Kultur

Frankfurter Buchmesse 2008: Türkisch-deutsche Literatour

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2008
Auf der 60. Frankfurter Buchmesse ist die Türkei Ehrengast. Einen Monat war der Berliner Autor Björn Kuhligk in der türkischen Stadt Eskişehir als „Stadtschreiber“ unterwegs. Interview.

"Yakın Bakış" - zu Deutsch "Einblick" - heißt das literarische Austauschprojekt des Goethe-Instituts, der Literaturhäuser und des türkischen Kulturministeriums. Acht deutschsprachige Schriftsteller haben in diesem Frühjahr in verschiedenen Städten der Türkei gelebt, Tagebuch geführt und ihre Texte im Internet veröffentlicht. In einer zweiten Phase des Projekts besuchten 8 türkische Autoren als Stadtschreiber unter anderem Berlin, Leipzig und München. Alle 16 Schriftsteller werden auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die vom 15. - 19. Oktober stattfindet, von ihren Erfahrungen berichten.

©Yakın Bakış/goethe.de

Herr Kuhligk, Sie sind Schriftsteller und haben einen Monat lang als Stadtschreiber in der Türkei gearbeitet. Wie hat sich der Wechsel von Berlin-Kreuzberg in die türkische Kleinstadt Eskişehir angefühlt?

Kreuzberg hat ja einen sehr hohen Anteil an Menschen mit türkischem Hintergrund. Dadurch hatte ich eine gewisse Erwartungshaltung, weil ich auch in Kreuzberg teilweise das Gefühl hatte, mich in einer türkischen Kleinstadt zu bewegen. Ich dachte, zumindest das Essen oder auch türkische Musikläden kenne ich ja. In der Türkei wurde ich natürlich nicht in dem bestätigt, was ich erwartet hatte. Zum Beispiel habe ich nicht so viele Kopftuch tragende Frauen gesehen wie in Deutschland. Und es war eine grundlegende Offenheit und Freundlichkeit da, der man in Kreuzberg so nicht an jeder Straßenecke begegnen kann.

Wie hat sich diese Freundlichkeit geäußert?

Zum Beispiel habe ich in dieser Zeit mindestens 20 Telefonnummern bekommen, von Menschen, denen ich höchstens für eine halbe Stunde begegnet bin. Sie sagten: „Wenn du Probleme hast, ruf an.“ Außerdem gibt es eine unglaubliche Kinderfreundlichkeit. Als meine Familie zu Besuch kam, gab es überhaupt keine Chance, eine Straße entlang zu laufen, ohne dass unser Kind ein paar Mal geherzt wurde. Auf den Dörfern gab es eine schöne Geste: Sie haben sich mit der Hand an die Brust gefasst und damit ihre Freude bekundet, dass man da ist. Allerdings haben sich die Frauen immer im Hintergrund gehalten und auch meine Frau „existierte“ etwa beim Abschied nehmen eigentlich nicht.

Wie wird man als Deutscher gesehen?

Ein alter Bekannter, den ich in Istanbul traf, sagte einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist: „Als Deutscher bist du in der Türkei ein kleiner König, du wirst überall freundlich aufgenommen, weil jeder Verwandtschaft in Deutschland hat, und Deutschland ist das große Vorbild.“

Gab es eine Situation, die Sie besonders beeindruckt hat?

Ich hatte eine Begegnung, die ich etwas erschütternd fand. Ich habe einen ca. 70-jährigen, bildenden Künstler getroffen, der 30 Jahre lang als Gastarbeiter in Deutschland war. Dort wurde er psychisch völlig durchgeschüttelt. Er fing danach an, Karikaturen zu zeichnen. Immer wieder behandelte er das Thema, Gastarbeiter zu sein, und wie man als solcher in den 1960ern, 70ern und 80ern als Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Obwohl ich in Kreuzberg lebe, bin ich nie auf die Idee gekommen, dass ich jemanden treffen könnte, der so auseinander genommen wurde. Ein merkwürdiges Gefühl war auch, dass ich mich während der Erzählungen plötzlich gefühlt habe, als ob ich eine Entschuldigung aussprechen müsste, für eine Sache, mit der ich eigentlich gar nichts zu tun habe.

Wie haben Sie das kulturelle Leben in Eskişehir erlebt?

Ich war auf einem klassischen Konzert, es kommen hin und wieder kleine Orchester vorbei. Und ich habe eine Ikone der türkischen Musik gehört, Müslüm Gürses. Aber es war schon tiefste türkische Provinz. Der jetzige Bürgermeister versucht, aus Eskişehir eine kleine innertürkische Metropole zu machen, indem er viele Dinge aus anderen europäischen Metropolen abkupfert. Zum Beispiel wurden entlang des Flusses künstliche Bäume errichtet, die nachts angestellt werden und leuchten. Es sieht ungeheuer kitschig aus.

Was ist Ihr Eindruck von der türkischen Literaturszene?

Die Szene habe ich nicht kennen gelernt. Es gibt in Eskişehir einige wenige Autoren, die aber nicht so stark vernetzt sind, wie es in deutschen Städten der Fall ist. Jeder werkelt dort so vor sich hin.

Inwieweit schreiben türkische Autoren anders - politischer oder bildlicher?

©Frankfurter Buchmesse/HirthIch habe in erster Linie Lyrik gelesen, auch als Vorbereitung auf den Aufenthalt. Da fällt auf, dass die Lyrik, die vor 50 bis 100 Jahren geschrieben wurde, eine völlig andere Tradition hat, die sehr stark im Liedgut verhaftet scheint. Es funktioniert sehr viel über Mythen, über Märchen, über Anekdoten. Das fand ich zunächst befremdlich. Als ich mich eingelesen hatte, fand ich sie sehr spannend. Gerade bei der jüngeren Literatur denke ich, dass es viele gute und spannende Autoren zu entdecken gibt. Und ich warte darauf, dass endlich junge Gegenwartslyrik aus der Türkei ins Deutsche übertragen wird. Aber soweit ich informiert bin, wird dazu auch auf der Frankfurter Buchmesse nichts erscheinen.

Was hat Ihnen die Teilnahme rückblickend gebracht?

Ich arbeite gerade an einem neuen Lyrikband. Bisher habe ich vier Gedichte geschrieben, die meine Zeit dort thematisieren. Vielleicht werde ich etwas aus dem Tagebuch machen, das ich dort geführt habe, aber das steht noch in den Sternen. Es ist spannend, völlig in ein anderes Leben, in eine andere Umgebung einzutauchen. Ich habe ein neues Land kennen gelernt, eine neue Kultur. Ich habe viele Vorurteile abgebaut, bin viele Ressentiments losgeworden. Es ist wirklich dieses individuelle Kopföffnen, eines kleinen Kopfes, der eben auch seine Widersprüche in sich hat und seine Vorurteile mit sich herumträgt, ob er will oder nicht.