Kultur

Feu! Chatterton: Poesie ist wie Biertrinken 

Artikel veröffentlicht am 29. August 2014
Artikel veröffentlicht am 29. August 2014

Die fünf Jungs aus Paris bekennen sich zur Poesie. In Dandy-Kluft gekleidet, verlieren sie sich gerne in ihrer Muttersprache. Genau wie kühles Bier, gehören Gedichte ins tägliche Leben, sagen sie. 

Cafébabel : Wie war es musikalisch in Paris aufzuwachsen?

Feu! Chatterton: Es war nicht einfach, denn in Frankreich haben wir eher Jazzmusiker von denen man sich etwas abschauen kann. Paris ist einfach nicht die perfekte Stadt für Rockmusik. Wir haben uns dem anglo-sächsischen Rockgruppen zugewandt, um musikalisch etwas zu lernen. Die Leute gehen in Paris nicht einfach wegen der Musik auf ein Konzert. In Berlin hatten wir den Eindruck, dass Leute nicht nur in Clubs gehen um rumzumachen, sondern um sich mit der Musik auseinanderzusetzen. Dort tanzen die Leute bei den Jazz-Jamsessions. Oder in Istanbul ist die lokale Musik überall auf der Straße und die Leute tanzen spontan dazu. In New York gehen die Menschen selbst zu Konzerten von Gruppen, die sie gar nicht kennen.

Feu! Chatterton - La Mort dans la Pinède

Cafébabel: Ihr habt an vielen Talentwettbewerben teilgenommen. Ist das heute der einzige Weg bekannter zu werden?

Feu! Chatterton: Nicht unbedingt. Am Anfang bist du niemand und machst mit deinen Freunden Musik. Außerdem hast du hast kein Geld. Wir haben uns dann einfach für alle Wettbewerbe angemeldet. 

Cafébabel: Ihr bekamt auch Bühnenunterricht. Verstellt ihr euch?

Feu! Chatterton: Beim Unterricht versuchen wir nur etwas zu befreien, das schon in uns ist. In diesem Moment sind wir wild. Aber die Inszenierung ist keine Lüge, sondern einfach etwas Ausgearbeitetes. Wenn wir unter uns proben, sind wir noch viel schlimmer, als auf der Bühne. 

Cafébabel: Es wird sehr gut aufgenommen, dass ihr Baudelaire und Aragon zitiert. Seht ihr euch als Poeten?

Feu! Chatterton: Die Poesie ist für uns, wie ein Bier zu trinken: es macht einfach Spaß! Wenn wir uns Poesie vornehmen, dann wollen wir damit nicht sagen: Schaut her, wird sind Poeten, stellt uns im Museum aus. Es ist eher, als wenn du ein Tor auf Fifa erzielst. Wenn hier jemand in Frankreich mit Poesie ankommt, dann hat man hier das Gefühl, als ob man sich ein Gemälde im Museum anschaut. Poesie ist für viele Leute eine tote Institution und außerdem sollte man zu seinem Genuß gut angezogen sein. Wir könnten auch Poesie in Unterwäsche rezitieren. Wenn wir einen Vers, der zur Musik passt gefunden haben, können wir wie kleine Jungen sein. Wir haben das Glück auf der Bühne aufzutreten und da haben wir das Recht klassische Poeten mitzunehmen. Die Leute merken dann plötzlich, dass sie damit etwas anfangen können. Jim Morrison und Patti Smith haben das auch gemacht.

Feu! Chatterton - La Malinche

Cafébabel: Ich habe gelesen, dass ihr als „Botschafter der französischen Sprache“ bezeichnet werdet. Liegt das auch daran, dass heute das französische Chanson nicht mehr besonders gepflegt wird.

Feu! Chatterton: Es ist wahr, dass es nicht so viele Bands gibt, die französische Chansons spielen wollen. Es gibt genug Leute, die auf den korrekten Umgang mit der Sprache keinen Wert legen. Wenn die Nachricht angekommen ist, dann sind sie zufrieden. Bei uns ist das anders. Vor 30 Jahren gab es hier noch Poeten in den Bars, die ihre Texte vorgelesen haben. Heute haben wir den Eindruck, dass das nicht mehr zeitgemäß ist. Damals gab es noch einen naiven Umgang mit der Sprache. Der französische Rap versucht dem auch entgegenzusteuern.

Cafébabel: Macht ihr noch etwas neben der Musik?

Feu! Chatterton: Wir haben bis vor kurzem unterschiedliche Sachen studiert: Physik, Handel, Finanzen und Kontrabass.

Cafébabel: Glaubt ihr, dass eure Musik auch außerhalb Frankreichs aufgenommen werden könnte?

Feu! Chatterton: Das kann man nicht so genau sagen. Wir würden aber gerne in den USA oder in Deutschland auftreten. Wir hoffen einfach, dass man mit der Musik etwas anfangen kann, ohne die Texte zu verstehen.