Kultur

Fromm und fremdenfeindlich auf Polens Kurzwelle

Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2005
Artikel veröffentlicht am 28. Mai 2005
Polens meistgehörter Radiosender „Radio Maryja“ erklärt nicht nur die Bibel, sondern auch die Welt - und zwar mit klaren Feindbildern wie Juden, Ausländern und EU. Gegen die „Tuba Gottes“ scheinen Kirche und Regierung machtlos.

Der Mann weiß, wie man Stimmung macht: „Seit in den Schulen der Holocaust auf dem Lehrplan steht, glauben alle, Auschwitz sei tatsächlich ein Vernichtungslager gewesen und kein normales Arbeitslager“, eröffnet Dariusz Ratajczak die Diskussion. Lautstarke Empörung in der Runde. „Solange in einem katholischen Staat wie Polen die meisten Minister Juden sind und nach Zwiebeln stinken“, verkündet der mittlerweile verurteilte Historiker, „wird Polen nie polnisch sein.“ Große Zustimmung der illustren Diskussionsteilnehmer und Jubelrufe des am Telefon zugeschalteten Zuhörers: „Lasst uns unser Vaterland retten und die Juden endgültig aus dem Land jagen.“ Solche antisemitischen Hasstiraden sind live überall im Land zu hören. Radio Maryja, die „katholische Stimme in Deinem Haus“, überträgt auf Kurzwelle und Satellit und erreicht schätzungsweise 4 bis 6 Millionen Stammhörer landesweit.

Seit nun mehr als zehn Jahren bietet der ultrareligiöse Radiosender des Redemptoristen-Paters Tadeusz Rydzyk, dessen Hauptquartier sich in der nordpolnischen Provinzstadt Torun befindet, seinen Gläubigen eine Mischung aus Gebet, Kirchenliedern und politischer Manipulation rund um die Uhr. Unter dem Deckmantel des Katholizismus ruft die selbsternannte Bastion für das wahre Polen mal eindringlich zum Boykott des Referendums zum EU-Beitritt auf, ein anderes Mal empfiehlt sie, Abgeordneten, die für eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts gestimmt haben, die Köpfe kahl zu rasieren, wie zu Kriegszeiten polnischen Nazi-Kollaborateuren.

Sektenähnliches Imperium

Pater Rydzyk konnte sich mittels enormer Spendeneinnahmen, die sonst wohl der katholischen Kirche zugefallen wären, ein kleines Imperium aufbauen. Allein 2002 soll er eine Summe von 16 Millionen Zloty (3,4 Millionen Euro) eingenommen haben. Neben 47 katholischen Lokalsendern kontrolliert er die Tageszeitung „Nasz Dziennik“ mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren, drei Stiftungen sowie eine Hochschule für Gesellschafts- und Medienkultur in Torun inklusive angeschlossenem Journalistik-Institut.

Eine Bewegung der besonderen Art bildet die „Rodzina Radio Maryja“ (Familie von Radio Maria) mit ihren 5 bis 6 Millionen Anhängern, die für den Sender alle möglichen Aktionen durchführen. Schon von klein auf werden sie in der eigenen Kinder- und Jungendsektion darauf getrimmt. Der Geistliche mit den zwei Handys unter der Kutte wird von seinen Anhängern so verehrt, dass Kritiker in der „Familie Radio Maryja“ fast eine sektenähnliche Bewegung sehen. Aus ganz Polen kommen religiöse Gruppen in Bussen zur modernen Sendezentrale nach Torun, um mit dem „Pater Direktor“ in der radioeigenen Kapelle zu beten.

In welchem Ausmaß Radio Maryja die polnische Meinungslandschaft beeinflusst ist kaum messbar, allerdings ist der politische Einfluss des Senders nicht zu unterschätzen. Die von ihm unterstützten Parteien, die Liga Polnischer Familien (LPR) und die Samoobrona („Selbstverteidigung“) haben bei den letzten Lokalwahlen zusammen ungefähr 33 Prozent der Wählerstimmen auf sich gezogen, mehr als die Sozialisten des regierenden Ministerpräsidenten.

Der Staat zahlt mit

Gegen rechtsradikale Hetze gibt es in Polen kaum medienrechtliche Einschränkungen, es fehlen Gesetze gegen Volksverhetzung und Fremdenfeindlichkeit. Vierzig Jahre kommunistische Zensur lassen das neue EU-Mitgliedsland, wie die meisten osteuropäischen Länder, seit der Wende von 1989 gänzlich auf einen Medienkodex verzichten.

Nach zu unrecht erhobenen Vorwürfen der Steuerhinterziehung und dem Konflikt mit der polnischen Bischofskonferenz, aus dem Radio Maryja gestärkt hervorging, wagt es niemand offiziell gegen den Sender vorzugehen, auch wenn Präsident Kwasniewski jüngst sogar im Ausland mit unangenehmen Fragen konfrontiert wurde. Im Gegenteil: Seit dem Vorjahr genießt die Station, nach dem Protest rechter Parlamentsabgeordneter, einen ähnlichen Status wie das öffentlich-rechtliche Staatsradio und wird aus Steuergeldern mitfinanziert. Seit Anfang des Jahres hält Radio Maryja sogar eine Fernsehlizenz in Händen. So wird also demnächst auch der Ableger „TV Trwam“, übersetzt „ich beharre auf meiner Meinung“, Missionierung in Sachen Antisemitismus und Fremdenhass betreiben können. Eine traurige Perspektive für ein demokratisches Land, auf das seine europäischen Nachbarn so viele Hoffnungen gesetzt haben.