Kultur

Gianluca Costantini: “In den 70ern war Sex das Hauptthema des 'underground comics' - jetzt ist es Politik”

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Gianluca Costantini ist einer der wenigen Karikaturisten in Italien und Europa, der sowohl als Zeichner als auch als Verleger Maßstäbe setzt. Er vertritt eine einzigartige Strömung: die Welt des underground.

Ich treffe Gianluca in Ravenna, im Keller des ebenfalls von ihm geführten Konglomerats aus Buchladen und Gemäldegalerie namens Mirada, das auch der Hauptsitz seiner Zeitschrift ist. Zum Interview begleitet mich bereits zum zweiten Mal mein Freund Andrea Zoli, ebenfalls Karikaturist, mit dem ich Costantini für das Fanzine PuntoGIF [eine als Fotokopie verbreitete Zeitschrift, wobei GIF für “Größter Italienischer Fehler” steht; A.d.R.] interviewte. Wir wollten damals einen Beitrag zur herrschenden Begeisterung für die Kultmagazine der Siebziger wie Métal Hurlant, Cannibale und Frigidaire leisten und schlossen unser Projekt nach ein Paar Ausgaben erfolgreich ab.

Wir folgen Costantini die Wendeltreppe hinunter in sein Büro, das in einem kleinen Raum zwei Schreibtische, ein Paar Computer, Berge von Skizzen und Zeichnungen, mehr schlecht als recht aufeinandergeschichtet, und an die Wand gelehnte Zeichenbretter beherbergt. Wir wollen wissen, was underground eigentlich bedeutet. Ist es ein exklusiver Ort für Träumer und Müßiggänger? Muss man die eigenen Ideale aufgeben, um sich als Karikaturist durchzusetzen und damit auch Geld zu verdienen?

Ohne Zensur und Copyright

Ende 1971 geboren hat Constantini die ersten Karrierehürden 1993 genommen, als er anfing, in nationalen Medien zu veröffentlichen. Allerdings erst, wie er zugibt, “nach vielen Absagen von Verlegern”. Er beginnt Illustrationen und Comics zu zeichnen. Die totale “Krise des gesamten Verlagswesens” war für ihn ein Grund mehr, sich kopfüber in die Welt des Web zu stürzen, das damals noch in den Kinderschuhen steckte. Schon sein erstes Projekt, das politisch engagierte Comic-Magazin Inguine [auf Deutsch: „Leiste“; A.d.R.], wurde ausschließlich für das Internet konzipiert. “Das Netz ist ein perfektes Instrument für Zeichner;” meint Constantini. Allerdings müsse man aufpassen, dass nicht alles verloren gehe, wenn die Webseite geändert wird.

Sein Internetauftritt ermöglicht es Costantini, mit seinen Political Comics einer Art grafischem Tagebuch über interessante Ereignisse in allen Winkeln der Welt, international bekannt zu werden. “Nach zehn Jahren Arbeit mit langweiligen Illustrationen habe ich beschlossen, einen völlig anderen Weg einzuschlagen und meinen Stil zu ändern”, erzählt er. “Unter finanziellen Gesichtspunkten würde das kein vernünftiger Mensch machen. Für mich war es aber auch eine Möglichkeit, die Dinge zu verstehen, die ich zeichnete. Ich war lange Zeit mit meinen Zeichnungen ins Studio eingesperrt, hatte wenig bis gar keine Ahnung von der realen Welt. Diese Karikaturen blieben in der Zeit stecken, in der sie entstanden. Ab und zu tauchen sie auf den Webseiten von sozialen Einrichtungen auch im Ausland auf, werden zur Illustration von Artikeln über berühmte Persönlichkeiten verwendet. Meine Figuren haben kein Gesicht. Durch die Zeichnung erhalten sie daher eine umso größere Bedeutung. Das waren meine underground comics: es gab keinen Auftraggeber, die User konnten sie frei verwenden. Es existierte weder Zensur noch Copyright.”

