Kultur

Geächtete Politiker: Rollende Köpfe im Schrank

Article published on 17. November 2010
Article published on 17. November 2010
Meuterei! Die politische Kultur in der Europäischen Union ist ein wirklich amüsantes Thema. Während korrupte englische Politiker im übertragenen Sinne "in einem Baum zum Trocknen aufgehängt" werden, wird ein französischer Kollege "in den Schrank" gesteckt. Hung out to dry - unsere Redewendung der Woche!

Schon mal von dem französischen Politiker gehört, der mis au placard - wörtlich "in den Schrank gesteckt" - wurde? Die Redewendung hat mit dem englischen Ausdruck coming out of the closet (wörtlich "aus dem Schrank kommen", tatsächlich "sich outen") nicht wirklich etwas gemein. Sondern sie bedeutet, so sehr in seiner politischen Macht geschwächt worden zu sein, dass man quasi "zur Ächtung verurteilt" (condenado al ostracism) ist, wie man auf Spanisch sagt.

Italiener dagegen werden einfach "ausgeschnitten" (tagliato fuori), während in der englischen und polnischen Entsprechung entmachtete Personen "ins Abseits" gestellt werden (put on the sidelines bzw. odsunąć na boczny tor) - Ausdrücke, die ursprünglich aus dem Sport kommen.

Man kann aber auch "zum Grasen geschickt werden" (to be put out to graze), wie ein Tier. Eine etwas makabrere Tier-Redewendung war kürzlich in einer internen britischen Affaire geläufig. Als der ehemalige britische Immigrationsminister Phil Woolas "zum Trocknen rausgehängt" (hung out to dry) wurde, beschwerte sich ein befreundetes Parlamentsmitglied der Labour-Partei.

Phil Woolas wurde mit drei Jahren Amtsausschluss bestraft, nachdem er seinen Wahlkampfgegner während der Kampagne zu den Parlamentswahlen 2010 verleumdet hatte. Der Satz 'hung out to dry' geht auf die Praktik zurück ein totes Tier in einem Baum aufzuhängen, um sein Fleisch zu trocknen. Die Tschechen waren über die Geschichte des "unglücklichen" Woolas sehr erstaunt: Man stelle sich ein Großbritannien vor, in dem Politiker bestraft werden! In der Tschechischen Republik, so behauptete der Herausgeber der liberalen Tageszeitung Dnes, seien "Lügen und Hetzkampagnen eine Selbstverständlichkeit".

Polnische Politiker dürften sich darüber im Klaren sein, dass etwas nicht stimmt, wenn sie wegen Lügen und Verleumdung "auf den Teppich gerufen werden" (wezwać na dywanik). Abseits von Teppichen, Schränken und Tieren aber, ist es vorallem der europäische Kopf, auf den man sich im übertragenen Sinne bezieht. Der spanische Justizminister Mariano Fernández Bermejo wurde "an den Pranger gestellt" (poner en la picota), nachdem er mit Richter Garzón, trotz eines Interessenskonfliktes im Zuge der Kurruptionsvorwürfe in der Gürtel-Affäre, in dem beide auf unterschiedlichen Seiten standen, auf die Jagd gegangen war. Da gefeuert werden "seinen Kopf auf die Guillotine legen" heißt, entschied sich Bermejo für die einfachere Alternative. Er trat zurück.

Auch die Deutschen beziehen sich direkt auf die Guillotine, wenn sie jemanden einen Kopf kürzer machen. Köpfe werden rollen! (heads will roll) schreien die illustren Briten, auch wenn das für Spanier vielleicht nur "türkische Köpfe" sein mögen - cabeza de turco ist nämlich der arme Kerl, der für die Verbrechen der Mächtigen bezahlen muss.

Illustration: ©Henning Studte/ studte-cartoon.de