Kultur

Generation '80: Ein Hauch von '1984'

Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 3. Januar 2008
Oft als kinderlose Loser-Generation verschrien, bieten die in den Achtzigern geborenen Twens mehr verborgene Talente, als gedacht. Zwei deutsch-französische Journalisten lassen sie zu Wort kommen. Teil 3 einer Porträtreihe zwischen Paris und Berlin.

Felix ist 28 Jahre alt. Er ist also nicht 1984 geboren. Aber unsere morgendliche Diskussion in einem Café in Friedrichshain hat mich stark an eben diesen Roman von George Orwell erinnert. Auf jeden Fall hat sich meine Meinung über Second Life radikal geändert, seitdem mir dieser Multimediafreak seine Ansichten über die neue 'Net-Generation 2.0' erläutert hat.

Obwohl Felix offiziell noch Student ist, arbeitet er Vollzeit für das Major Label Universal. Seine Aufgabe ist die Entwicklung neuer Konzepte des Viral Marketings, um aus Web 2.0 eine Alternative zu den traditionellen Medien zu machen. Im Klartext heißt das: die neuen Möglichkeiten, die das Internet bietet, als Werbeträger für Künstler zu nutzen, die bei Universal unter Vertrag stehen. Das bedeutet zum Beispiel auch, ein Konzert des Pianisten Lang Lang im Rahmen von Second Life zu organisieren. Das bekannte Major Label war übrigens eines der ersten, die in diesem revolutionären, virtuellen Spiel existierten.

Aber laut Felix ist Second Life kein Spiel. "Es ist ein eigenständiges Medium, eine Kommunikationsplattform, auf der man Unterricht nehmen, telefonieren und einkaufen kann." Was Second Life betrifft, weiß Felix wovon er spricht. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit diesem Phänomen, das auch Thema seiner Magisterarbeit ist. Doch wegen seines Jobs, fällt es ihm schwer sie abzuschließen und somit sein Studium der Medien- und Politikwissenschaften zu beenden.

Generation 80 (Blog-Illustration: © Eva John/ Romy Straßenburg)

Second Life: Spiegel der Gesellschaft

Die Frage, die Felix beschlossen hat zu erörtern, ist einfach: bis zu welchem Punkt finden sich die Strukturen der reellen Welt (Geschlechterbeziehungen, Nutzung des Raumes) in der virtuellen Welt wieder? Er beginnt, mir die wichtigsten Ergebnisse seiner Forschungsarbeit zu erklären. Obwohl er äußerlich sehr ruhig und überlegt scheint, spüre ich, dass er vor Neugierde fast überschäumt.

"Wenn sie ihre Figur kreieren, folgen die meisten Menschen den Schönheitskriterien, die auch in der realen Welt vorherrschen: der Großteil der Frauen legt sich also blonde Haare und große Brüste zu. Andere wiederum ziehen es vor nach Möglichkeit ein Bild von sich zu zeichnen, das ihrer selbst entspricht." Im Gegenteil dazu entscheiden sich manche, ein anderes Geschlecht anzunehmen. In diesem Fall versuchen Männer zu betonen, was sie als repräsentativ für Weiblichkeit empfinden und umgekehrt. Die Klischees über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen sich hier also auf frappierende Art und Weise.

Den Journalisten, die Second Life ausprobiert haben und danach daran herumnörgeln, entgegnet Felix lächelnd: Wenn der Großteil der Mädchen denselben Look trägt oder wenn man dort Pädophilen begegnet, so geschehe das nur, weil man in einen Spiegel der Realität blicke. Auch im echten Leben tendiere man dazu, eine oder mehrere Rollen zu spielen. "Es ist so, als ob die Menschen von oben auf die Erde schauen würden und vor dem zurückschrecken, was sie dort sehen."

Von Warcraft zu McDonald's

Analytisch vorzugehen - wie ein Wissenschaftler, der Teilchen unter einem Mikroskop betrachtet - ist Felix' große Leidenschaft. Auch bei dem bekannten virtuellen Rollenspiel Warcraft macht es Felix viel mehr Spaß die anderen spielen zu sehen, als selbst zu spielen. Sogar von seinem Sommerjob bei McDonald's konnte Felix profitieren. Jeden Tag, während er seine Hamburger verkaufte, beobachte er fasziniert die fabelhafte Arbeitsorganisation der Fastfood-Kette.

Für seine Arbeit bei Universal musste Felix sich bei über 50 Netzwerken wie Facebook oder Xing anmelden. Darüber lacht er jetzt: Denn das, womit heute fast jeder Mittzwanziger seine Freizeit verbringt, ist für den jungen Mann ein ernsthaftes soziologisches Forschungsfeld und Bestandteil seiner Arbeit.

So ist Felix auf der einen Seite Teil der Generation Internet, behält sich aber andererseits ein Hintertürchen offen, um sie besser beobachten zu können. Diese Generation würde er als "eine Mischung aus Enthusiasmus und Orientierungslosigkeit" beschreiben. Uns stehen unbegrenzte Möglichkeiten offen. Doch sie machen uns manchmal komplett apathisch.

Weil er ihre Grenzen nur zu gut kennt, achtet Felix darauf, Distanz zur Welt der virtuellen Kommunikation zu waren. So hat er sich entschlossen, ohne Handy zu leben. "Ich habe keine Lust die ganze Zeit erreichbar zu sein."

Heute träumt Felix davon, seine Abschlussarbeit endlich zu beenden und mehr Zeit für seine Freunde zu haben. Denn, wie paradox das auch klingen mag, trotz Facebook und Second Life hat Felix den Eindruck, etwas den Kontakt zu ihnen verloren zu haben.

Für weitere deutsch-französische Porträts, besuchen Sie - ein dynamisch-partizipatives Adventskalender-Blog, auf dem jeden Tag ein Kalendertürchen mit interessanten Geschichten geöffnet werden kann. Einen Monat lang tauschen Eva John und Romy Straßenburg, zwei 24-jährige Journalistinnen, Wohnung, Stadt und Leben, beschreiben Perspektiven, Ängste, Zweifel und Träume, die Leute ihres Alters ihnen anvertraut haben. Das Projekt wird vom unterstützt.

gen80.euDeutsch-Französischen Jugendwerk