Man darf sich nie für immer auf einen Stil festlegen

Vermutlich verdankt Costantini gerade diesem radikalen Wechsel und dem späteren Erfolg die Freiheit, weiter experimentieren zu können. Das Prinzip der underground comics beschreibt er folgendermaßen:

„Man muss etwas völlig anderes machen. Etwas, das niemand vorher gemacht hat. Wenn man sich von den Regeln verabschieden will, muss man zwangsläufig einige Zeichenbretter zerstören. Man darf sich nie für immer auf einen Stil festlegen; es ist viel interessanter, jedes Mal einen anderen Stil zu verwenden.” Allerdings dürfe man auch nicht vergessen, dass man zuerst die Technik beherrschen muss. “Wie die Maler des Quattrocento [des italienischen 14. Jahrhunderts; A.d.R.] muss man erst einmal jede Menge zeichen. Ich zeichne seit meinem fünfzehnten Lebensjahr acht Stunden pro Tag.” Die underground comics lassen sich aber nicht auf einen einzigen Stil reduzieren. Auch die behandelten Themen, die Art der Symbolik, die verlegerischen Prinzipien gehören zum Konzept. “In den siebziger Jahren war Sex das Hauptthema des underground, weil man damit Skandale provozieren konnte. Jetzt ist es eher die Politik. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Zeitschrift World War 3 aus New York, eine Comicplattform, die von politischen Aktivisten wie Peter Kuper gestaltet wird. Sie benutzen Comics, um die Verbreitung ihrer Ideen voranzutreiben,” erklärt Costantini. Allerdings sei es schwer, bestimmte Grenzen zu akzeptieren: Die Zeichner, die sich trotz des Drucks, Geld verdienen zu müssen, treu bleiben, lassen sich an einer Hand abzählen. Zu ihnen zählen zum Beispiel der Graffitikünstler Blu oder die Karikaturisten Max Andersson und Robert Crumb. “Die traurige Wahrheit ist“, so Constantini, „dass abgesehen von wenigen Ausnahmen nur die überleben können, die populäre Sachen zeichnen“.

In Frankreich, dem größten Markt der Welt für Komikzeichner, gibt es solche interessanten Strömungen überhaupt nicht.

Costantinis Aktivitäten beschränken sich aber nicht nur auf seine Arbeit als Zeichner. Als bekannter Kulturaktivist organisiert er Ausstellungen, Treffen und Diskussionsveranstaltungen, wie z. B. das Festival Komikazen, das er zusammen mit Electra Stamboulis initiiert hat. International berühmte Autoren wie Joe Sacco, Marjane Satrapi und Zograf sind zu diesem Anlass nach Italien gekommen. Die während des Festivals entstandenen Ausstellungen werden in den nächsten Jahren in mehreren europäischen Ländern gezeigt und sollen so auch in der weiten Welt bekannt machen, dass sich im Unterholz der Comics etwas Neues regt. Zu den interessantesten Ländern gehören, laut Costantini, die früheren Staaten Jugoslawiens: “Es gibt dort phänomenale Zeichner! Da es das vorher noch nicht gegeben hat, beginnt dort jetzt die Geburtsstunde der underground comics. Diese Zeichner erzählen, was sie wollen, und zeichnen, was sie wollen. Sie sind völlig verrückt und glücklich. In Frankreich, dem größten Markt der Welt für Komikzeichner, gibt es solche interessanten Strömungen überhaupt nicht.”

Zum Abschluss fragen wir Constantini nach einigen Namen neuer europäischer Autoren, die es noch zu entdecken gilt. Nach kurzem Überlegen fällt ihm nur ein Name ein: “Der Spanier Raul. Er hat nur drei Bücher herausgebracht und macht jetzt keine mehr. Er zeichnet nur noch Illustrationen für Tageszeitungen. Eine Webseite hat er auch nicht. Ihr müsstet also eines seiner Bücher auf Spanisch finden.”

Kurze Zeit später machen wir uns auf die Suche.