Kultur

Fuck Buttons: "Den Lärm demokratisieren"

Artikel veröffentlicht am 9. November 2009
Artikel veröffentlicht am 9. November 2009
Die beiden 27-jährigen Engländer, Andrew Hung und Benjamin John Power, sind Fuck Buttons. In London tüftelt das Duo mit alten Maschinen und Computern an seinem universellen Drone-Pop-Noise-Sound.

Es ist 18 Uhr im Pariser Club Nouveau Casino. Jon, der Tourmanager, informiert uns, dass die Fuck Buttons Verspätung haben. Eine Zigarette später kommen Andrew Hung und Benjamin John Power an. Trotz des straffen Tourneezeitplans wirken die beiden entspannt. „In Paris war es immer genial. Das ist wirklich eine unserer Lieblingsstädte. Wir waren auf dem Hinweg total aus dem Häuschen.“

Nach ihrem grandiosen Indie-Debüt - ihr erstes Album Street Horsing 2008 ist ein wahres Goldstück - kehrt das Duo nun mit einem neuen Opus zurück und geht damit in Europa und den USA auf Tournee. Ihr zweites Album Tarot Sport ruft fast ebensolche Begeisterung hervor wie das erste. Darüber hinaus macht das neue Fuck Buttons-Album ein immenses Spektrum an Klängen zugänglich, die man sonst nur im finsteren Noise-Register findet.

Hausgemachte Electronica

Irgendwo zwischen Pop, Drone und Noise fordert Fuck Buttons seine ästhetische Unabhängigkeit. „Wir versuchen nicht Musik zu machen, die einem bestimmten Genre anhaftet“, wirft Andrew ein. „Wir lieben die Musik, die wir machen. Und dass andere Leute sie auch mögen, ist absolut fantastisch.“ Das Konzertpublikum reflektiert diese etwas chaotische Mischung gut: von jungen Artrockfans, die Krach lieben, bis hin zu Punkfans in Hooligan-Mode über Gymnasiasten, die den Pogo lernen wollen, ist alles vertreten. Das zweite, euphorische Album hat in der Tat etwas universelles. „Ich würde mir schon Sorgen machen, wenn eine Band versuchen würde, ein bestimmtes Publikum zu erreichen“, fährt er fort. „Na ja, wir haben wahrscheinlich die unter fünfzigjährigen Hausfrauen als Zielgruppe.“

„Wir haben einen total unterschiedlichen Musikgeschmack. Aber ich denke, dass es musikalisch gesehen gesund für unsere Beziehung ist“, erzählt Benjamin, gekleidet wie ein Redneck zweiten Grades und Punkfan. Er hat als Drummer und Gitarrist in etlichen Bands gespielt, bevor er Fuck Buttons ins Leben rief. Andrew hat eine stärkere Beziehung zu Electronica und Noise. Auch er komponierte schon vor den Fuck Buttons in einem „hausgemachten Electronica-Stil“, der durch seine Entdeckungen bei den Plattenlabels Warp und Leaf inspiriert wurde. Er vertraut uns an: „Ich höre mir immer das weiße Rauschen an, das aus dem Radio kommt. Kennst du diesen White-Noise-Generator im Internet? Der erzeugt weißes Rauschen und kann beim Einschlafen helfen. Ein Haufen Leute stehen drauf. Das ist eine Frage der Stimmung. Ich schätze, dass das verschiedene Klänge um uns herum demokratisiert.“ Den Lärm zu demokratisieren, das sei ihre Mission. „Meine Mutter sagt, dass sie unsere Musik gut findet, aber ich habe da meine Zweifel, ob ich ihr das glauben kann“, scherzt Andrew.

„Das ist keine Musik!“

Ihren Erfolg verdanken die beiden Musiker zu einem großen Teil ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Benjamin fasst die Geschichte einer Freundschaft zusammen, die in einer Stadt in England begann und sich auf den Bänken einer Kunsthochschule in Bristol fortsetzt: „Wir kennen uns, seit wir 16 Jahre alt sind. Wir kommen beide aus derselben Stadt, aus Worcester. Wir waren schon Freunde, haben zusammen rumgehangen. Dann ist Andy zum Studium nach Bristol gegangen. Ich bin ihm ein Jahr später gefolgt und wir haben uns wieder getroffen.“ Seitdem ist die Musik der Zement ihrer Freundschaft. „Wir sind zusammen zu Konzerten gegangen. Andy hatte in seiner Freizeit ein Video gedreht, und er brauchte einen Soundtrack dazu. Nachdem wir darüber diskutiert hatten, haben wir den Soundtrack gemeinsam eingespielt und das ist echt gut gelaufen, wir haben dann entschieden, zusammen Musik zu machen.“

Bei einem ihrer ersten Konzerte in Worcester stellt die Eigentümerin des Saales ihnen sogar den Strom ab und ruft: „Das ist keine Musik!“

Die Anfänge 2004 sind nicht sehr ruhmreich. Der Spagat zwischen Techno und Noise ist nicht jedermanns Geschmack. Bei einem ihrer ersten Konzerte in Worcester stellt die Eigentümerin des Saales ihnen sogar den Strom ab und ruft: „Das ist keine Musik!“ Seitdem ist die Band in Schwung gekommen: eine USA-Tournee mit den Anglokanadiern von Caribou, eine erste Platte produziert von John Cummings von Mogwai, eine zweite von Andrew Weatherall, eine Welttournee. Es könnte schlimmer kommen.

Playschool und Casio

©fuckbuttons.co.ukAndrew übernimmt immer die Umsetzung der Videoclips. Benjamin, der Illustrator, kümmert sich um die grafische Gestaltung ihrer Alben. Aber die Fuck Buttons sehen sich vor allem als Musiker. „Profimusiker! Das klingt recht komisch, aber das ist das, was uns jeden Tag beschäftigt.“ Andrew und Benjamin sitzen sich gegenüber und albern herum wie kleine Jungs. Der eine steckt und zieht die Kabel eines modularen Synthesizers und spielt an einer Casio-Tastatur herum, während der andere ein elektronisches Schlagzeug misshandelt und in einen Playschool-Recorder brüllt. Das hat rein gar nichts mit den technoliebenden Lärmbildhauern, die von der Sounddesign-Software abhängig sind, zu tun: „Wir interessieren uns nicht so für die neuen musikalischen Technologien. Wir finden Sounds und manipulieren sie dann. Unsere Anlage besteht hauptsächlich aus greifbarem Material, aus alten Maschinen, einem ganzen Haufen Kram, den wir uns kaufen können. Oder eben leihen.“

Ein letztes Geständnis, bevor es auf die Bühne geht? „Ob wir schon mal Musik gemacht haben, die uns peinlich ist? Aber klar! Jeden verdammten Tag!“ Aber seid versichert, die Sache lohnt sich. Später am Abend kommunizierte das zum Krachen volle Nouveau Casino in Jubel und Schweiß um das auf der Bühne errichtete euphorisierende Musik-Ufo. „Ich hatte den Eindruck, religiöse Musik zu hören“, lässt ein mystischer Besucher am Ende des Konzertes durchblicken. Amen.

Fuck Buttons auf Tour: 2. Dezember: Helsinki - 3. Dezember: Gothenberg - 4. Dezember: Stockholm - 5. Dezember: Oslo - 11. Dezember: Minehead - 16. Dezember: Cork - 17. Dezember: Galway - 18. Dezember: Dublin - 19. Dezember: Belfast.