Kultur

Giuseppe Rizzo erfindet das neue Sizilien

Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2013

Wie erklärt man der südlichsten Insel Italiens den Krieg? Indem man ihre Klischees zerstört und das wahre Gesicht der Mafiosi zeigt. Genau das versucht der junge italienische Autor Giuseppe Rizzo in seinem neuen Buch Kleiner Blitzkrieg um Sizilien zu schleifen (2013). Mit einer Kampfansage und Ironie berichtet er über schweigende Polizisten und mutige Menschen, von Liebesgeschichten und der Mafia.

DIE  KRIEGSERKLÄRUNG

Wenn ein Ausländer einen Italiener kennenlernt, sprudeln die Klischees über das „bel paese“ oft geradezu. Italien? Pizza, Spaghetti und eine Mandoline. Oder Berlusconi. Natürlich nicht zu vergessen der berühmte Ausruf “Mamma mia!”, meist etwas ironisch und allzeit vergnügt. Die Ikonen, die Mythen und die beliebtesten Geschichten sind oft die Symbole, mit denen ein ganzes Land identifiziert wird. Das gilt besonders für eine Insel wie Sizilien, die selbst wieder eine ganz eigene Welt ist. Daher auch der Titel des neuen Buches von Giuseppe Rizzo, in dem die Hauptfiguren diesen Klischees den Krieg erklären: „Kleiner Blitzkrieg um Sizilien zu schleifen.“ ("Piccola guerra lampo per radere al suolo la Sicilia" ): Ein Krieg gegen die Klischees und die literarischen Gemeinplätze, medienwirksam und banal, die seiner Meinung nach viel zu eng seien.  Aber vor allem ein Krieg gegen die Mafiosi der Provinz, die er ironisch „Läuse“ nennt. 

"Sizilien gibt es nicht."

Neben den Geschichten über Attentate und Blutbäder der Mafia, den Fernsehserien, Filmen, Romanen, Kriminalgeschichten, den Postkarten vom Meer und von den antiken Ruinen, den sizilianischen cannoli und Orangen – was bleibt vom heutigen Sizilien?  Rizzo will klarmachen, dass dieses Sizilien in den Köpfen der Menschen eine Vereinfachung der Realität ist, ein unzureichendes Zerrbild der Insel. Er will hingegen von der realen Gegenwart erzählen. Seine zentrale Aussage steckt in diesem Satz: „Sizilien gibt es nicht. Ich weiß das, denn ich wurde dort geboren.“ Den Gedanken spricht auch eine der Hauptfiguren des Buches aus, während sie mit einem Amerikaner diskutiert, der glaubt alles über das Land und die Kultur Siziliens zu wissen, bloß weil er im Kurs Geschichte des Mittelmeers eine Arbeit über die Insel geschrieben hat. Für den Autor stellen diese Aussagen ein Amulett gegen die tausenden Klischees und Gemeinplätze dar: „Wir müssen das heutige Sizilien begreifen und jenes alte, versteinerte der Kinofilme und Kitschbücher hinter uns lassen.“ Deshalb ist der junge Autor der Meinung, dass es notwendig ist, Sizilien literarisch neu zu erfinden, in klarer Distanz zu jeder fatalistischen oder romantischen Haltung zur Heimat. „Im Buch attackiert eine der Hauptfiguren brutal Pirandello, Tomasi di Lampedusa und Camilleri (Anm. d. Red.: berühmte italienische Schriftsteller). Ich habe nichts gegen diese Autoren persönlich, aber mich stört, wie sie in ihren Büchern das heutige Sizilien beschreiben. So kann man das nicht machen, das ist nicht richtig. All das blockiert die Sizilianer, die dadurch überzeugt sind, die letzten Romantiker einer unglaublich romantischen Dekadenz zu sein.“ 

JUNGE SIZILIANER, MIGRANTEN UND KOSMOPOLITEN

Rizzo schreibt über Sizilien und die Sizilianer aus einem neuen Blickwinkel und ohne falschen Respekt, es ist der Blick seiner Generation, der heute 30-Jährigen. Sie sind es, die aufgebrochen sind zum „Kontinent“ und da sie die kulturelle Vielfalt kennengelernt haben, reagieren sie allergisch auf jede grobe Vereinfachung der Realität. Die Erzählung strotzt vor Sarkasmus und Dreistigkeit.  Diesen Stil und seine Sichtweise auf die Welt erklärt der Autor derart: „Ich muss von jeder Situation sofort die lächerliche Kehrseite sehen, auch von den allertragischsten. Eine Geschichte aus dem Blickwinkel unserer Generation zu erzählen ist spannend, denn wir erzählen von den Widersprüchen und den tausenden Fehlschlägen der Gegenwart und unserer verschrobenen Leben. Wir sind Migranten und Kosmopoliten, vertraut mit einer Welt im ständigen Wandel, mit tausenden Identitäten und Kulturen. Schließlich kommt aber doch der Moment, an dem man sich mit der eigenen Herkunft auseinandersetzen muss – auch wenn ich beim Begriff Wurzeln etwas Ausschlag bekomme.“ 

Auch die Rückkehr bekommt in dieser Generation eine andere Bedeutung. Das wird vor allem deutlich, wenn man sie mit den 30er Jahren vergleicht, in denen Sizilianer in ganz Europa studiert und gearbeitet haben und dann auf die Insel zurückgekehrt sind. Oder mit den Brüdern Bonanno, die aus Notwendigkeit in den 70er Jahren emigriert sind und dann nach 30 Jahren aus Nostalgie zurückkehrten und von den „Läusen“ des Dorfes ermordet wurden, bloß weil sie ein Blumengeschäft eröffnet hatten, da den Mafiosi nicht passte. „Im Gegensatz dazu, denkt die Generation der spottbilligen Flugtickets von Ryanair und des Couchsurfings in ganz Europa anders und weniger ehrfürchtig über die eigene Herkunft nach“, meint Rizzo. Jedoch fügt der junge Sizilianer noch mit Bitterkeit hinzu: „Ein Land, das seinen Bewohnern keine Möglichkeit bietet, etwas aus ihrem Leben zu machen und sie dazu zwingt, ihr Glück jenseits der Grenzen zu suchen, ist grausam.“ 

DIE MAFIA ZWISCHEN REALITÄT, RHETORIK UND ERFINDUNG

Kleiner Blitzkrieg um Sizilien zu schleifen ist eine Erzählung mit viel Wahrheit und einer Menge Erfindung“, sagt Rizzo. Die Geschichte der sizilianischen Mafia wurde vielfach episch erzählt, insbesondere durch Filme (Der Pate) und Fernsehserien (Die Sopranos). Die Hauptfiguren dieser Erzählungen sind in den Augen der Zuschauer oft Helden. Die leere italienische Anti-Mafia Rhetorik  der letzten Jahrzehnte hat die Darstellung und Kommunikation der Realität auch nicht verbessert. Giuseppe Rizzo versucht, einen realistischeren und aktuelleren Blick auf die Geschichte der Mafia und ihre wichtigsten Personen zu werfen: „Ich sage es simpel, damit ich sicher verstanden werde: Der Mafioso ist eine kleingeistige, erbärmliche, elende Person aus der zweiten Reihe. Ihre wahren Leben sind nicht mehr episch, wenn sie es denn je waren. Sie können unglaubliche Reichtümer anhäufen, aber schließlich leben sie wie Ratten, die sich in Löchern verstecken. Eine Geschichte mit einer solchen Hauptfigur wäre nicht sehr literarisch und würde sich wahrscheinlich auch nicht gut verkaufen, aber sie entspreche weit mehr der Realität.“