Kultur

Frenchies sprechen Englisch auf "Balkan-Level"

Article published on 17. September 2009
Article published on 17. September 2009
Die Einstellungen aus dem 19. Jahrhundert gegenüber dem Lernen einer Fremdsprache hierzulande sind nicht nur eine Zeit-, sondern auch eine ungeheuerliche Geldverschwendung, meint ein junger Ire, der in Paris Englisch unterrichtet.

“ZE”. Das ist das erste Wort, das ich normalerweise an die Tafel schreibe, wenn ich in Frankreich Englisch unterrichte. Es auszusprechen ist verboten. Jedes Mal, wenn ein Student es versäumt, das angestrebte “TH” richtig auszusprechen, muss ich nur einen gespielt ernsthaften Blick auf das Wort “ZE” werfen und sie wissen, dass sie sich verbessern müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass man in Frankreich mit den Grundlagen anfangen muss. Laut den offiziellen Ergebnissen des TOEFL Testes (Test für Englisch als Fremdsprache) stand Frankreich letztes Jahr weltweit an 69. Stelle - nur ein paar Punkte vor Kosovo, Zypern und Albanien, den “Dummköpfen Europas” ("les cancres de l'Europe"; A.d.R.), wie sie die französische Tageszeitung Le Monde ganz offen bezeichnete.

Top of the flops

Es ist ein hartnäckiges Klischee, dass die Franzosen “sich weigern”, mit ausländischen Besuchern Englisch zu sprechen. Jedes Jahr werden die Chancen von tausenden vielversprechenden, französischen Schülern aufgrund der Tatsache, dass sie kein Englisch sprechen können, stark eingeschränkt. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die französische Regierung das alte Sprichwort zur Kenntnis nimmt, dass “es keine schlechten Schüler, sondern nur schlechte Lehrer gibt”. Laut Marie-Sandrine Sgherri, Journalistin beim konservativen französischen Magazin Le Point, “ bringe Frankreich die schlechtesten Englischlehrer weltweit hervor”.

Schüler sagen ganze Sätze auswendig auf ohne zu wissen, was die einzelnen Wörter bedeuten.

Das französische Bildungssystem ist extrem veraltet. Dies wird in Frankreich während der ersten Englisch-Unterrichtsstunden deutlich. Schüler sagen ganze Sätze auswendig auf ohne zu wissen, was die einzelnen Wörter bedeuten. Sie haben im Allgemeinen absurd übertrieben detaillierte Kenntnisse des phonetischen Alphabetes. Andererseits haben sie aber nur wenig oder überhaupt keine Ahnung, wie sich Englische Wörter anhören sollten, wenn sie laut ausgesprochen werden. Sie seufzen erleichtert wenn es um Verbtabellen und Zeiten geht, bekommen aber Panik, wenn sie nach einem praktischen Beispiel gefragt werden. Als ich anfing in Paris zu unterrichten, war ich angesichts der akuten linguistischen Defizite meiner Schüler verwirrt. Ich kam gerade aus der Schweiz, wo die Schüler ebenfalls Französisch sprechen, aber keine der Probleme haben, wenn es darum geht, Englisch zu lernen. Wo also lief etwas schief mit dem französischen System? Laut dem amerikanischen Autor Laurel Zuckerman ist alles auf eine kleine Prüfung zurückzuführen: die berühmt berüchtigte agrégation d’Anglais (etwa: englisches Staatsexamen).

Dein Englisch aggregieren?

Man muss nicht besonders gut Englisch sprechen können, um die Prüfungen zu bestehen.

Die agrégation ist eine berühmte schwierige Prüfung des öffentlichen Dienstes, durch welche Studenten aus ganz Frankreich um eine Lehrstelle innerhalb der gewaltigen Regierungsbehörde der nationalen Bildung konkurrieren. Ziel ist es, die nächste Generation von Englischlehrern in Frankreich auszulesen. Das Problem dabei ist, dass man nicht besonders gut Englisch sprechen können muss, um zu bestehen. Tatsächlich ist es bei diesem bizarren Sprachtest, wie Zuckerman herausgefunden hat, sogar ein Nachteil, Muttersprachler zu sein.

In ihrem Bericht Sorbonne Confidential (2009) untersucht Zuckerman die außerordentliche Welt der agrégation und ihre Rolle beim Hervorbringen der “weltweit schlechtesten Lehrer”. Über die Hälfte dieser Prüfung ist komplett auf Französisch und ein Großteil des englischen Bereiches beinhaltet eine Übersetzung aus dem Französischen. Eines der Hauptelemente der Prüfung bis 2009 war die “leçon”, eine mündliche Präsentation, die nicht nur komplett auf Französisch vorgetragen wurde, sondern auch aufgrund der Redegewandtheit des Kandidaten und dem Beherrschen der französischen Sprache bewertet wurde. Hinzu kommt, dass der Kandidat eine Dissertation (wissenschaftliche Arbeit) auf Französisch schreiben muss, die peinlich genau nach kartesischen Prinzipien aufgebaut sein muss, die in Französischen weiterführenden Schulen unterrichtet werden - eine schwierige Prüfung, sogar für die noch so fließend Französischsprechenden unter den Ausländern. Und das alles für eine Prüfung, um Englischlehrer zu werden.

©gwhalin/ flickrDiesen Sommer wurde ich von einer jungen britischen Mutter angesprochen, die mit ihrer Familie nach Paris gezogen war, und mich bat, ihrem Sohn Englischunterricht zu geben. “Es ist nur”, sagte sie beunruhigt, “dass Englisch hier nicht wirklich angeboten wird”. Ich nickte. “Ich traf mich mit der Englischlehrerin der Schule und um die Wahrheit zu sagen - sie konnte kaum einen Satz bilden.” Metros und Busse in Frankreich sind mit Anzeigen zugepflastert, die Englischstunden mit Muttersprachlern zu Toppreisen versprechen, während Frankreichs berühmtes öffentliches Bildungssystem Jahr für Jahr weiter versagt, seiner Jugend Englisch beizubringen.