Kultur

Grönländischer Film in Dänemark: Horror, Schnee und Hollywood

Artikel veröffentlicht am 26. März 2012
Artikel veröffentlicht am 26. März 2012
„Kulturprojekte aus Grönland gibts in Dänemark nur in öffentlichen Bibliotheken“, weissagt ein Däne, den ich treffe. Doch stetig werden solche Projekte auch für die Dänen interessant. Das zeigt ein Besuch des nordatlantischen Filmfestivals, das zwei Mal im Jahr in Kopenhagen stattfindet. Zum ersten Mal steht der grönländische Film im Mittelpunkt des Interesses.

2012 brachte die erfolgreiche dänische Fernsehserie Borgen das gespannte Verhältnis von Dänemark und Grönland in die Wohnzimmer der Europäer. Sie zeigte, dass Dänen praktisch überhaupt nichts über Grönland wissen - und dass die kolonialen Schubladen im Kopf noch immer bestehen. Doch dass das Land nun öfter in den Medien auftaucht zeigt, dass Grönland einen wachsenden Einfluss auf die dänische Kultur hat. Der Blick auf Grönlands ambitionierte Filmindustrie lässt allerdings Anderes vermuten. Sie enthüllt eine faszinizerende Kultur - für die sich kaum jemand außerhalb Grönlands interessiert.

Premierministerin Birgitte Nyborg besucht zum ersetn Mal Grönland

Koloniale Vorurteile

Je weiter ich mich vom Stadtzentrum Kopenhagens entferne, desto leerer und verlassener werden die Straßen. Je mehr ich mich dem grönländischen Filmfestival im Nordatlantikzentrum nähere, desto trostloser erscheint die Nachbarschaft im Stadtviertel Christianshavn. Drei freundliche, angetrunkene Obdachlose suchen vor dem stechenden Wind Zuflucht. Ich kaufe ihnen eine Straßenzeitung ab. Der Verkäufer, ein Mann in den Dreißigern, hilft mir in gebrochenem Englisch, das Wechselgeld abzuzählen. Zum Abschied winkt er mir aufmunternd zu. Alle drei tragen haben die gleiche dunkle Gesichtsfarbe, die gleichen feinen Gesichtszüge.

Sie seien die sichtbaren Grönländer in Dänemark, erzählt mir später die Graphikdesignerin Ivalu. Laut einer dänisches PlakatStudie des grönländischen Parlaments, lebten 2007 etwa 18000 GrönländerInnen - in erster Generation oder als Nachfahren von Einwanderern - in Dänemark. Ivalu ist eine von ihnen: Ihre Mutter stammt aus Grönland, ihr Vater ist Däne. Die Tochter gehört zum dänischen Bildungsbürgertum: Als wir uns an diesem Nachmittag treffen, stoßen wir zuerst auf ihre Beförderung zur Geschäftsführerin an. Als Kleinkind sprach Ivalu nur grönländisch, im Kindergarten und in der Schule nur noch dänisch. Als Erwachsene musste sie ihre Muttersprache dann mit viel Mühe neu erlernen. Diese Entwicklung ist typisch für viele junge Grönländer. Sie leben in zwei Welten: Sie sind Dänen und Grönländer zugleich. In der Schule lernen sie alles über Dänemark. Doch Sprache die jungen Grönländer sprechen sollen - darüber sind sich die verschiedenen politischen Lager nicht einig.

Viele Landsleute Ivalus sind in Dänemark durch das soziale Netz gefallen. Bis zu 10% der Grönländer, so Schätzungen, leben in Dänemarks U-Bahnstationen. In den Augen vieler Dänen sind sie der Prototyp der Grönländer. Den abschätzigen Blick auf die Bewohner der 4000 km entfernten einstigen Kolonie - es gibt ihn noch immer.

Das grönländische Kino seit 2009

Nach 300 Jahren dänischer Besatzung erhielt Grönland 1979 die Autonomie. Seit 2009 hat es eine gänzlich unabhängige Justiz und Polizei und verwaltet auch seine natürlichen Ressourcen selbst. Irgendwann, so die Hoffnung, könnte die Insel ein unabhängiges Land werden. Auch jeden Fall beginnen die Grönländer, mehr Selbstbewusstsein für die eigene Kultur zu entwickeln, meint Vivi Nielsen, eine ehemaligen Schauspielerin, die diese politische Wandlung miterlebt hat. "Als grönländischer Schauspieler in Dänemark zu arbeiten, ist schwierig“, gibt Vivi zu, als wir im Grönlandhaus sitzen, das im Stadtzentrum Kopenhagens in einer Seitenstraße versteckt liegt. „Dir werden immer dieselben Rollen angeboten.“

Es gibt nur wenige Artikel oder Bücher, die sich mit Grönland befassen. Am bekanntesten ist Fräulein Smillas Gespür für Schnee des dänischen Autors Peter Hoeg - ein Roman, der 1992 erschien und auch verfilmt wurde. Hoeg kritisiert darin die Ausbeutung Grönlands und die Ignoranz Dänemarks. Doch er tritt auch in eine Falle: Er verklärt Grönland und seinen "authentischen" Lebensstil. Einer der Hauptcharaktere ist sogar Alkoholiker. 

