Kultur

Gravity Co.: „Keinen Bock auf das traditionelle bulgarische Rampenlicht“

Artikel veröffentlicht am 27. September 2011
Artikel veröffentlicht am 27. September 2011
Wie Magneten ziehen sie quasi alle Musikpreise in Bulgarien magisch an, so beispielsweise die Auszeichnung zur „Band des Jahrzehnts“ des nationalen Musiksenders MMTV im Jahr 2008. Jene vier Musiker, die die progressive Musikszene Bulgariens so geschickt wiederbeleben, nennen sich Gravity Co. und kommen aus Sofia.
Aus der traditionellen Musiklandschaft des Landes stechen sie heraus wie lakritzschwarze Aliens. Ihr viertes Album ist für 2011 angekündigt.

Noch in diesem Jahr veröffentlichen Gravity Co. aus Sofia ein neues Album, und zwar im Stil, der ihr Markenzeichen geworden ist - Indietronic. Sie verbinden Elemente der New Wave mit einem Spritzer Elektro-Pop und krönen das Ganze mit einem Hauch britischem Spirit. Die Band entwickelte sich aus einem Musikprojekt, das 2001 gegründet wurde, um den Soundtrack für ein Spiel namens Trans zu komponieren. Wir können uns glücklich schätzen, dass diese Zusammenarbeit niemals endete. Gravity Co. stehen nirgends unter Vertrag, sind aber gute alte Bekannte auf dem bulgarischen Spirit of Burgas Festival. Im Juli 2004 wurde ihre Single "Wings" aus ihrem zweiten Album als erstes Musikvideo eines bulgarischen Interpreten auf MTV gespielt. Wer aber nun sind Gravity Co.? Cafebabel.com Budapest traf Yavor Zahariev (Gesang), Peter Samnaliev (Keyboard und Programming), Ivo Chalakov (Gitarre) und Stefan Popov (Schlagzeug) auf dem diesjährigen Sziget Festival in Budapest, wo die Band die Europa-Bühne zum Beben brachte.

cafebabel.com: Ist es schwierig, mit eurer anspruchsvollen Musik in der bulgarischen Szene zu bestehen?

Gravity Co: Wir sind eine Band, die dafür geliebt wird, gehasst zu werden. Man lobt uns für unseren facettenreichen, vollen Sound und wir gewinnen viele Preise. Aber wir werden unter den modernen Bands regelmäßig verrissen – unsere Songs sind alle auf Englisch und wir haben keinen Bock auf das traditionelle bulgarische Rampenlicht.

cafebabel.com: Wie würdet ihr euren Stil beschreiben?

Gravity Co: Wir lieben die die Kombination aus Synthesizer und pumpenden Beats, aus starken Bässen und verzerrten Gitarren. Darüber legen wir einen warmen melodischen Gesang.

cafebabel.com: Ist diese Subkultur in eurem Land sehr erfolgreich oder handelt es sich eher um eine Nische mit überschaubarem Publikum?

Gravity Co: Wir halten unsere Augen offen für neue und interessante Künstler. Dennoch sind wir normalerweise erleichtert, wenn wir merken, dass sich der Markt kaum verändert hat. Die Indie-Szene hatte ihren Höhepunkt zur Jahrtausendwende und stürzte dann ab. Wir hoffen jedoch immer noch auf ein Comeback. Wir würden es uns wirklich wünschen, mehr Bands in Bulgarien spielen zu sehen.

cafebabel.com: Wie war euer Gig auf dem Sziget Festival? Wart ihr mit eurem Aufenthalt in Budapest zufrieden?

Wir bezeichnen uns als Indietronic!Gravity Co: Budapest ist umwerfend. Es hat eine Atmosphäre wie keine andere europäische Hauptstadt. Wir haben uns wirklich verliebt! Sziget hat uns total begeistert. Das Aufgebot an Bands, das Konzert, die Massen an Fans, absolute Spitzenklasse. Unser Gig war emotional. Wir spielten auf einer kleineren Bühne irgendwann am Nachmittag und hatten ein kleineres Publikum, als wir uns erhofft hatten. Aber wir denken, dass unsere Botschaft angekommen ist: „Wir sind Gravity Co. und wir sind eine geniale Band. Behaltet uns im Auge!“ Aber ihr Ungarn müsst etwas an eurer Sprache ändern. Es ist unmöglich, euch zu verstehen.

cafebabel.com: Glaubt ihr, dass der amerikanische Einfluss in Bulgarien größer ist als der aus Westeuropa?

Gravity Co: Der Weg zur Verwestlichung ist überall ähnlich, egal wo man ist. Klar ist der amerikanische Einfluss deutlicher, aber dank der heutigen Technologie gibt es jetzt viel mehr Trends, denen man sich anschließen kann. Heutzutage sind viel mehr Informationen zugänglich, als es in Zeiten des Sozialismus der Fall war. Die Leute können sich jetzt ihre Werte aussuchen. Bulgarien unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht viel von Ungarn. Beide Länder mussten sich von unterdrückerischen Regimes erholen und haben eine schwere Zeit durchgemacht. Jetzt gehören beide Länder zur EU [Bulgarien seit 2007 und Ungarn seit 2004; A.d.R.].

cafebabel.com: Wer inspiriert euch?

Gravity Co: Terry Gilliam, Steven Soderbergh, Guy Ritchie, Hunter Thompson, Joseph Heller, Jack Kerouac – Wir sind alle Film- und Literaturfanatiker. Das Repertoire unserer musikalischen Einflüsse wächst täglich, aber die Beatles und Nine Inch Nails sind immer auf unseren MP3-Playern zu finden.

cafebabel.com: Erarbeitet ihr die winzigen Details eurer Musik bewusst und rational? Oder geht es eher darum, ein unbewusstes Genie zu entfesseln? Eure Musik ist so präzise und wohl überlegt, dass dies für den Zuhörer schwer einzuschätzen ist.

Gravity Co: Ivo, unser primärer Songschreiber, sagt immer, Musik sei eine exakte Wissenschaft. Wir sind eine der Bands, die nur wenig dem Schicksal überlassen. Wir verfolgen in der Tat den analytischen Ansatz. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Zeit wir damit verbringen, über Details zu sprechen.

cafebabel.com: Zu guter Letzt: Ich habe einige sehr künstlerische Videoclips von euch gesehen…

Gravity Co: Wir hegen leidenschaftliche Liebesbeziehungen zur Kunst und zu Künstlern. Manchmal sind wir geradezu vernarrt in einen Künstler und gehen dann damit zu weit. Seid nicht überrascht, wenn ihr Petar mit einer Zahnspange seht. Das liegt daran, dass sein derzeitiger Lieblingsdokumentarfilmer auch eine trägt.

Illustrationen: Fotos (cc)Gravity co/Myspace; Video (cc)anji777 /YouTube