Kultur

Frankreichs Fake Oddity: Sei doch kein Muselmann!

Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2009
Fred und Faik, mit ihren türkischen, italienischen, albanischen und französischen Wurzeln, sind Fake Oddity, eine Lyoner Rockband, die sich der Förderung der türkischen Kultur in Frankreich verschrieben haben.

Faik Sardag ist türkischer Student. Ein Jahr lang lebte er in Frankreich als er den Gitarristen Antoine im Oktober 2002 traf. „Wir wollten eine Band gründen,“ erklärt Drummer Fred Brassier, der über eine Anzeige zur Band stieß, „und dann trafen wir Tom, den Bassisten.“ Unter ihrem ursprünglichen Namen Ascolein spielte die Gruppe zwei Jahre lang ein Repertoire aus Coverversionen von Radiohead, The Pixies, The Strokes sowie Musik aus den Siebzigern und Achtzigern wie The Doors und David Bowie. „Dann entschieden wir, Ernst zu machen, und änderten unseren Namen“, erklärt Faik. Der Name Fake Oddity entstand aus einer Mischung zweier Liedtitel: der Ballade von Radiohead „Fake Plastic Tree“ und David Bowies „Space Oddity“.

Ihr Zusammenkommen ist aber auch das Treffen zweier Länder. Fred kommt aus Frankreich und Faik aus der Türkei. Letzterer brachte sein Land und seine Kultur den anderen Bandmitgliedern auf mehreren Urlaubsreisen näher. Die erste unternahmen sie bereits 2003. Doch besonders eine Erfahrung war einmalig und beneidenswert: die Aufnahmen zu ihrem letzten Album Runfast fanden 2007 in den bekannten Image Studios Istanbuls statt, gefolgt von einer Minitour durch die Einrichtungen der Stadt. Fred blieb besonders ein Bild des Istanbuler Clubs 'Pulp' in Erinnerung. „An den Wänden hingen sowohl Bilder eines Rocksängers als auch Fotos traditioneller Musikgruppen. Das ist typisch für dieses Land. Das gleiche Publikum kann ohne Probleme zwei verschiedene Musikrichtungen hören.“

Im Zeichen der Türkischen Kulturzeit in Frankreich

Nach mehr als einem Jahr in der Postproduktion, beim Mischen und Mastering hatte Runfast sein Debüt in Frankreich und erntete positive Kritiken. In der Folge tourt die Band durch die großen französischen Städte. In der Zwischenzeit konzentrieren sich die Gedanken der Band auf ein Projekt - die Türkische Kulturzeit in Frankreich, in deren Rahmen über 400 Veranstaltungen in 40 Städten des Hexagons stattfinden sollen. Ziel der von Juli 2009 bis März 2010 laufenden Aktion ist die Förderung „türkischer Kultur“ in Frankreich.

„Nach der Bewerbung Lyons als Europäische Kulturhauptstadt für 2013 wollten wir etwas zur Organisation beitragen, da wir viele Beziehungen haben,“ erklärt Fred. „Wir schlugen einen kulturellen Austausch von Musikgruppen zwischen Lyon und Istanbul vor. Aber als wir von der Planung der Türkischen Kulturzeit hörten, kontaktierten wir Cultures France (die Agentur des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, Kultur und Kommunikation), um einige Ideen vorzustellen.“ So begann die lange Suche nach Investoren, kommerziellen und nicht-kommerziellen Partnern, um die Ideen mit Leben zu füllen. „Wir werden eintrittsfreie Konzerte türkischer Gruppen organisieren, eventuell begleitet von Ausstellungen türkischer Künstler und Maler in einem Umfeld mit typischem Stil.“

Teenager und junge Erwachsende sind nicht die einzige Zielgruppe. „Wir möchten ein größeres Publikum einbinden. Es wird tagsüber ein Unterhaltungsprogramm für Familien an den Ufern der Rhön mit Sängern und Erzählern türkischer Fabeln und Geschichten geben“, sagt Fred. Faik lächelt und nickt zustimmend mit weit geöffneten Augen. Kulturelle Mosaiken sind ihm vertraut. Sein Vater ist Albaner, seine Mutter Halbitalienerin, während seine Großmutter mütterlicherseits zu einer levantinischen Familie venezianischer Reeder gehörte, die sich in Istanbul niederließ. „Sie sind in meinem Blut. Ich komme aus einer sehr „multinationalen“ Familie, sehr offen“.

„Wir wollen hier kein politisches Ding durchziehen,“ erwähnt er am Beginn des Treffens. „Wir wollen Kulturen vereinen.“ „Frankreich soll nicht einfach so über andere Kulturen urteilen,“ fährt Faik fort. „Am Ende weisen auch wir nicht die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte zurück, wenn wir mit ihnen reden“, schließt Faik, der versucht ideologische Mauern einzureißen. „Mein Chef ist armenischer Herkunft, wie auch eine Gruppe von Leuten, mit denen ich Musik gespielt habe. Da gab es nie irgendwelche Diskussionen über die Vergangenheit oder Auseinandersetzungen.“ Nun gibt es die zusätzliche Herausforderung, den Franzosen die Türken näher zu bringen, welche momentan unter einer negativen Berichterstattung zu leiden haben.

„Nach der Türkischen Kulturzeit in Frankreich werden sich die Dinge ändern. Wir denken nicht, dass wir ein Beispiel der Integration im moralischen Sinne sind, wir sind keine Vorbilder. Wie sind ein Beispiel und ein Modell der Integration unter vielen, die funktionieren, und ein Beispiel des Potentials kulturellen Austausches.“ „Fakt ist, wir stecken alle zusammen. Wir wären nichts ohne Faik und er wäre nichts ohne uns“, sagt Fred. Die franko-türkische Beziehung „ist etwas, das uns tief berührt und beeinflusst. Das Leben war so, dass wir in dieses Projekt einfach investieren mussten.“

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