Kultur

Fakear: „Ich darf mir auch mal Fehler erlauben“

Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 8. Juli 2015

Er ist zweifellos der momentan meist gehypte Künstler der französischen Elektroszene. Mit nur 24 Jahren hat Fakear bereits 4 EPs veröffentlicht, das Publikum in die besten Konzertsäle Frankreichs gelockt und bestätigt, dass Beatmaking in der Popkultur aufgehen kann. Zurzeit arbeitet der junge Mann aus Caen an einem für Herbst angekündigten Album, um noch einen draufzusetzen. Eine Begegnung.

Cafébabel: Man hat dich sehr schnell zur neuen Speerspitze des Elektro in Frankreich erklärt. Hat dich das gestört?

Fakear: Nein, das stört mich nicht, es ist eine Überraschung. Ich habe das nicht erwartet, da es viele Jungs gibt, die das schon viel länger machen. Es ist, glaube ich, mehr eine Frage des Alters. In den Artikeln über mich wird immer stark auf mein Alter hingewiesen und ich glaube, die Medien schreiben gern über „diesen erst Zwanzigjährigen“. Na ja, inzwischen bin ich 24 Jahre alt. Aber die Leute sind deswegen viel wohlwollender, das ist cool. Ich darf mir auch mal Fehler erlauben. Da kann ich das genauso gut voll ausspielen.

Cafébabel: Hast du nicht auch deine Einzigartigkeit ausgespielt?

Fakear: Absolut nicht. Es gibt tausende Typen, die Beats machen mit Stimmsamples und die das auch schon lange vor mir gemacht haben. Ich bin mit Popmusik aufgewachsen und habe die MPCs (Anm. d. Red.: Music Production Center: eine Serie von Sampler- und Sequenzer- beziehungsweise Drumcomputern) erst relativ spät für mich entdeckt. Dann habe ich kleine Pop-Ausschnitte benutzt, um Musik für die breite Masse zu machen.

Cafébabel: Was ist deine früheste Erinnerung an elektronische Musik?

Fakear: Das war in Caen. Ich habe sie einem Typen namens Fulgeance zu verdanken, der das Wahnsinnslabel Musique Large führt. Er ist der Erste, der mich dafür begeistert hat und der Erste, den ich auf der Bühne einen Drumcomputer spielen sah. Das hat mich total umgehauen. 20Syl von der Gruppe C2C hat eine große Bedeutung für die Beatmaking-Szene in Frankreich. Und auch ausländische Künstler wie RJD2Bonobo...Es hat nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass elektronische Musik viel weitergeht als Clubbing.

Cafébabel: Langweilt dich Clubbing?

Fakear: Nicht wirklich, aber ich gehöre nicht zur Clubkultur. Ich bin nicht sehr von JusticeDaft Punk oder French Touch beeinflusst. Ich gehe selten in Clubs. Ich besuche lieber ein Rockkonzert als mir einen DJ anzuschauen, der bis 4 Uhr morgens auflegt. Da habe ich Anderes zu tun - schlafen zum Beispiel.

Cafébabel: Glaubst du die Menschen haben insgesamt verstanden, was du machst?

Fakear: Ja, ich glaube schon. Die, die Verständnisprobleme haben, das sind die anderen Musikproduzenten. Leute, die sich in der Szene auskennen und dich in Schubladen packen wollen. Es fällt ihnen schwer zu verstehen, dass ich ein Pop-Ding machen will, um die Leute zusammenzubringen. Sicherlich liegt das daran, dass elektronische Musik sich lange Zeit an ein kleines Undergroundpublikum gerichtet hat. Ich mach das Ding aber.

Cafébabel: Welches Ding?

Fakear: Ach, Musik einfach. Das ist intuitiv. Ich mache Musik aus dem Bauch heraus, weil ich das so brauche. Was dabei entsteht, das eignet sich das Publikum dann so an wie es möchte. Im Allgemeinen beschreibt das oft meinen Tagesablauf. Alltägliche Dinge inspirieren mich am meisten: Pizza essen, abends was mit Freunden unternehmen...Das Musikstück erzählt nicht unbedingt davon, aber es entspringt aus solchen Anregungen.

Fakear - « Skyline »

Cafébabel: Du wechselt häufig die künstlerische Richtung, dein Vorgehen und mischst die Spuren durcheinander. Wem oder was willst du entkommen?

Fakear: Mir selbst, meiner Bequemlichkeit. Ich bin schnell unzufrieden mit meinen Arbeiten und es gab auch Zeiten, als ich meine Platten verleugnet habe, wie etwa Sauvage. Als ich dann die bisher letzte, Asakusa, produziert habe, ging es besser. Ich habe mir verziehen. Es ist ein immer wiederkehrender Kreislauf des sich-in-Frage-Stellens – mit existentiellen Fragen.

Cafébabel: Du hast mal gesagt: „Wenn ich anfangen würde zu verstehen, was mein Trick ist, dann würde ich mich umbringen“. Was willst du damit sagen?

Fakear: Das ist das Rezept-Prinzip. Ab dem Augenblick, da ich verstehe, wieso ich die eine oder die andere Sache gemacht habe, höre ich damit auf. Wenn ich weitermachen würde, dann wäre das nicht mehr aufrichtig. Es ist nämlich viel zu bequem eine gute Idee zu haben. Man riskiert, dort steckenzubleiben. Du traust dich nicht darüber hinauszugehen. Du machst immer das Gleiche und den Rest verwirfst du.

Cafébabel: Musstest du bisher viele Stücke wieder verwerfen?

