Kultur

Eurosnobs in Australien: Kängurus und Kultur

Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2013
Surfbretter, Bier und Kängurus: Wenn Europäer an Australien denken, fallen ihnen oft nur ein paar Gemeinplätze der Tourismusbranche ein. Denn mehr als Naturspektakel und eine äußerst bizarre Flora und Fauna gestehen wir down under meist nicht zu. Ganz zu Unrecht, wie sich bei einem genaueren Blick auf die Ostküste heraus stellt. Ein Plädoyer für weniger kulturellen Eurozentrismus.

Wer als Europäer im Schatten von Kathedralen aufwächst, umsäuselt von klassischer Musik und wohlgenährt durch die seit 2010 zum Weltkulturerbe zählende französische Küche, ist sich nicht immer bewusst, wie einzigartig die europäische Hochkultur ist. Fühlbar wird der eigene kulturelle Eurozentrismus erst, wenn man sich längere Zeit in einem jungen westlichen Land wie den USA oder Australien aufhält, die beide nur wenige hundert Jahre alt sind und nicht über pompöse Sandsteinbauten, Ölgemälde aus dem 17. Jahrhundert oder eine raffinierte literarische und philosophische Tradition verfügen. 

Leonardo, Sonaten und Foie Gras vs. Bierbauch, Boards und Barbecue

Dies gilt besonders für Australien, das von den Briten erst im Jahr 1770 mit der Landung Captain Cooks an der Ostküste besiedelt wurde, und sich, was seine Kultur angeht, eher am amerikanischen Mainstream orientiert. Natürlich sitzen die Australier dank der Jahrtausende alten Traditionen der Aboriginals auf einer kulturellen Goldmine, aber europäische Hybris, historische Fehlentscheidungen und unvorstellbare Gewaltexzesse haben die dreamtime im 21. Jahrhundert in ein ziemlich vermintes Gelände verwandelt. 

Trotz allem lohnt es sich aber, down under einmal nicht von der eurozentrischen Warte aus zu betrachten und der in Melbourne und Sydney angesiedelten kulturellen Szene eine Chance zu geben. Seit dem internationalen Erfolg der psychedelischen Rockband Tame Impala aus Perth ist vor allem die Musikszene Melbournes am europäischen Horizont aufgetaucht: „Australien verfügt über die sechstgrößte Musikindustrie der Welt und repräsentiert drei Prozent des weltweiten Musikmarktes.

Wirklich bekannt scheint mir australische Musik als eigener Sound aber nicht und ich weiß aus eigener Reiseerfahrung, dass Europa immer noch an ein paar echten australischen Juwelen vorbeihört.“ Sunni Hart, die als Praktikantin für das 1992 gegründete Musiklabel Chapter Music arbeitet und in verschiedensten Clubs in Melbourne auflegt, sprüht vor Begeisterung: „Im Moment ist Australien wie elektrisiert von unglaublich guten Bands. Bushwalking, Twerps, Dick Diver, Galaxy Folk, The Stevens“. Namen, die viele Clubgänger in Berlin, London und Barcelona noch ignorieren. „Anders als in Europa und Amerika sind wir hier sehr isoliert und verfügen nicht über den gleichen globalen Einfluss. Deswegen mussten wir unseren eigenen Sound erfinden.“Über einem Café Latte diskutiert man das neueste Album der Twerps oder das Avocado-Sushi im besten japanischen Restaurant der Stadt.

Wurundjeri, australische Farbpaletten und der obligatorische Hipster

"Die Materialien, die ich verwende, meine Farbpaletten und Konstruktionsmethoden sind alle von meiner Identität als australischer Künstler geprägt."Wer ein pointilistisches Dreamtime-Gemälde der Wurundjeri, eines in der Provinz Victoria ansässigen Aboriginal-Stammes, sieht, denkt automatisch an Australien. Dass es dort aber ebenfalls eine von europäischen Trends inspirierte Kunstszene gibt, wird häufig übersehen: „Die Kunst der Aboriginals ist Australiens wichtigstes kulturelles Exportgut. Da ist es natürlich verständlich, dass der Rest der Welt australische Kunst mit Dreamtime-Gemälden gleichsetzt“, meint Heath Newman, der als freischaffender Künstler in Melbourne und New York lebt. Seine Gemälde – geografische Muster in ausgefeilten Farbkombinationen – sind grundlegend von seiner Heimat inspiriert: „Die Verwendung lokaler Hölzer, australischer Farben oder einfach nur der Blick aus dem Fenster tragen zu meiner 'Identität' bei, die vollkommen australisch ist.“ Neben ein paar beeindruckenden Künstlern aus dem 20. Jahrhundert, wie z.B. Sidney Nolan und John Brack, habe auch die Moderne einiges zu bieten: „John Nixon, Freddie Timms und Debra Dawes sind drei lebende Künstler, die meiner Meinung nach wichtige Fackelträger der australischen modernen Kunst sind.“

Latte Life in Melbourne 

Mag Australien auch noch so weit von Europa entfernt sein, die Hipster haben auch vor Melbourne nicht Halt gemacht. In engen Jeans, altmodischen Faltenröcken und ausgewaschenen Band-Shirts bevölkern sie die Cafés in den angesagten Stadtvierteln Fitzroy und Collingwood und frönen dem sprichwörtlichen „latte life“.

Collecting MelbourneAlexandre Schoelcher, der ursprünglich aus London stammt, aber Melbourne seit drei Jahren zu seiner Wahlheimat gemacht hat, fotografiert seit einem Jahr diese lokalen Stilikonen für sein Blog Collecting Melbourne. Das sind zwar nicht immer unbedingt Hipster, aber meistens bieten diese mit ihren asymmetrischen Haarschnitten und in Australien Kultstatus genießenden R.M.Williams-Lederstiefeln die besten Fotomotive: „Die meisten Leute bezeichnen meine Arbeit als street fashion. Mir geht es eher darum, die Vielfalt, Freundlichkeit und Kreativität der Menschen in Melbourne zu feiern. Melbourne war für mich der ideale Ausgangspunkt, weil die Leute hier so freundlich und entspannt sind. Wenn ich mein Fotoprojekt in London oder Paris angefangen hätte, wäre das sicher bei Weitem schwieriger gewesen.“

Denn Europa kann mit seinem modischen Reichtum und seinen philosophisch-melancholischen Traditionen schnell überwältigend wirkend. Vom Blick über den Tellerrand und gelegentlichen interkontinentalen Inspirationsspritzen können beide Seiten profitieren. Die Suche nach kulturellen Juwelen ist dabei vor allem wegen ihrer verhältnismäßigen Rarität so spannend – und wem das nicht genug ist, der kann von Uluru, bekannter als Ayers Rock, bis zum Kakadu Nationalpark natürlich immer noch die tausend landschaftlichen Weltwunder bestaunen.

Illustrationen: Teaserbild ©collectingmelbourne, Twerps mit freundlicher Genehmigung ©Twerps offizielle Facebook-Seite; Video (cc)modularpeople/YouTube; Hipster in Melbourne mit freundlicher Genehmigung von ©collectingmelbourne