Kultur

Generation Beddinge: Jeder zehnte Europäer in einem Ikea-Bett gezeugt

Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2009
Auf unseren Einkäufen steht das Kürzel CE für 'Conformité Européenne'. Und wenn unser Leben, ähnlich wie europäische Werbungen, immer gleichförmiger würde? Ikea, H&M, Nokia… Die Großen fressen die Kleinen. Nagen sie an unserer Identität?

Vier Buchstaben. Gleich nach der Bibel bin ich das meistgelesene Werk der Welt. Ganz in blau und gelb, können Studenten meiner orangefarbigen Patchwork-Decke oder meinem knallfarbigen Couchtisch für ihre Partys nicht widerstehen. Ich bin, ich bin… Der Ikea-Katalog! Diese Offenbarung über die Lesegewohnheiten der Europäer macht derzeit im Internet die Runde. Und das ist noch längst nicht alles: Nach einer interessanten Berechnung, die die Geburtenzahl in Europa und den Verkauf des schwedischen Möbelhauses seit den fünfziger Jahren vergleicht, sieht es aus, als wäre jeder zehnte Europäer in einem Ikea-Bett gezeugt worden. Baut die Nummer eins der Do-it-yourself Möbelbauer neben praktischen Billy-Regalen etwa auch Europa?

Immer günstigere Preise

©camil tulcan/flickr“Den Ikea-Katalog nach der Rückkehr aus dem Urlaub zu durchblättern, ist schon fast zur Tradition geworden“, schreibt die spanische Tageszeitung El Pais. Der Ikea-Konzern macht 81 Prozent seiner Umsätze in Europa, was 2008 einem Umsatz von 21,1 Milliarden Euroentsprach. Mit seinen Niedrigpreisen verführt der im Kaufhaus aufgezwungene Rundweg mit einem Metermaß ausgestattete Kunden von Finnland bis Spanien. Die niedrigen Kosten werden durch den Ein- und Verkauf in großen Mengen seiner Produkte erreicht. Dieser Strategie geht auch der andere schwedische Riese, H&M, nach.

Wird der Alltag der Europäer durch die großen Marken bestimmt? 8 Uhr: mein finnisches Nokia 3310 weckt mich. Die Augen noch halb geschlossen, steige ich aus meinem Bett und stecke meine Füße in meine spanischen Hausschuhe der Marke Zara. Ich schlafwandele bis zu meiner deutschen Kaffeekanne aus dem Hause Bosch und fülle sie mit zwei Löffeln Schweizer Nescafé. Mechanisch nehme ich zwei Scheiben Brot aus der Tüte des Deutschen Billiganbieters Lidl. Das Frühstück gerade heruntergeschluckt, bin ich schon zu spät.

Schnell die schwedische Jacke von H&M übergeworfen, den spanischen Rock von Desigual und eine französische Prise Dior… J’adore. Gerade auf der Straße, bietet man mir die Gratiszeitung 20 Minuten, 1999 in Zürich und Köln von einem norwegischen Verleger lanciert, an. Ich ziehe die schwedische Metro vor. Ich könnte noch ewig so weitermachen… Der Lärm der Bauarbeiten, die von dem Franzosen Bouygues durchgeführt werden, macht es mir unmöglich, mein Handy zu hören, welches vom Engländer Vodafone betrieben wird. An der Ampel überhole ich einen italienischen Fiat und komme endlich an der Uni an. Ich packe meinen französischen Bic und deutsche Schwan-Stabilo-Stifte aus. Dann ein kurzer Blick auf meine Schweizer Armbanduhr. Meine Vorlesung über die Globalisierung hat vor zehn Minuten begonnen.

©anitacanita/flickr

Finanzielle Brücken

Ursprünglich vor allem ein Zusammenschluss aus wirtschaftlichen Gründen, will Europa heute sozial, kulturell und politisch sein. Doch der freie Warenverkehr vereinheitlicht zunehmend unsere täglichen Konsumprodukte. Auf den ersten Blick ähnelt nichts mehr einer europäischen Stadt als eine andere europäische Stadt: Das liegt unter anderem an den Firmenlogos bekannter Marken, die sich mittlerweile in jeder europäischen Metropole finden lassen.

©Stellar678/flickrIn einem Interview mit dem französischen Internetmagazin Les Euronautes zeigt sich der Philosoph Vincent Cespedes skeptisch gegenüber der Idee eines von Firmen lancierten Europas. „Europa konstruieren bedeutet Brücken und Stege zu bauen. Aber ich spreche hier von menschlichen Dingen, nicht einfach von finanziellen Brücken und aufgehobenen Zollgrenzen.“ Euro-Info-Verbraucher e.V., ein Institut mit Sitz im deutschen Kehl, sieht das allerdings anders: „Es ist klar, dass europäisches Konsumieren auch europäischer macht. Auf diese Weise kann man sich über die Vorteile des freien Warenverkehrs bewusst werden und über die Möglichkeit zu besten Preisen einkaufen zu können, indem man die Grenzen überquert.“

Ganz so einfach ist die Sache am Ende aber doch nicht. Das Kehler Institut hat es sich zum Ziel gesetzt, „jede grenzüberschreitende Streitigkeit gütlich beizulegen und über die Rechte und Möglichkeiten des freien Marktes zu informieren“. Auch wenn die Produkte sich zunehmend gleichen, sind die Preise auf dem Kontinent noch sehr unterschiedlich. Warum sollte man seinen Kühlschrank deshalb nicht am anderen Ende Europas kaufen? Die Iren gehen immerhin in Polen zum Zahnarzt…