Kultur

Gunther von Hagens: 'Öffentliche Anatomie ohne Werbung ist wie Theater ohne Spielplan'

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2008
Der Skandal-Plastinator, der mit seiner Ausstellung 'Körperwelten' regelmäßig in den europäischen Schlagzeilen vertreten ist, zu seinem umstrittenen Konzept der "ästhetischen Anatomie".

Sie bezeichnen Ihre Arbeit gern als "ästhetische Anatomie". Wie definieren Sie Ihre Ästhetik?

Mein Schaffen ist auf den Laien orientiert. Für ihn, nicht für den Experten arbeite ich. Insofern orientiert sich auch meine Definition der Ästhetik am Laienverständnis, wonach “ästhetisch” etwas Schönes, Ansprechendes bedeutet. Ästhetisch als Gegenpol zu hässlich. Folgerichtig ästhetisiere ich meine anatomischen Präparate.

Ist das Plastinarium ein Museum? Und was möchten Sie ausstellen?

Das Plastinarium ist das anatomische Theater der Moderne. Dort wird die Geschichte der Anatomie, die Herstellung von Plastinaten und das schöne Plastinat gezeigt. Mit schönem Plastinat spreche ich Anatomiekunst an, die ich als die ästhetisch-didaktische Präsentation des Körperinneren definiere.

Inwiefern entfremden Sie Ihre Exponate?

Die Exponate werden durch den Präparationsprozess entfremdet. Die Haut wird entfernt, Fett und Bindegewebe wird entfernt. Dem Gesicht wird eine neue charakteristische, mitunter sogar charismatische Ausstrahlung verliehen. Zur Entfremdung tragen auch die Gefäßkonstrastdarstellung (das Einfärben) von Glutgefäßen und der spezifische Präparationsplan bei. Deshalb: je tiefer präpariert wird, umso mehr wird der Körper entfremdet.

Ihre Plastinate sind zu großen Teilen in Szene gesetzt, als Schachspieler oder Sportler. Oft hat man Ihnen vorgeworfen, die Plastinate wie Kunstobjekte auszustellen.

Ich bin Erfinder und Wissenschaftler mit Interesse für Kunst, jedoch kein Künstler mit wissenschaftlichem Anspruch. In der Tat gibt es Gemeinsamkeiten. Kunstwerke wie Gestaltplastinte sind offen für Interpretationen. Es liegt im Auge des Betrachters, ob er das Plastinat nun als Kunstwerk oder als wissenschaftliches Aufklärungswerk wahrnimmt. Eine weitere Gemeinsamkeit zu Kunstwerken ist, dass die Schaffung von Kunstwerken wie die von Gestaltplastinaten 'Können' im Sinne von Könnenskunst benötigt.

Wenn Sie sich der Wissenschaft verschrieben haben, wieso sind ihre Exponate im letzten James Bond zu sehen?

Ein guter anatomischer Lehrer ist auch immer ein guter Schauspieler, ein Showman. Denn er sollte wissenschaftliche Sachverhalte einprägsam vermitteln können. Die moderne Lernforschung hat bewiesen, dass sich Wissen, wenn es an Emotionen gekoppelt wird, besser merken lässt. Deshalb sollte erfolgreiche öffentliche Laienanatomie immer auch Unterhaltung sein. Im James Bond Film wird mit den Poker-Plastinaten auf die Möglichkeiten der darstellenden Anatomie mit der Plastination aufmerksam gemacht und das Interesse für den Besuch der Ausstellung Körperwelten geweckt. Öffentliche Anatomie ohne öffentliche Werbung dafür ist wie Theater ohne Spielplan.

Warum könnte man Sie als 'kreativen Grenzgänger' bezeichnen?

Mein Leben ist dadurch geprägt, dass ich mich immer wieder zwischen [Gunther von Hagens (Foto: ©Gunther von Hagens, Institut für Plastination, Heidelberg, www.koerperwelten.de)] Extremen finde. Als mittleres Kind bei 5 Geschwistern bin ich im Spannungsfeld zwischen Kommunismus und Kapitalismus aufgewachsen. Beruflich stand ich stets zwischen Chemie und Medizin, anatomisch stehe ich in der Beurteilung im Spannungsbereich zwischen Anatomie und Kunst.

Ihre Ausstellung wurde weltweit für Effekthascherei und Provokation kritisiert: Welche Limits glauben Sie überschritten zu haben?

Keine. Denn ich habe niemals ein Plastinat entmenschlicht, beispielsweise eine Harnblase zu einer Blumenvase umfunktioniert. Ich bin aufklärender Anatom und werde anatomische Präparate stets auch als solche ausstellen.

Sie haben 2004 einen Vortrag mit dem Titel „Internationale Körperwelten“ gehalten und dabei über Ausstellungserfahrungen und Unterschiede in den verschiedenen Ländern berichtet. Worin bestanden diese Unterschiede?

Beispielsweise darin, dass sich in Japan 6 Prozent der Besucher in ihren moralischen Gefühlen verletzt fühlten, in Deutschland jedoch nur 2 Prozent. Andererseits wurde die Ausstellung in Deutschland - als Land mit hoher Streitkultur in den Medien - ausgesprochen kontrovers diskutiert, während in Japan, in einer auf Konsens ausgerichteten Gesellschaft, nicht ein kritischer Artikel über die Ausstellung erschien. In England war die Ausstellung ähnlich stark wie in Deutschland umstritten, wenn auch aus anderen Gründen, wie dem der unterschiedlichen englischen Anatomiegeschichte, in der der Leichendiebstahl und sogar die Ermordung von Menschen für anatomische Zwecke eine so große Rolle spielten, dass das Parlament sich veranlasst sah, ein Anatomiegesetz zu erlassen. In der Schweiz begegnete uns ausgesprochene Sachlichkeit. Hier war die Ausstellung das große Thema bei der Basler Fastnacht.

Möchten Sie Ihren Körper selbst plastinieren lassen?

Selbstverständlich! Was kann mir Besseres passieren, als nach dem Tod mit meinem Körper das fortzusetzen, was ich mein ganzes Leben lang getan habe, nämlich Anatomie zu lehren.