen. Den download am Ende gibt es nur für akzeptable Übersetzungsleistung. Ganz nebenbei wurde auch das umfangreichste Lexikon zur Potterologie zusammengetragen. Realisiert wurden Gemeinschaftsübersetzungen der Bände 5, 6 und 7. Mittlerweile preisen Pädagogen das Projekt als ein "neues Kapitel in der digitalen Lern- und Lesekultur".

Die Übersetzungsphase dauerte 6 Wochen, eine Blitzübersetzung stand nach 48 Stunden. Wie lange war der Vorlauf?

Insgesamt hat die Vorbereitungsphase etwa 4 Monate gedauert.

Wer macht bei Harry-auf-Deutsch mit?

Mit etwa 8.000 Teilnehmern ist die Community sehr bunt. Die Teilnehmer sind 12 bis 50 Jahre alt und kommen aus allen Berufsgruppen. Im Forum gibt es auch einen Vorstellungsthread. Was alle verbindet, ist die Begeisterung für die Texte von J.K. Rowling. Je nach Anzahl der Postings werden "Hausränge" vergeben, vom Muggel bis zum Chef des Wizengamot.

Ist jetzt mit dem Abschluss der Heptalogie auch das Ende von HaD gekommen?

Nein, zunächst übersetzen wir Fanfiction aus den USA und dann in Kooperation mit englischsprachigen Verlagen thematisch Ähnliches.

Autor: Anke Wagner-Wolff

Fotos: Inbox Deutsches Buchcover (Carlsen Verlag GmbH 2007), Homepage (Bloomsbury)