Am anderen Ende der Brücke sieht man ein Licht. In dem von Kerzenschein erhellten Loft haben sich die typischen Programmkinogänger in freudiger Erwartung zusammengefunden. Sie wollen sich Shadow In The Mountains, den neuesten Horrorfilm aus Grönland ansehen (Skygger I feldet oder Qaqqt Alanngui, 2011). Statt Popcorn gibt es Wein. Studenten mischen sich unter Frauen mittleren Alters, und mindestens die Hälfte der Anwesenden, die eilig ihre Plätze einnehmen, sind Inuits. Das Schweigen wird durch Gelächter und Gekreische unterbrochen.

Grönland beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Nur etwa 55.000 Menschen leben auf der Insel - doch die Filmindustrie wächst beständig. Die ersten vorsichtigen Versuche entstanden in den 90er Jahren als dänisch-grönländische Kooperationen. Heart of Light (Qaamarngup uummataa) aus dem Jahr 1998 ist nur ein Beispiel. Erst 2009 erregte das grönländische Kino internationale Aufmerksamkeit. Der Film A Man of Nuuk (Nuumioq) des grönländischen Regisseurs Otto Rosingund des dänischen Regisseurs und Drehbuchautors Torben Bech war ein Meilenstein für die kleine Industrie. Eurphorisch wurde für den Spielfilm geworben, der als erster vollständig in Grönland produziert worden war. Rosing wollte den Dänen ein ehrliches Bild von GrÖnland vermitten, irgendwo zwischen obdachlosen Alkoholikern und in Iglus hausenden Eskimos. Die dänische Crew arbeitete mit Laiendarstellern und Jugendlichen aus Grönland: so wollte sie das Know-How für den Aufbau einer Filmindustrie an die Grönländer weitergeben. Wie es der Zufall will, kann sich der Film, der am heutigen Abend gezeigt wird, schon einer gänzlich grönländischen Crew rühmen.

Das dänische Publikum fehlt

Doch Begeisterung für den Film hält sich in Grenzen - sowohl bei den Dänen, als auch bei den Grönländern. „Im Grunde ist das nur ein Frauenfilm à la Hollywood, der in Grönland spielt“, merkt der Halbgrönländer Pauli abwertend an. Der Bösewicht aus ihren Kindergeschichten scheint immer noch am Leben zu sein, wohlauf und munter mordend. Shadow In The Mountains wurde als "der beliebteste Film Grönlands aller Zeiten" angepriesen. Weil die offiziellen Vorstellungen rasend schnell ausverkauft waren, musste das Nordatlantikzentrum drei zusätzliche Shows anbieten.

Für heute Abend löst sich das das Publikum schwatzend und zufrieden auf. Fast konne man denken, die grönländische Kultur habe doch ihren Weg in die dänische Gesellschaft gefunden. Andererseits ist dies hier kein Kino, sondern nur ein umfunktioniertes Loft mit Leinwand.

Überraschend ist das nicht. A Man of Nuuk lief beispielsweise niemals in den dänischen Kinos - obwohl eine dänische Crew und ein dänischer Regisseur daran mitgewirkt hatten. „Grönländische Filme sind für das lokale Publikumn gemacht. Zu sehr, als dass man sie hier zeigen könnte“, sagt der Regisseur Toben. Vivi Nielsen bestätigt das: Nur selten verirrten sich Dänen auf die Veranstaltungen. Tun sie es doch, haben sie sicher eine persönliche Verbindung zur Insel. Aus reiner Neugier kommt kaum jemand.

„Ehrlich gesagt: Es kümmert mich nicht, was da drüben passiert“, erzählt mir einige Stunden später ein dänischer Student in einer Bar. Was die Hauptstadt Grönlands ist, konnte er auch nur zögerlich beantworten.  Dabei hat Grönland seit 2012 sogar eine eigene Schauspielschule. Die Talente Grönlands treten hervor, um ihre Geschichten zu erzählen. Das dänische Publikum lässt dagegen auf sich warten.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe 2012 MULTIKULTI on the ground. Mit Dank an Ulrik  Borchund das cafebabel.com Localtteam.

Fotos: Titel S.O.S. Isbjerg ©Greenlandic film festival; Borgen ©Screenshot Borgen/ Videos: Qaqqat Alanngui’ trailer (cc)TumitProduction; ‘Nuumioq’ trailer (cc)qosikim/ beide über Youtube