Kultur

Goran Bregovic, im europäischen Tempo

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2006
Mit Violine, Bandoneon und Schulterriemen durchquert Goran Bregovic Eurpa in allen Himmelsrichtungen. Der serbokroatische Komponist wurde nicht nur als Rockstar, sondern auch durch seine Kinoprojekte mit Emir Kusturica bekannt.

Goran Bregovic ist die Galionsfigur des kulturellen Mosaiks des Balkans. In einer prächtigen Loge im Pariser „Cabaret du Sauvage“ werde ich von dem vielseitigen Künstler empfangen, dessen Zigeuneroper „Karmen - mit Happy End“ seit Dezember auf dem Spielplan steht. Sein Gesicht wird von zersausten Haaren eingerahmt; seine Augen funkeln noch vom Zauber des Auftritts den er gerade vor ausverkauftem Saal absolviert hat. Bei einem Glas Whisky erzählt mir Bregovic von seinen Anfängen in Sarajewo, seiner Geburtsstadt. „Ich habe meine ersten Noten auf einer Violine gespielt, aber damals waren die Mädchen eher auf Gitarristen aus. Mit 16 bin ich dann als Gitarrist aufgetreten, zuerst in Striptease-Bars.“

Sein Lebensweg verläuft nicht geradlinig, ist deshalb aber nicht weniger beispielhaft. Er wird als Sohn eines serbischen Vaters und einer kroatischen Mutter geboren. Eigentlich dachte er, seine Generation könnte der Erfahrung „eines Krieges entkommen. Vergebens.“ Sein Vater und Großvater waren beide Oberst. „In jeder Familie gab es einen Offizier, weil ihre Heimatländer damals einen großen Bedarf als Militärs hatten.“ Im Jahr 1991, als sich die Konflikte in Jugoslawien zuspitzen, komponiert Bregovic die Musik zu Emir Kosturicas Film „Arizona Dream“. Der Film wird zum Teil in Paris gedreht; Bregovic beschließt, sich in einem kleinen Appartement im Marais-Viertel niederzulassen, dass er sich in seiner Jugend gekauft hatte. „15 Jahre lang war ich der größte Rockstar in meinem Land und plötzlich hatte ich alles verloren. Es ist schwer,zum zweiten Mal bei Null anzufangen. Ich hatte Panik und musste anfangs viel harte Arbeit leisten.“ In drei Jahren komponiert er zu 20 Filmen die Musik und macht nebenbei Werbung für Margarine oder Parfüm. „Ich hatte Glück, dass ich nicht in Sarajevo im Gefängnis saß, sondern in Paris lebte, in einer Stadt, die seit Jahrhunderten russische und skandinavische Schriftsteller, und spanische Maler aufnimmt. Woanders kann man es als Jugoslawe höchstens zum Dieb oder zum einfachen Arbeiter bringen, aber nie zum Künstler. Außer hier.“

Rasender Erfolg

Im perfekten Französisch mit leicht slawischem Singsang erzählt er bescheiden seine zweite Erfolgsgeschichte, wie er sich mit Geschick und Einfühlungsvermögen die Welt der Bühne und des Filmwelt eroberte. Er schrieb die Musik zu den Filmen von Emir Kusturica, Patrice Chéreau oder dem Rumänen Radu Mihaileanu. Und er gibt zu, dass er die Filmmusik zu „Time of the Gypsies“, für die er in Frankreich die goldene Schallplatte erhielt, nur seinem Freund Emir Kusturica zuliebe geschrieben habe. Denn er sei „kein guter Komponist für Filmmusik, es langweilt mich eher. Außerdem ist meine Musik zu aggressiv für diese Art von Inszenierung. In Wahrheit hatte ich das Glück, mit Regisseuren zu arbeiten, die keine Komponisten im eigentlichen Sinne brauchten.“

Für den Vorreiter des Multikulturalismus ist es eine große Herausforderung, wenn er die Auftritte andere Künstler in Szene setzt, sei es der amerikanische Punkrock-Musiker Iggy Pop, die jemenitisch-israelische Popsängerin Ofra Haza oder die kapverdische Sängerin Cesaria Evora. Er versucht dabei immer, sämtliche nationale und religiöse Traditionen zu vermengen. Bregovic ist mit einer Bosniakin verheiratet und beschreibt sich selber als „ein Komponist, der in einer abwechslungsreichen Umgebung aufwuchs, in einer Region, die fast 500 Jahre lang unter türkischer Herrschaft stand und somit genau die Grenzlinie zwischen orthodoxen Katholiken und Muslimen bildet.“

Dem Mischmasch der Kulturen, dem er entstammt, hat ihn zur Zigeuneroper „Karmen“ inspiriert. Die Hauptfigur ist die slawische Ausgabe von Karmen, mit K geschrieben. Sie bleibt ihren Balkanwurzeln in Gesang und Tanz treu. Ganz im Sinne Bregovics. Karmens Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten: „Die Mädchen aus dem Osten kommen voller Hoffnung nach Europa und enden als Prostituierte auf der Straße.“ Stolz betont er, dass die Oper den Anspruch habe, alle folkloristischen Elemente einer Zigeuneroper zu erfüllen. Er glaubt, Oper sei „für Reiche, aber die Leute interessieren sich genauso für Opern von Armen, die man auf Hochzeiten und Beerdigungen spielen kann.“ Wette gewonnen: Die Oper hat seit ihrer Komposition die die Welt durchreist. Sie wurde in Argentinien, Russland, Deutschland, Israel und Japan aufgeführt.

Freigeist vom Balkan

Bregovic ist unangefochtener Botschafter der Balkan-Musik. Seit 10 Jahren tourt er mit seinem berühmten „Orchester für Hochzeiten und Beerdigungen“, im Jahr 2002 erscheint das Album „Tales And Songs From Weddings And Funerals“. Er kennt die Kultur der „Zigeuner“ gut. Er bedauert, dass diese noch immer häufig Opfer von Diskriminierung in Ländern wie England und Frankreich, aber auch in Zentral- und Osteuropa sind. Deshalb wünscht er sich, dass ihnen mehr Beachtung geschenkt werden würde. Bregovic predigt die Errungenschaften der Zigeunerkultur. Sie seien ein Nomadenvolk, welche viel hervorgebracht hätten, unter anderem „Django Reinhardt, den Flamenco, und grundlegende Elemente der Musikkultur des Alten Europa.“

10 Jahre ist das Friedensabkommen von Dayton nun alt. Bregovic zuversichtlich, was die Zukunft der Balkanländer angeht. „Wenn man die Geschichte betrachtet, dann bemerkt man, dass das Verhalten der Völker, zwischen Begeisterung und Verzweiflung schwankt. Es wurden immer die gleichen Kriege geführt, zwischen Religionen, zwischen Ethnien, und Bosnien und das Kosovo standen oft unter einem ineffizienten europäischen Protektorat. Heute betrachten wir die Ereignisse optimistisch, weil wir glauben, dass Europa einen realistischen Plan für uns hat.“ Für ihn ist klar: „Die Zukunft Europas spielt sich auf dem Balkan ab, den die EU bald Balkan einkreisen wird: Griechenland im Süden, Bulgarien im Norden und bald auch Rumänien. Es wäre ein Problem für Europa, unbeugsame Länder in seiner Mitte zu haben.“

Goran Bregovic hält ein Glas Whiskey in der Hand, neben ihm stehen Gitarre und Bandoneon. Dann sagt er: „Die EU hat ein Interesse daran, uns ‚Wilde’ zu integrieren“. Und lächelt dabei.