Kultur

Europawahlen gezappt

Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2009
Am gestrigen Sonntagabend, während die ersten Hochrechnungen für die Europawahlen heiß liefen, hast Du wahrscheinlich eine Show über eine arbeitslose Mutter mit zwei Kindern in Spanien, das 'The Apprentice'-Finale in England oder 'The Lord of the Elections' in Bulgarien geschaut.
Ein Blick in die europäischen TV-Programme, für die die Zuschauer des Alten Kontinents die Europawahlen links liegen gelassen haben.

Deutschland: Katastrophenfilme, MTV und Formel 1

Die katastrophale Wahlenthaltung interessierte den deutschen Fernsehzuschauer weniger als das apokalyptische Emmerich-Drama The Day After Tomorrow, dem am Sonntag 3,04 Millionen folgten - dicht dahinter die Formel 1-Übertragung mit einer Quote von 3 Millionen. MTV berichtete am Wochenende in einem 6-Stunden-Marathon live von „Rock am Ring“. Vielleicht wäre ein Wahlstand am Nürburgring, während The Prodigy und Mando Diao im Hintergrund spielten, eine Idee gewesen, um junge Wähler an die Urne zu locken.

Großbritannien: The Apprentice triumphiert über Europa

Die Zeitungen am Morgen des 8. Juni berieten über Gewinner und Verlierer - dabei ging es jedoch nicht nur um die Europawahlen des Vorabends. Allein ein Drittel der britischen Einschaltquoten (10,4 Millionen) entfielen auf Yasmina Siadatan, die in einem 2-Stunden-Special ab 21 Uhr die fünfte The Apprentice-Staffel gewann. Die BBC nannte die Serie, in der einer der reichsten Geschäftsmänner Großbritanniens, Alan Sugar, einen Auszubildenden für seine Firma auswählte, „das TV-Event des Jahres“. Sir Alan Sugar ist seit dem 5. Juni Wirtschaftsberater von Gordon Brown; vielleicht wird diese neue Position die Politikverdrossenheit der Jugend ein wenig abschwächen.

Aída in Spanien

Während Zapateros Regierungspartei (PSOE) gerade eines der schlechtesten Ergebnisse zu den Europawahlen einfuhr, folgten die Spanier gespannt Aída auf dem spanischen Sender Tele5. Die humorvolle Doku um eine Mutter und ihre zwei Kinder in einer spanischen Vorstadt erreichte 23,3% der Einschaltquoten (4 Millionen Zuschauer) und katapultierte das Europawahlen-Special mit nur 10% Marktanteil auf die hinteren Zuschauerränge.

Öko- und teilnahmsloses Fernsehen in Frankreich

Nicht immer sind die Europäer so teilnahmslos wie am gestrigen Wahlabend - nur eine gute Schlacht hätte hergemusst. Was bei den Europawahlen auf dem Spiel stand? Sitze im Parlament seien schon wichtig, aber genauso wichtig sei das öffentliche Interesse, antwortete die französische Nachrichtensprecherin Claire Chazal auf die Frage, warum der öffentliche Sender TF1 am gestrigen Wahlabend amerikanische Serien ausstrahlte und um 22 Uhr 30 nur 10 Minuten auf die Analyse der Wahlergebnisse verschwendete. Der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand [berühmt für seinen Fotoband Die Erde von oben; A.d.R.] erklärte unterdessen, dass seine am Freitagabend ausgestrahlte Öko-Doku Home einen positiven Einfluss auf die europäischen Wählerstimmen hatte. Tatsächlich fuhren die Grünen in Frankreich ein Ergebnis ein, das sich sehen lassen kann (16,3%). Insgesamt folgten 33 Prozent der Fernsehzuschauer (8,3 Millionen) der Doku von Arthus-Bertrand.

Schweden blieb dran

Unglaublich: Die offiziellen Zahlen bestätigen, dass die schwedischen Zuschauer ab 20 Uhr mehrheitlich die Wahlergebnisse in der speziellen Wahlsendung EU-Valvakan des öffentlichen Senders SVT2 verfolgten. Nur zu wenigen Sendezeiten zappten die Schweden zum Koch-Channel Vad Blir Det For Mat oder zu den French Open Highlights.

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Bulgariens Lord of the Elections

 Die bulgarischen Einschaltquoten fielen zu gleichen Teilen auf das Wahlspecial (Студио: "Избори за еворпейски депутати 2009) des Senders BTV und die Comedy-Show 'Lord of the Elections' (господари на изборите) auf Nova TV - die beiden größten Sender des Landes. Gleich darauf folgte die Ausstrahlung einer Pressekonferenz zu den nationalen Wahlen am 5. Juli. Der amtierende sozialistische Premierminister, Sergey Stanishev, hielt die Stimmung in Worten fest: « Die Europawahlen waren nur die erste Runde, eine Generalprobe für die richtigen Wahlen“.

Danke an Anna Patton, Pedro Picon, Ole Skambraks, Marysia Amribd, Judit Jaradi, Teodora Kostadinowa und Alexandre Nedeltchev, in Brüssel, Paris, Warschau, Budapest und Sofia.