Kultur

Gruselkabinett Eurovision Song Contest

Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 20. Mai 2008

Liebe Leser, liebe Leserinnen - glauben Sie mir ruhig, dass es mir nicht leicht fällt, aber ich muss Ihnen die Wahrheit sagen. Sie surfen regelmäßig auf cafebabel.com und staunen ob der Vielfalt der behandelten Themen und der Qualität der Analysen. Sie machen sich keinen Begriff über die unmenschlichen Bedingungen, welche den Journalisten auferlegt werden! Letztens wandte sich die Hauptredaktion an mich: man bittet michdarum, einen Artikel über die Teilnehmer des Eurovision Song Contest (ESC) und ihre groteske Seite zu schreiben. Super! Voller Enthusiasmus sage ich zu. Armer Tölpel, der ich war.

©Deep Zone

Grölende Schwedinnen

Denn wer musste sich zig Videos auf Youtube reinziehen, mit Trommel spielenden Bulgaren, georgischen Kosaken, deutschen Cowboys und falsch singenden Französinnen? Genau, daran denkt nämlich niemand! Ja, ich habe die schreienden Schwedinnen gesehen, die turnenden Griechen und die elektronischen Ukrainer! Ich habe sie ertragen, die lesbischen Russinnen, die dänischen Tunten und die mehrstimmigen Serben! Das ist noch nicht alles. Der ESC ist auch eine gute Möglichkeit, die transatlantische Freundschaft zu stärken mit polnischen Mariah Careys, portugiesischen Jennifer Lopez’ und spanischen Backstreet Boys. Als ob ein Exemplar auf der Erde nicht reichen würde…

©Isis Gee by Rafał Masłow Aber Achtung. Während des Eurovision Song Contest findet man die Klischees nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Kabinen der Kommentatoren. Ich habe mir eine kleine Auswahl französischer Moderatoren zu Gemüte geführt und anscheinend sind die Spezialisten geworden, was anzügliche Kommentare und fremdenfeindliche Witze betrifft. Das Problem ist, dass während des ESC absolut nichts passiert und man ja irgendwie die Zuschauer unterhalten muss. Dafür gibt es nichts Besseres als ein gutes altes nationales Klischee oder gar einen kleinen machohaften Kommentar über das Outfit einer Sängerin. Das schadet nicht.

Warum der ESC so öde ist

Glücklicherweise habe ich Pausen gemacht. Diese ESC-Geschichte war auch ein guter Vorwand, um ABBA 1974 noch einmal “Waterloo„ singen zu hören und vor allem um noch einmal meine Favoriten - “Lordi„ - zu sehen. Sie erinnern sich: das sind die Gewinner von 2006, eine finnische „satanische“ (nun ja, laut den damaligen französischen Kommentatoren) Hardrockgruppe. Eher Pop als richtiger Hardrock, aber trotzdem witzig.

Und da habe ich mich gefragt, warum der ESC eigentlich so öde ist. Muss der interkulturelle Dialog automatisch durch eine Gleichmachung nach unten geschehen? Das ist eine wahrhaft philosophische Frage. Ich würde sogar sagen, DIE philosophische Frage, wenn es um den Prozess internationaler Integration geht. Setzt die Öffnung für andere Kulturen die Nutzung grob vereinfachender Formate voraus, das Ende jedweden künstlerischen Schaffens und schließlich den Verfall der Kreation? Dies ist von Anfang an das Argument der Anhänger für die Erhaltung „reiner“ nationaler Identitäten. Und jedes Jahr scheint ihnen der ESC Recht zu geben…

Außer, dass der ESC nichts mit dem aktuellen Vereinigungsprozess des Kontinents zu tun hat. Man neigt manchmal dazu zu vergessen, dass der ESC, oder vielmehr der „Concours Eurovision de la Chanson“, von nationalen Fernsehsendern veranstaltet wird, welche in der Europäischen Rundfunkunion (EBU) vereinigt sind. Am Anfang, 1956, war dieser Wettbewerb lediglich ein Mittel für diese Sender, um neue Programme ausstrahlen zu können. Der ESC ist also alles andere als eine Instanz kulturellen Austauschs oder musikalischer Entdeckung. Er ist lediglich eine gigantische Unterhaltungsshow.

50 Jahre Verspätung

Man versteht jetzt besser, wieso man jedes Jahr das Gefühl hat, in ein Gruselkabinett einzutauchen und mit ansehen zu müssen, was für furchtbare Dinge in ganz Europa geschehen. Aber der ESC sagt uns nichts über das musikalische Schaffen in Europa.

Diese Sendung ist eher ein Spiegelbild dessen, was die Fernsehsender über die europäische Bevölkerung denken.

Wenn ein nationaler Fernsehsender seinen Kandidaten für den Wettbewerb auswählt, dann fragt er sich, was am besten beim internationalen Publikum ankommt. Und da er davon ausgeht, dass die Zuschauer aus anderen Ländern noch dümmer sind als seine eigenen, findet man sich wieder mit dieser schlechten Mischung aus Pop und Folklore. Ob Rock, Hip Hop oder elektronische Musik, Europa ist ein Kontinent mit starkem musikalischen Schaffen und unsere Einflüsse sind nicht mehr nach ihrer Herkunft geordnet. Es gibt keinen Verfall in Europa. Nur hinkt das europäische Fernsehen 50 Jahre hinter seinen Zuschauern her.