Kultur

Frankreich und die deutsche Sprache: Fack ju Göhte

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2015
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2015

In Frankreich ist unter Lehrern, Schülern und Politik ein erbitterter Streit um ein neues Reformprojekt des Kultusministeriums entfacht. Kritiker werfen der zuständigen Ministerin vor, mit ihrem Programm das Ende des Deutschunterrichts zu besiegeln. Für Deutschlehrerin Amélie leidet die Sprache Goethes jedoch seit längerem unter einem tiefgreifenderen Problem: Vorurteilen.

cafébabel: Gar nicht so einfach bei all den Reaktionen auf die jüngste Bildungsreform in Frankreich den Überblick zu behalten. Kannst du uns - als Lehrerin - sagen, was wirklich auf dem Spiel steht?

Amélie: Bis jetzt wählen die Schüler in der vierten Klasse am Collège eine zweite Fremdsprache, die dann drei Stunden pro Woche zwei Jahre lang unterrichtet wird. Das Ministerialprojekt sieht Unterricht in der zweiten Fremdsprache erst ab der fünften Klasse vor, und dann zweieinhalb Stunden die Woche. Ist das wirklich ein Fortschritt - wenn man bedenkt, dass es für einen Anfänger in einer Fremdsprache schwierig ist voran zu kommen, wenn er weniger als drei Wochenstunden Unterricht erhält?     

cafébabel: Auch deshalb gibt es ja aber eigentlich bilinguale Klassen.

Amélie: Die bilingualen Fachbereiche an den Schulen sind ein echter Erfolg. Sie wurden vor zehn Jahren geschaffen, um Deutschunterricht an weiterführenden Schulen zu beleben. Durch die großzügigere Zeiteinteilung kann vor allem das erworbene Sprachwissen besser gefestigt werden. Selbst in benachteiligten Gebieten konnten sie deshalb einen regen Zulauf verzeichnen. Zweisprachige Klassen kristallisieren sich an Schulen, die gemeinhin als 'schwierig' gelten, zu kleinen Exzellenzinitiativen heraus, wodurch sich die gesamte Schule aufwerten kann. Die Eltern vieler Collège-Schüler meinen, ihr Kind komme in eine 'gute Klasse', wenn es in eine zweisprachige Klasse aufgenommen wird. Manche Schüler haben demnach allein aufgrund des zweisprachlichen Modells den deutschen Zweig 'gewählt', statt das eigentlich favorisierte Spanisch als zweite Fremdsprache zu nehmen. Schließlich hat Deutsch es dank der zweisprachlichen Klassen geschafft, den Rang der Fremdsprache Nummer zwei an Frankreichs Schulen zu halten. Für die Sprache unseres nächsten Nachbarn und wichtigsten Handelspartners ist das ja wohl das Mindeste! Viele wissen gar nicht, dass Deutsch, was Alltagssprecher betrifft, die meistgesprochene Sprache Europas ist (offiziell in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, Luxemburg, und Liechtenstein,  und sogar im Norden Italiens!) und das Deutschunterricht an den osteuropäischen Schulen der neuen EU-Mitgliedsländer noch immer weit verbreitet ist.

cafébabel: Dennoch, mit dem Wunsch sich "um größere Sprachenvielfalt zu bemühen", hat die Regierung ihre Geringschätzung gegenüber den zweisprachigen Klassen Ausdruck verliehen, die sie als 'elitistisch' brandmarkt. Aus welchem Grund?

Amélie: Aus vielen Gründen - dem Kultusministerium zufolge bleibt Deutsch als Sprache jenen leistungsstarken Schülern vorbehalten, die sich die zahllosen Beugungsvormen der unregelmäßigen Verben so mir-nichts-dir-nichts eintrichtern können. Manche Eltern schrecken vor der Überbelastung durch zusätzliche Arbeit und Schulstunden zurück und geben ihre Kinder deshalb nicht  in den zweisprachigen Unterricht. Wenn es keine Zulassungskriterien gibt, werden Schüler 'natürlich' an Hand ihrer Übertrittsnoten ausgewählt. Aber nein - die zweisprachige Klasse steht allen offen! Gerade einem 'langsameren' Schüler, dem Fremdsprachen etwas mehr Schwierigkeiten bereiten, kommt die zusätzliche Zeit zu Gute, in der ihm Dinge erneut erklärt werden können und in der er weitere Übungen machen kann. Die zweisprachige Klasse ist also keineswegs 'elitistisch', schließlich macht sie vielen Schülern eine Sprache zugänglich, die zwar nicht ganz so kompliziert ist wie allgemein angenommen, die aber trotzdem, vor allem am Anfang, ein wenig 'rigueur' benötigt - gute alte deutsche Rigorosität - bis sie sich schließlich im Kern als vollkommen logisch und klar herausstellt.

cafébabel: Franzosen meinen oft, Deutsch sei doof und kompliziert. Wie könnte man hier einen Gesinnungswandel herbei führen?

Amélie: Die Deutschlehrer kämpfen tagtäglich um eine attraktivere Darstellung ihres Faches, machen Werbung an Grundschulen und in den fünften Klassen, geben sich große Mühe beim Organisieren von Austauschen oder Sprachaufenthalten, um ihre Schüler für den Mut, sich für die deutsche Sprache zu entscheiden, zu belohnen. Dass wir unsere Schüler ins Sprachmutterland schicken können, war immer eine unserer Trumpfkarten, Ziel und Motivation in einem. Aber mit der kommenden Reform werden wir weder Zeit noch Möglichkeit haben das auch weiterhin zu tun.

cafébabel: Wieso?

Amélie: Bezüglich der Wahrung des Deutschunterrichts an französischen Schulen kommt hinter diesem Reformprojekt relativ deutlich ein allgemeiner Unwille zum Vorschein. Wer meint, die Zahl der Deutschschüler würde sich von heute auf morgen einfach so wieder erhöhen, der lügt sich in die Tasche und verkennt die Situation: Deutsch ist schon seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Viele Leute sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass man sich im Alltag immer wieder mit allerlei Vorurteilen gegenüber der schwierigen, harten deutschen Sprache herumschlagen muss, dass man als Deutschlehrer jedes Jahr mehrere Male aufs Neue Hitler und den Nationalsozialismus erklären muss, dass manchmal vor der Zimmertür vor dem Deutschunterricht 'Heil Hitler' skandiert wird. Glücklicherweise stehen unsere Deutschschüler jedoch zu ihrem Deutschunterricht, verkünden auch von sich aus, dass Deutsch gar nicht so schwierig sei, dass es dem Englischen ähnele und dass der Sänger, dessen Lied wir gerade angehört haben, echt total swag hatte.

Am 21. März wurde eine Petition zur Reform ins Leben gerufen, die bereits über 33 000 Unterschriften zählt.