Kultur

Fredo Viola zu Film, Rhythmus und Artischocken: "Ich wollte der neue Fellini sein"

Artikel veröffentlicht am 18. September 2009
Artikel veröffentlicht am 18. September 2009
Fredo Viola ist ein glücklicher Mann. Mit 39 Jahren hat er seine Musik gefunden und mit ihr kam auch der Erfolg, zumindest in Frankreich. Ein Interview mit dem Musiker und Multimediakünstler aus New York mit sizilianischen Wurzeln.

Der Amerikaner aus Woodstock, im Bundesstaat New York, ist dank des Internets und einer kleinen Digitalkamera zum strahlenden Stern am Musikhimmel geworden. Sein Aufstieg hat vor fünf Jahren auf der Musikseite EM411.com begonnen, auf der Sänger und Musiker ihre eigenen Lieder hochladen und Feedback von den Nutzern bekommen. Das Ergebnis? Nach zahlreichen Tests, welche seiner vielen Kompositionen sich am ehesten als Soundtrack für den Film The Manchurian Candidate von Jonathan Demme eignen würden, haben ihn keine geringeren als Massive Attack für eine Zusammenarbeit verpflichtet. Seine erste EP, The Sad Song, war dementsprechend ein voller Erfolg.

Musik trifft Filmästhetik

20 Jahre lang habe ich nicht gesungen, ich habe mich für meine Stimme geschämt.

Ist der Name “Fredo”, eine Verniedlichung des italienischen Vornamens Alfredo, eventuell in Anlehnung an Il Padrino (Der Pate, A.d.R.) und als Hinweis auf seine sizilianischen Wurzeln zu verstehen? Das habe ich leider vergessen, ihn zu fragen. Fredo gesteht - vielleicht ein wenig zu bescheiden - dass er eigentlich keine musikalische Ausbildung habe, auch wenn verschiedene Biografien, die im Netz im Umlauf sind, behaupten, er sei früher Sopranist gewesen. Er selbst sagt, er sei nur Mitglied in einem Chor gewesen: “Diese Erfahrung war einfach schrecklich. Meine Eltern haben mich schließlich wieder aus dem Chor genommen, weil ich dort geschlagen wurde. Es ist schwierig, mit einer so großen Gruppe kleiner Kinder zusammen zu sein, die von ihrem Lehrer gequält werden: Du kannst dir vorstellen, wie es uns ging. 20 Jahre lang habe ich nicht gesungen, ich habe mich für meine Stimme geschämt, weil sie diese schlimmen Erinnerungen in mir hervorrief.” An was genau erinnerst du dich? “An eine lilafarbene Velourstapete und Lavendelduft.”

Fredo hat eine Filmausbildung absolviert und sagt, dass er die kinematographische Sichtweise auf seine Musik übertragen habe. “Ich wollte der neue Fellini sein, aber als ich gemerkt habe, dass das nicht ganz so einfach ist, habe ich jahrelang als Bildeditor und Animationsdesigner gearbeitet.” (Er lacht.) Auf sein Konto geht daher auch eine Werbekampagne von L’Oréal. Aber immer wieder ist es Fellini, der “die Musik auf symbolische und zyklische Weise nutzt”, der Fredo inspiriert. Das Kino ist auf jeden Fall das Fundament seiner Kunst: Viele seiner Werke , insbesondere seine Clustervideos, aufgenommen mit dem Handy oder der Digitalkamera, in denen er mit den Musikern zu sehen ist, mit denen er zusammenarbeitet und die sich oft weit entfernt in Frankreich oder England aufhalten, finden wiederholt in Serien Verwendung. Sein Album setzt sich daher nicht nur aus einer Musik-CD, sondern auch aus einer DVD mit all seinen Videos zusammen.

Zerstört das Internet den Musikgeschmack der Fans?

Ich finde nicht, dass User dafür bestraft werden sollten, wenn sie Musik downloaden.

