Kultur

Europas Kulturen im Rest der Welt: Ein schwarzes Jahr für Frankreich

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2009
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2009
Werte, Einstellungen, Lebensstile… Die europäischen Nationen exportieren ihre Kulturen und ihre Sprachen in andere Teile dieser Welt und fördern den Dialog der Kulturen. Cafebabel.com widmet der kulturellen Diplomatie eine spezielle Serie. In Teil I wird beschrieben, wie das französiche kulturpolitische Netzwerk im Ausland gestrickt ist.

Welchen Weg soll die französische Kulturarmada, bestehend aus 148 Kulturzentren und mehr als 1000 Außenkontakten in der ganzen Welt, einschlagen? Das kulturelle Netzwerk Frankreichs muss sich auf das Zentrum der „francosphère“ besinnen, um wieder Aufwind zu bekommen. Nur … in einigen diplomatischen Außenposten werden die öffentlichen Ausgaben für die Finanzierung der auswärtigen Kulturarbeit um 30 % sinken. Durchschnittlich werden die Ausgaben für den gesamten Sektor um 20 % gekürzt.

Ungefähr so sieht die Zukunft für die Kulturpolitik des französischen Außenministeriums aus. Neben den üblichen finanziellen Engpässen aufgrund mangelnder Subventionen aus öffentlicher Hand, ringt der Sektor mit einer Reihe von grundlegenden Problemen, deren schnelle Lösung Chancen für eine Modernisierung des Netzwerks birgt. Mehr Einsatz von Seiten des Staates ist gefordert, damit die Kulturarbeit auf internationaler Ebene wiederaufleben kann. Und eine solche Investition käme die Franzosen nicht einmal besonders teuer zu stehen, angesichts des großen Anteils privater Investoren, welche bereits heute die kulturelle Arbeit im Ausland mitfinanzieren.

Ein „Controlling-Problem“

Ein Kurswechsel, vor allem ein Verzicht der Kulturpolitik auf ihren institutionellen Charakter, würde ermöglichen, einen Nutzen aus der Krise zu ziehen. Eine neue Richtlinie mit der Bezeichnung „De la mondialisation“ (übersetzt etwa: Zur Globalisierung) wurde soeben in das Zentrum des Außenministeriums (MAE: Ministère des affaires étrangères et européennes) eingefügt. Die Aufgabe der neuen Spitze wird es sein, die Kulturpolitik Frankreichs im Ausland geradezu pionierhaft zu koordinieren. Trotz Neuausrichtung der Organisation erscheinen die kulturellen Aktivitäten jedoch neuerdings wie eine bedeutungslose Nebenbeschäftigung der Organisation, welche vor allem die ökonomischen Aspekte der Globalisierung in den Blickwinkel nimmt.

Unsichtbar

Die französische auswärtige Kulturpolitik scheint den Franzosen in der Metropole eher unklar zu bleiben. Einige vermuten, sie sei in das Kulturministerium eingegliedert und dass sie daher ähnliche Funktionen erfülle. Mit der Ausnahme von einigen im Ausland amtierenden Senatoren, machen sich nur wenige Abgeordnete Gedanken über die Kulturpolitik ihres Landes. Aufgrund mangelnder politischer Visionen, die eine Neuausrichtung ihrer Missionen erfordert hätte, scheint die französische auswärtige Kulturpolitik brach zu liegen.

Ein in Regierungskreisen kritisiertes Handlungsprofil

Das im kulturellen Außendienst beschäftigte Personal besteht nicht aus Diplomaten von Beruf. Bevorzugt werden Spezialisten aus verschiedensten Berufsfeldern für den Dienst ausgesucht, u.a. Kunstspezialisten, Akademiker, Kulturwirte. Diese facettenreiche Identität des Außendienstes ist seine wahre Stärke. Die Einbindung in diese Welt (klassisch: in ihre Verwaltung) als Charakteristikum karrieristischer Diplomaten liegt nicht immer auf der Hand. Zahlreiche Botschafter und Entscheidungsträger des Außenministeriums befürchten, dass das Zentrum für kulturelle Außenpolitik zunehmend an Autonomie gewinnt. Mehr Unabhängigkeit würde bedeuten, dass sie diplomatische Einflussmöglichkeiten auf die Kulturpolitik einbüßen, eine der Hauptachsen der französischen Außenpolitik.

Eine kleine Revolution der Finanzierung ist bereits erreicht

Das Budget der gesamten Abteilung liegt unter der Summe, mit welcher die Nationalbibliothek Mitterand oder die Opéra Bastille finanziert werden.

Mit Sicherheit werden die zur Verfügung gestellten öffentlichen Mittel für einen Neustart der internationalen Kulturpolitik bescheiden bleiben. Zum jetzigen Zeitpunkt liegt das Budget der gesamten Abteilung unter der Summe, mit welcher die Nationalbibliothek Mitterand oder die Opéra Bastille finanziert werden. Trotz der vielen ungelösten Probleme gelang der Organisation bereits eine kleine Revolution: Bei seiner Finanzierung. Diese wird zunehmend von privaten Quellen übernommen. Die europäischen Kulturinstitute werden derzeit zur Hälfte von Unternehmen getragen, einen großen Anteil der Erhaltungskosten steuern Kooperationspartner wie z.B. Kulturinstitutionen vor Ort bei. Ebenfalls nehmen die Außenposten den Verdienst aus bezahltem Sprachunterricht ein. Die Wiederbelebung des kulturellen Sektors der Außenpolitik würde die Franzosen also nicht viel kosten.

Für eine Welt der kulturellen Vielfalt

Den auswärtigen Kultursektor nutzenbringend zu reformieren, würde zunächst erfordern, einen genauen Kurs festzulegen. Ein Richtungswechsel, der das Ideal einer alternativen und schonenden Globalisierung miteinbezieht und die auswärtige Kulturpolitik einer Modernität der Vielfalt annähert, welche Jean-Claude Guillebaud in seinem aktuellen Werk Le commencement d'un monde: Vers une modernité métisse [in etwa: 'Neue Welt: Für eine Modernität der Vielfalt'] hervorhebt. Gegenwärtig ist die auswärtige Kulturpolitik Frankreichs nicht mehr als ein wichtiges Element der Außenpolitik des Staates. Seine Politik schränkt die Einflussmöglichkeiten der Kulturarbeit ein, insbesondere wenn der zu enge Kontakt zu den kulturellen Eliten des jeweiligen Standortes den Eindruck entstehen lässt, die frankophone Gemeinschaft sei ein exklusiver Club - eine elitäre Minderheit, die in einer Schaumblase Schutz sucht. Anstatt die Kultur der Diplomatie unterzuordnen, welche die Kulturpolitik als „soft power“ begreift, wäre es angebracht, die Diplomatie in den Dienst einer offenen frankophonen Kulturpolitik zu stellen. Auf diese Weise könnte auch den Veränderungen der französischen Sprache durch die Beiträge von Schriftstellern und Meinungsträgern aus den ehemaligen französischen Kolonien sowie den französischen Überseegebieten Rechnung getragen werden.