Kultur

Film: Children of Sarajevo eröffnet SFF 2012

Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 13. Juli 2012
Eine bosnisch-polnisch-deutsche Kritik zu Aida Begics Djeca (Children of Sarajevo; 2012).

Der offizielle SFF Pitch: Rahima (23) und Nedim (14) sind Waisen des Bosnienkriegs (1992-1995). Die Geschwister leben in Sarajevo, einer Stadt im Transit, in der viele ihren moralischen Kompass verloren haben, was insbesondere an der Behandlung der Kinder deutlich wird, deren Eltern im Krieg ihr Leben lassen mussten. Nach einer gewaltgezeichneten Jugend findet Rahima Trost im Islam. Sie hofft, dass ihr Bruder in ihre Fußstapfen treten wird.

Der Film Children of Sarajevo wird den Bewohnern von Bosnien und Herzegowina als ziemlich düster in Erinnerung bleiben. Denn es fehlt dieser typische Sinn für Humor, der die Menschen dieses Landes eigentlich ausmacht. Wenn man im Hinterkopf behält, wie selten es ist, dass im Ausland über Bosnien berichtet wird, so bedaure ich ein wenig, dass die Regisseurin sich nicht einem freundlicheren Thema gewidmet hat. Denn viele Jahre nach dem Krieg gibt es hier auch eine optimistische, positivere Seite. Doch Aida Begics Film will vor allem provozieren. Er will seine Zuschauer zum Nachdenken über ein Thema anregen, das allzu oft unter den Tisch fällt. Über die Geschichte von zwei Waisenkindern, Rahima und Nedim, porträtiert Begic eine ganze Generation von Kindern, die in einer Übergangsgesellschaft ohne Werte und Gemeinschaftssinn groß geworden sind. Children of Sarajevo stellt eine simple Frage: Welches Erbe hinterlassen wir dieser neuen Generation, die unsere Zukunft darstellt und bis heute nicht viel mehr als Krieg, Hass und nationalistische Gehirnwäsche erlebt hat? Das Medium Film für diese Art von Fragestellung zu verwenden wird somit zum künstlerischen Aktivismus. Und in diesem Sinne ist Children of Sarajevo ein außergewöhnlicher und wirklich notwendiger Beitrag zur öffentlichen Debatte, der ein neues Bewusstsein hervorrufen und somit vielleicht auch einen Unterschied machen kann.

, Bosnien und Herzegowina

Eröffnung des SFF 2012

Children of Sarajevo ist ein Film über den täglichen Kampf von zwei Waisen in der Nachkriegszeit in Sarajevo. Hätte ich den Film gesehen, bevor ich vor einem Jahr nach Bosnien gezogen bin, dann wäre es nur ein weiterer harter Kriegsfilm über Bosnien gewesen. Doch nicht nur der Originaltitel Djeca (‚Kinder‘) klingt heute besser als dessen englische Übersetzung, sondern auch viele kleine Details der bosnischen Kultur und Mentalität, die Aida Begic in ihrem Film verarbeiten konnte, sind mir viel bewusster. Der Film ist ein cleverer Mix aus Kriegsbildern und Sequenzen, die in der heutigen Zeit spielen. Als Zuschauer erhält man den Eindruck, dass der Krieg bis heute im Gedächtnis der Protagonisten verankert ist. Auch die klassische Filmmusik - durchsetzt mit Kriegsgeräuschen - vermischt sich gut mit dem allgemeinen Tenor des Films. An manchen Stellen fühlt sich Children of Sarajevo sogar mehr nach Kriegsrealität als heutiger Zeit an. Aber der Film spricht ein Thema an, das man heutzutage nicht mehr allzu oft in den Cafés von Sarajevo zu hören bekommt. Viele Leute sprechen nicht offen über den Krieg. Deshalb erfüllt Aida Begics Film den Zweck, dass Leute offen über dieses wichtige Thema sprechen – die Kriegserfahrung und eine Rückkehr in die ‚Normalität‘. Auch einen Funken Humor hat Begic eingebaut – sicherlich schwer herauszufiltern für Zuschauer, die die bosnische Kultur und Tradition nicht kennen. Meine größte Enttäuschung waren aber die letzten 5 Minuten des Films. Es scheint, als wollte die Regisseurin zu einem abrupten Ende kommen. Ein Hollywood-Ende, das die eigentlich positive Gesamtbilanz ein wenig abschwächt.

Artur Krzykowiak, Polen

‘Schon wieder ein Kriegsfilm“, möchte man nach der Erstvorführung von Aida Begics Children of Sarajevo beim SFF 2012 eigentlich murmeln. Ihr Streifen über das harte alltägliche Leben von zwei Kriegswaisen ist in grau-blau gehalten, mit schrecklichen Geräuschen aus der Kriegszeit und Archivmaterial aus den Neunzigern durchsetzt (mitten im Film wird plötzlich eine Frau im Bus erschossen und viel Blut ist zu sehen). Ziemlich gruselig. Hätte Nedim nicht das I-Phone eines reichen Papasöhnchens in seiner Schule kaputt gemacht, würde man kaum glauben, dass der Film in der heutigen Zeit angesiedelt ist. In Blairwitch Project-Manier folgt die Handkamera den Protagonisten, was die Hastigkeit und gleichzeitig extreme Vorsicht, mit denen die Menschen in Sarajevo agieren, unterstreicht. Der Zuschauer unterdessen wartet im Rhythmus der wackeligen Kamera auf das Unglaubliche. Doch das Unglaubliche bleibt aus in Sarajevo: die Menschen kämpfen nicht, die Menschen schießen nicht und sie verlieben sich nicht – es gibt nur wenige kleine Momente des Glücks in einer Gesellschaft, in der die Leute versuchen ihr tägliches Leben zu leben: sie kaufen Eier und Saft, setzen Kopftücher auf und ab, gehen zur Schule oder auf Arbeit, trinken Tee. Es gibt keine persönlichen Geschichten – nur eine Geschichte: Der 'Krieg' ist der einzig wahre Protagonist in Djeca. Jedes Mal wenn Rahima die kleine Wohnung verlässt, um auf Arbeit zu gehen – ein Schicki-Micki Restaurant, das von einem schmierigen Nutznießer geführt wird – scheinen Bomben auf Sarajevo zu fallen. Das ist ein ziemlich heftiger Kontrast zu den 32°C außerhalb des Nationaltheaters, wo sich eine ganze Stadt in Partylaune auf eine zweiwöchige Dauerfiesta vorbereitet. Nur die Fassade gegenüber mit schlecht verputzten Einschusslöchern zeigt die nur langsam heilenden Wunden von Sarajevo.

Katharina Kloss, Germany

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Illustrationen: Teaser ©SFF2012, Roter Teppich ©Artur Krzykowiak; ITV Aida Begic: (cc) SFF2012/YouTube