Bei dem Interview nach einem Konzert im Café de la Danse in Paris, einer kubanischen Bar im Bastille-Viertel mit ziemlich lauter Musik, ist Fredo erschöpft, aber durchaus zufrieden. In der Tat war das Konzert ein voller Erfolg: Fredo musste zahlreiche Zugaben geben und Lieder wiederholen, da sein kurzes Repertoire dem begeisterten Publikum nicht ausreichte. Für einen Künstler, den das Internet groß gemacht hat, hat er eine eher distanzierte Einstellung zum Musikdownload: “Ich finde nicht, dass User dafür bestraft werden sollten, wenn sie Musik downloaden. Aber diese Vorgehensweise zerstört gleichzeitig die Musik. Und dabei meine ich nicht den finanziellen Aspekt, sondern den Eigenwert der Musik. Alles wird nur im Ganzen gehortet: alles von Radiohead, alles von Nina Simone... Die Wertschätzung eines einzelnen Albums als Gesamtkunstwerk ist nicht mehr möglich. Ich glaube, die komplette Festplatte mit anderen zu teilen, hat negative Auswirkungen, denn das tötet jegliche Leidenschaft. Diese Haltung macht die Musik kaputt.”

In Frankreich ein Genie, in Amerika verkannt

Im Dezember 2008 hat Fredo sein erstes Album, The Turn, das die französische Presse in Jubelstürme ausbrechen ließ, bei Because Music, einem der größten Independent-Labels Frankreichs (das unter anderem auch Manu Chao, Pascale Comelade und Faithless produziert; A.d.R.) veröffentlicht. Um ein paar Stimmen zu zitieren: Für das französische Musikmagazin Les Inrockuptibles ist er “der Mann mit den goldenen Stimmen” und sein Album “ein Ohrenschmaus”; Télérama spricht vom “besten Popalbum des Jahres”, wobei Pop als “verführerisch, euphorisch, entspannend” definiert wird; Le Monde bezeichnet seine CD als “magisch, melodiös und nicht ins Schema passend.” Und tatsächlich ist die Musik von Fredo Viola schwierig zu definieren: Sie erinnert an Sigur Rós, die Beach Boys, die Kanadier von Silver Mount Zion und sogar Simon and Garfunkel mit einer gehörigen Prise Gospel. Die Vocals setzt er dabei in beinahe liturgischer Weise ein. Ist Fredo religiös? “Ich bin extrem emotional und spirituell und glaube an das Mystische im Leben. Die tiefgründigen Dinge im Leben sind aber schwer in Worte zu fassen und es ist unmöglich, diese Sprachlosigkeit zu umgehen. Ich denke nicht, dass die herkömmlichen Religionen für mich gemacht sind.”

Und worauf geht der Erfolg in Frankreich - außer auf eine offensichtlich sehr gute Produktion und Werbung von Because Music - zurück? “Ich weiß es nicht. Wenn Frankreich hier ist (Fredo hebt die Hand über seinen Kopf), ist England dort.” (Er lässt die Hand auf die Höhe seiner Schultern sinken.) Und in den USA? “Kaum eine Reaktion. Nur Frankreich bewegt sich zu meinem Rhythmus. Ehrlich gesagt glaube ich in keiner Weise, dass ich eine Berühmtheit bin, auch wenn ich viel Feedback im Internet bekomme. Vor fünf Jahren habe ich angefangen und jetzt habe ich Fans auf der ganzen Welt, die eigentlich auch eher Freunde sind. Steckt in dem, was ich sage, ein bisschen Sinn?”

Tipps von Fredo Viola

Lieblingsfilm: The Night of the Hunter (1955; dt. Die Nacht des Jägers) von Charles Laughton

Lieblingsbuch: Das Schloss von Franz Kafka. Auf den Einwand hin: “Das ist doch nur ein Fragment!” antwortet er: “Und kann ich es deshalb nicht genauso lieben?”

Lieblingsessen: “Oh, ich muss dir unbedingt das Rezept geben! Gekochte Artischocken mit Knoblauch, Salz, zwei Tassen Weißwein und einer Tasse Öl. Du lässt die Artischocken im Ofen schmoren, nimmst sie dann raus und lässt die Stiele kochen, bis sie eine Soße ergeben. In diese Soße gibst du dann ein Stück Bauchspeck, Schnecken und den Rest der Artischocken. Das ist so was von lecker!”

Was ist auf seinem Mp3-Player: “Ein Haufen alter Musik. Kennst du Irma Thomas? Das ist eine Sängerin aus New Orleans, deren Lieder vom frühen R’n’B und Gospel beeinflusst sind. Wirklich wundervoll. Von den modernen Künstlern mag ich Juana Molina. Sie kommt aus Argentinien. Ihre Art zu singen hat mich sehr inspiriert. Und ich höre viel von den Musikern, mit denen ich zusammenarbeite. Sehr klassisch.”