Kultur

Fatih Akin: Auf der anderen Seite

Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2007
Auf der anderen Seite geht Themen wie der Zugehörigkeit zum Vaterland, der Bedeutung von Bildung für Einwanderer und dem Beitritt der Türkei zur EU auf den Grund.

Nejat, Professor für Deutsche Philologie an der Universität Bremen, beschließt in die Türkei zu reisen. Dort macht er sich auf die Suche nach Yenets Tochter, die sein Vater - ein Einwanderer der ersten Generation - kürzlich aus Versehen umgebracht hatte, nachdem er sich ihre Liebesdienste erkauft hatte. Nejats Ziel: der Tochter die Ausbildung zu bezahlen, die ihr bisher die Mutter finanziert hatte.

Zur gleichen Zeit flieht Yenets Tochter Ayten, Mitglied der politischen Opposition in der Türkei, vor der Polizei und setzt sich in Hamburg ab, um dort nach ihrer Mutter zu suchen. Dort wird sie von der Studentin Lotte aufgenommen, in die sie sich verliebt und mit der sie beschließt, nach Bremen zu reisen, um dort ihre Mutter zu finden. Als Ayten in die Türkei abgeschoben wird, fliegt Lotte ihr sofort nach, um ihre Geliebte aus dem Frauengefängnis in Istanbul zu befreien. Die Wege der drei kreuzen sich, ohne dass einer von ihnen auch nur ahnt, wie nah sie sich sind.

(Foto: Kerstin Stelter; ©corazón international)

Auf der anderen Seite, das neueste Werk des Regisseurs Fatih Akin, ist nicht einfach nur ein Film über die Suche nach dem Glück. Es ist ein Film über Einwanderung, über die Vermischung und das Aufeinanderprallen von Kulturen und Generationen. Ohne sie wirklich zu kennen, nimmt eine Hamburger Studentin eine türkische Frau auf, die aus politischen Gründen aus ihrem Land geflohen ist. Auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes wurde diese Geschichte mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet und wird als deutscher Film in der Kategorie "bester nicht englischsprachiger Film" bei der nächsten Oskarverleihung antreten. Auf der anderen Seite plädiert für einen Dialog zwischen den Kulturen, in dem Rasse und Nationalität keine Rolle spielen. Damit ein solcher Dialog existieren kann, ist Wissen, ist Bildung unerlässlich: ein Film über die Bedeutung von Bildung für das Zusammenleben der Kulturen.

Bildung für die Integration

Die Bildung als Mittel zur Integration von Einwanderern: so stellt es zumindest Fatih Akin in seinem Film dar. Zehn Jahre sind seit dem Integrationspessimismus von Kurz und schmerzlos vergangen, einem Film über drei junge Einwanderer der dritten Generation, die im multikulturellen Hamburger Viertel Altona zu kleinen Gangstern und Dieben werden. In Gegen die Wand, der 2004 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet wurde, erliegen zwei türkischstämmige Deutsche zu heftigem Alkohol- und Drogenkonsum. Jahre später sieht alles anders aus. Deutschland hat sich verändert und so auch seine Einwanderung.

Vaterland versus Globalisierung

Nejat, der Professor, ist schon vollständig integriert, als er plötzlich Sehnsucht nach seiner ursprünglichen Heimat, der Türkei verspürt. Er zieht nach Istanbul. Zur gleichen Zeit kehrt sein Vater Ali, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, in sein Dorf am Schwarzen Meer zurück. Auf der anderen Seite ist auch ein Film über die Suche nach der eigenen Identität und den eigenen Wurzeln in Zeiten der Globalisierung. Laut Fatih Akin geht es noch viel mehr um die Zugehörigkeit zur Heimat, wie er bei der Vorstellung des Films am 24. September in Lüneburg betonte. Der Spielfilm hält sich auch nicht aus der Debatte über den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union heraus: im Film streiten Susanne, Lottes Mutter und die türkische Aktivistin Ayten in englischer Sprache (siehe Video).

Nach Gegen die Wand ist Auf der anderen Seite der zweite Teil von Fatih Akins Trilogie über Liebe, Tod und Teufel. Der Tod macht den Film symmetrisch: ein Sarg fliegt von Deutschland in die Türkei, ein anderer reist in die entgegengesetzte Richtung. Aber trotz des Schmerzes, den er verursachen kann, ist der Verlust eines geliebten Menschen auch überwindbar. In einer Szene stößt Susanne, die seit dem Tod ihrer Tochter in Istanbul wohnt, mit Nejat auf den Tod an. Der Tod als einfache Gegebenheit, Teil der Routine im Leben eines jeden Menschen. Der Tod führt Nejat und Susanne nach Istanbul, Schauplatz der Sehnsucht und Katharsis des Menschen, Brücke zwischen Orient und Okzident und Symbol für das Zusammenleben der Kulturen.

Auf der anderen Seite ist seit dem 27. September in deutschen Kinos, in Österreich und der Schweiz seit dem 4. Oktober zu sehen.

Im Rahmen des "12. Festival du cinéma allemand" wird der Film am 16.Oktober in Paris gezeigt.

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