Fakear: Ja verdammt, und wie viele! Ich produziere viele Stücke. Ich bringe im Herbst ein Album raus, aber das ist bereits das dritte! Seit letztem Oktober, als ich angefangen habe, über ein Album nachzudenken, habe ich sicher um die 50 Produktionen wieder verworfen. Inzwischen finde ich, dass ich eine schöne Einheit gefunden habe. Ein Dutzend Musikstücke, die mir gefallen. Das ist cool.

Cafébabel: Du bist zur Zeit der erfolgreichste französische Elektro-Künstler. Kannst du dir dieses Phänomen erklären?

Fakear: Es ist unglaublich faszinierend. Ich habe das Gefühl, dass ich auf der Bühne „Pups“ sagen könnte und alle würden es feiern. Aber ich versuche dieses Phänomen nicht zu verstehen, sonst würde ich total blöd werden - und überheblich und arrogant. Darauf habe ich keine Lust. Ich versuche, mich davon möglichst fernzuhalten und nur von Zeit zu Zeit, wenn es nötig ist, mal reinzuschnuppern. Das ist übrigens auch der Grund warum ich oft rausfahre aus Paris. Ich haue dann ab. Aber mehr im Sinne eines Umzugs; ich richte mich woanders ein.

Cafébabel: Wo?

Fakear: Weit weg, außerhalb Frankreichs. In Paris ist dieses Hype-Phänomen ständig dabei. Sobald du das Haus verlässt, befindest du dich mittendrin. Das ist ziemlich beschissen und definitiv kein besonders gutes Umfeld, um schöpferisch tätig zu werden. Also haue ich ab und erst, wenn ich schuften muss und Promo machen, erst dann nehme ich den TGV zurück.

Cafébabel: War es hilfreich für dich, dass du aus Caen kommst, um dem ganzen Druck zu entkommen?

Fakear: Absolut. Wenn du in der Provinz dein Ding zum Laufen bringst, dann wirst du von den Leuten schnell zum Fahnenträger der Region ernannt. So baust du dich in dieser Gegend auf und die Pariser sind dann nachsichtiger mit dir. Du bist vorerst mal der Künstler aus der Normandie, der in Paris erfolgreich ist. Ich denke, dass dieser Integrationsprozess viel einfacher ist, als wenn du aus Paris kommen und versuchen würdest, dir dort deine Sporen zu verdienen, direkt unter den Augen der Kritiker.

Cafébabel: Du sprichst viel von Nachsicht. Macht dich Kritik nervös?

Fakear: [denkt nach] Nein, inzwischen nicht mehr. Seit das Trianon (Anm. d. Red.: Theater und Konzerthalle in Paris) ausverkauft war, stelle ich mir diese Frage nicht mehr. Was auch immer die Leute reden. Das ist am überzeugendsten; weiter muss ich eigentlich nicht gehen. Die Leute kaufen Tickets für meine Shows und kommen, um mich spielen zu hören. Damit bin ich meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg. Das beweist doch vor allem, dass mich meine Fans verstehen und dass ich eine eigene künstlerische Identität besitze. Für mich ist es unglaublich wichtig, dass die Leute meine Arbeit verstehen. Das gibt mir neuen Schwung, hält mich zur Aufrichtigkeit an und das wiederum definiert mich als Künstler. Wenn das Publikum mich nicht mehr versteht und ich anfange nur noch wegen der Kunst zu produzieren, dann höre ich auf.

Cafébabel: Bevor du Fakear wurdest, was wolltest du werden?

Fakear: Toningenieur - im Technikbereich arbeiten, also hinter den Kulissen. Oder was ganz anderes, im Erziehungsbereich.

Cafébabel: Du hast als Rockgitarrist angefangen. Wann hast du die Gitarre gegen das MPC eingetauscht?

Fakear: Im Gymnasium war ich mit Gabriel in einer Ska-Punk-Band. Heute ist er besser bekannt unter seinem Pseudonym Superpoze. Und er war ein ziemlicher Streber: Er hat damals schon mit einem MPC gearbeitet - die Technik hat ihn fasziniert. Ich hingegen habe viel mit meiner Klaviatur gearbeitet, an Synthie-Sounds herumgebastelt, aber das funktionierte einfach nicht. Also habe ich mich an Gabriel gewandt und er hat mir von MPCs erzählt: dass sie nicht teuer sind und praktisch, ein Objekt, das man einfach in seinen Rucksack stecken kann. Selbst heute schleppe ich immer noch den gleichen Rucksack mit mir rum.

Fakear - « La Lune Rousse »

Cafébabel: Deine Eltern sind Musiklehrer. Du bist also sehr früh damit in Berührung gekommen...

Fakear: Ich habe eine musiktheoretische Ausbildung genossen, war aber nicht am Konservatorium. Meine Eltern waren ziemlich entspannt. Sie wollten, dass es ein Freizeitvergnügen bleibt. Mein Vater leitet eine sehr freigeistige Musikschule, wo man am Ende keine Noten bekommt und so. Demzufolge habe ich Musik in einem sehr relaxten Umfeld kennengelernt. Ich bin auch nicht sonderlich gut in Musiktheorie. An der Uni hatte ich zwei Jahre Musiklehre. Das war eine ganz schöne Plackerei für mich…

Cafébabel: Verstehen sie, was du tust?

Fakear: Nein, nicht wirklich. Auf künstlerischer Ebene wird es für sie manchmal schwierig, mir zu folgen. Sie verstehen die Stücke, die in klassischer Pop-Struktur verfasst sind. Also eine Strophe und ein Refrain, das kennen sie. Aber wenn ich dann zum Beispiel ein ,progressive‘ Stück mache, sieben Minuten mit einem House-Beat, dann sind sie raus. Aber sie verfolgen meinen Werdegang mit großem Interesse und sind ganz schön stolz. Das ist das Wichtigste.

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Hörempfehlung : 'Asakusa' von Fakear (Nowadays Records/2015)