Kultur

Freies Theater Minsk: Widerstand durch Bühnenbretter.

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2007
Mit ihren beißenden Stücken kämpft die Truppe des Minsker Freien Theaters gegen die „letzte Diktatur Europas“.

In Weißrussland haben einige "unregelmäßig arbeitende Schauspieler" keine andere Möglichkeit, als heimlich zu spielen. Privatwohnungen, Untergrundcafes oder sogar Wälder gelten als Bühne. Kein Vorverkauf wird gebraucht, da die Zuschauer per SMS oder per Post benachrichtigt werden. Seit seiner Gründung 2005 in einer von zwölf Jahren Diktatur erstickten ehemaligen Sowjet-Republik, pflegt das "Freie Theater Minsk" (TLM) für Kreativität und Schlauheit im Untergrund. Die Truppe zählt 17 Schauspieler und Dramaturgen – davon sind einige beim Kupala, dem weißrussischen Staatstheater, tätig. Da sie zuhause nicht offiziell auftreten dürfen, reicht der Westen ihnen die Hand - dank berühmter Förderer wie dem britischen Dramaturgen Tom Steppard oder dem ehemaligen tschechischen Präsidenten Vaclav Havel. Zurzeit auf Tour in Frankreich, ist das TLM im Mai vom Festival „Passages“ in Nancy eingeladen worden und wird sich dann bis Juni 2007 im Theater Studio von Alfortville, einem Pariser Vorort, aufhalten.

Künstlerisches Tschernobyl

Während in Weißrussland die Kreativität durchfällt und einige die Lage der dortigen Kulturwelt mit einem „zweiten Tschernobyl“ vergleichen, sieht das TLM ein bisschen wie ein UFO aus. Fantasievoll, aber auch subversiv: sein Repertoire ausländischer Stücke und Erstaufführungen setzt Jugendliche aus den Vororten, Sex- oder Drogengeschichten und die Hoffnungen einer „Jeans-Generation“ in Szene, die der Meinung der Behörden nach ein wenig zu freiheitsliebend ist.

Mit „Harold Pinter sein“ oder „Wir, Bellywood“, will das TLM die von Herrn Loukaschenko so geliebte „geistige Gesundheit der Weißrussen“ gar nicht entwickeln. Das Ziel ist eher, das Gewissen zu wecken. Die nach einem Bewerbungsverfahren eingesetzten Autoren dieser Stücken sind alle unter 30 Jahre und einige werden für ihre Eigenständigkeit immer mehr gesucht.

Die Ruhe vor dem Sturm

Dieses heute als Symbol der weißrussischen Gegenkultur betrachte Theaterkollektiv hat ein Ehepaar in die Wege geleitet: Nicolas Khalezine, 42, ehemaliger Journalist, der heute Theaterautor ist, und Natlia Koliada, 33, Menschenrechtenaktivistin. Beide zeigen sich als starke Regimegegner. „März 2006, am Abend der betrügerischen Wiederwahl Loukachenkos, hat das Treffen von Tausenden friedlichen Demonstranten am Oktoberplatz – trotz der Drohungen des Geheimdienstes – das Gefühl einer starken Nation gezeigt, die sich nach Änderung sehnte“ sagt Koliada.

Ein Jahr nach diesem Revolutionsersatz kann man nur feststellen, dass die Situation noch schlimmer geworden ist. Der Druck des Präsidenten Loukachenko wird immer größer: Der Herrscher von Minsk hat die Medien der Opposition verboten, die politischen Inhaftierungen vervielfacht und dem Volk seine umfassende Propaganda aufgezwungen. Die Protestbewegungen wurden zerschlagen und der Kreis des politischen Widerstandes abgeriegelt. Die Zukunft der weißrussischen Kultur spielt nun – trotz den wirtschaftlichen Schwierigkeiten – im künstlichen Underground.

Zeichen dieser Entwicklung sind die in den Minsker Kellern aufblühenden Rockbands. Das Freie Theater ist das Zugpferd dieser abtrünnigen Avantgarde. Dieser unkonventionelle Widerstand sagt vielleicht eine neue Ära voraus. Denn – wie Khalenine prophezeit – „Weißrussland heute ist die Ruhe vor dem Sturm“

3 Fragen an... Vladimir Scherban, 32 Jahre, Regisseur bei dem TLM

Was ist das Ziel des Freien Theaters in Minsk? Was sind seine Inspirationsquellen?

Wer heute die Weißrussen sind, das ist genau das Tthema unserer Stücke. Darum kümmert sich das Staatstheater natürlich gar nicht. Hier befinden wir uns im Herzen eines Konfliktes zwischen der „sowjetischen Ästhetik“ und allen anderen von dem Regime nicht tolerierten Kunstarten. Es muss nun verstanden werden, warum wir Weißrussen in dieser Situation gelandet sind. Wir müssen uns ins Auge sehen. Was wir fordern, ist Meinungsfreiheit. Theater ohne politisches Ziel bringt so gut wie gar nichts.

Welchen Platz hat das TLM auf der europäischen Theaterbühne?

Weißrussland ist von der restlichen Welt völlig abgeschieden. Unsere Tourneen im Ausland sind ein echtes Gegenmittel zur Zensur, deren Opfer wir sind. Die Bühne ist eine der wenigen freien Räume geworden, um die weißrussische Kultur anzuführen.

Welche Beziehung führt das TLM mit seinem Publikum?

Auch wenn es den Leuten erst schwer gefallen ist, mit unserer Ästhetik klar zu kommen, haben sie sich heute daran gewöhnt und verlangen sogar noch mehr Radikalismus. Wir wollen den Zuschauer dazu bringen, aktiv zu werden. Das Minsker Freie Theater ist für einen Teil unseres Publikums – mehr als eine Ausdrucksweise – ein Lebensstil geworden. Mit einigen unserer Zuschauer haben wir eine quasi telepathische Beziehung geknüpft: sie bleiben uns treu und das auch, wenn es immer schwieriger wird, Spielplätze zu finden. Das Theater muss den meisten Leuten zugänglich sein. Wir haben die Schauspieler und die Zuschauer dazu gebracht, sich in die Augen zu schauen. Der Zuschauer ist freier geworden: wir haben damit unser Ziel erreicht.

Das TLM wird sich den ganzen Mai im Theaterstudio in Alfortville aufhalten.

Samstag, 26. Mai - 2. Juni: „Generation Jeans“

29. Mai bis 2. Juni: “Nous Identification, Bellywood“