Kultur

Europas Foyers des Schreckens

Artikel veröffentlicht am 1. April 2008
Artikel veröffentlicht am 1. April 2008
In einem schicken Vorort Lyons wohnt seit einer Weile ein Bildhauer - in seiner so genannten „Demeure du Chaos“ - im Wohnsitz des Chaos, bestehend aus Wellblech und Kunstwerken. Die Polemik war damit vorprogrammiert.

Wenn man sie umdreht, erinnern seine Initialen an die eines Helden Steven Spielbergs: E.T. Ein Außerirdischer, der am 9. Dezember 1999 in einem gutbürgerlichen Haus in Saint-Romain-au-Mont-d’Or gelandet ist. Die etwa 1000 Einwohner der Ortschaft bemerken diese Landung eines schönen Morgens, und entdecken dabei das Chaos: Eine dicke, dunkle Fassade, herausgerissene Wände, ein Haufen Wellbleche hier, ein abgestürzter Hubschrauber dort, und Graffitis und Überwachungskameras rundherum.

Im Hof türmen sich eine Ölbohrplattform und die Ruinen des World Trade Centers. Der Bildhauer und Unternehmer Thierry Ehrmann will den Erdenbewohnern eine Nachricht überbringen. Seine Kunstwerke und Gebäude spiegeln eine düstere und tragische Welt wieder. Eine Welt, geprägt von menschlichen Manövern und Fehlern. Eine Welt, die durch die Männer und Frauen in ihrer gegenwärtigen Form geschaffen und wieder zerstört wird. Eine Welt, die weit weg zu sein scheint, fast imaginär und zeitlos wirkt. Diese Welt, diese Wahrheit, wird nur durch einen Teil der Bevölkerung akzeptiert. Der andere Teil, konservativ, währt sich gewaltsam dagegen. Er wünscht sich nur einen ruhigen Ruhestand in einem Kokon aus Seide zum Schutz vor dem unaufhörlichen Tohuwabohu der Großstädte.

(Foto: La Demeure du Chaos © Thierry Ehrmann)

Klage gegen einen Geschäftsmann

Im Jahr 2004, nach zahlreichen Feindseligkeiten von Seiten der Bevölkerung, entschließt sich Pierre Dumont, der damalige Bürgermeister des Ortes, Klage einzulegen wegen Nicht-Einhaltung der Städtebaurichtlinien. Er verlangt, dass die alte Poststelle wieder hergestellt wird. Vier Jahre dauert der Rechtsstreit. In ganz Frankreich wird von den Vorfällen berichtet, jeden Tag wird die Polemik ein bisschen hitziger. Es bilden sich Meinungen und Fraktionen. Ehrmann hat damit schon die erste Runde für sich entschieden.

Doch am 16. Februar 2006 zieht Gefahr auf. Das Gericht verlangt die Wiederinstandsetzung des „Wohnsitzes“ -sonst müssen täglich 75 Euro Bußgeld gezahlt werden. Eine lächerlich kleine Summe für einen millardenschweren Geschäftsmann. Der Bürgermeister von Saint-Romain-au-Mont-d’Or greift noch einmal an: Der 307-reichste Mann Frankreichs und seine Kunstbausteine müssen sich noch einmal vor Gericht erklären. Das Lyoner Berufungsgericht verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 200.000 Euro wegen „des Fehlens der Anmeldung eines Kunstwerks von mehr als 40 Quadratmeter“, aber verlangt weder seinen Abriss noch Abänderung.

Ehrmann musste den Rückschlag dieser zwei Urteile erst einmal wegstecken, behält aber doch sein schiefes Lächeln im Mundwinkel - denn der Präzedenzfall Ehrmann ist geschaffen. Um einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen und den Kampf möglicherweise durch K.O. zu gewinnen, geht die Stadt noch einmal vor Gericht. Aber auch dieses letzte Mal, am 15. Januar 2008, ist die Justiz auf Seiten des Störenfrieds: Der Gemeinderat muss weiterhinauch in Zukunft seine Frechheiten ertragen. Schließlich engagiert ich Thierry Ehrmann für seine Ortschaft, und ergreift sogar hin und wieder während der Ratssitzungen das Wort, um laut und deutlich seine Meinung zu bekunden - die natürlich mitgeschrieben wird.

Trödel als Waffe

Nach all diesen Prozessen wird Thierry Ehrmann von den Einen geliebt, und von den Anderen gehasst. Seine Bewunderer sehen in ihm einen modernen George Orwell; seine Gegner einen „verrückten Psychopaten“. Als erbitterter Gegner der Desinformation verstärkt er seine Mühen im Kampf um die allgemeine Bewusstmachung. Seine Waffen bestehen dabei aus allen Arten von Gerümpel: Farbbomben, Metallteilen, Betonblocks. Sowie einer Menge an Kreativität und Leidenschaft, die er in seine Bauwerke steckt und daraus schöpft. In diesem apokalyptischen Dekor mischen sich Andeutungen auf die Missetaten der Mächtigen mit Porträts von Diktatoren und Terroristen. Besonders deutlich drückt ein Pappschild des Künstlers Ben Ehrmanns zynische Philosophie aus: „Das Ende der Welt ist nahe.“

Um genau dies darzustellen, knausert Thierry Ehrmann nicht an Symbolik: Hier sieht man alles vom Peak Oil und den Twin Towers, über ein Schwimmbecken voller Blut und Rasierklingen, einen Bunker, Big Brothers (alias Thierry Ehrmanns) Überwachungsraum (von dem aus er alle Beschäftigten und Besucher überwacht), bis hin zu Anna Politkowskaja und den Opfern der Überschwemmungen in New Orleans. Der „Wohnsitz“ wird ständig aktualisiert und von Tag zu Tag chaotischer. Wer ist dann eigentlich kontrovers, die, die diese Dinge erleben und erleiden, oder der, der sie darstellt?

Political correctness am Pranger

Mit seinem Haus UR, das seit den Achtzigern in Mönchengladbach stetig umgebaut wird, hat der deutsche Kunstarchitekt Gregor Schneider auf der 49. Biennale den Goldenen Löwen gewonnen (Foto 1986: ©gregorschneider.de)

Eine verwandte Denkweise findet sich auch beim deutschen Architekten Gregor Schneider und seinem Toten Haus Ur. Dieses Werk hat ihm 2001 den Lion d’Or der Venediger Biennale eingebracht und ähnelt Ehrmanns 'Wohnsitz' - allerdings ohne das 'Chaos'. Gregor Schneider hat das Haus seiner Vaters geerbt und es in ein Foyer des Schreckens verwandelt: Eine gefühlskalte Einrichtung, keine Türen, Trennwände anstelle der Wände und eine perfekte Lärmisolation.

All diese Elemente verwirren den Besucher und rufen ein Gefühl des Unbehagens in ihm hervor. Das, was Schneider und Ehrmann gemeinsam haben, ist das Anprangern der political correctness. 2007 hat Schneider den Hamburger Kubus konzipiert, eine lebensgroße Kopie der Ka’ba (wörtlich 'das Haus'), des Mohamed-Mausoleums in Mekka. Eigentlich sollte das Projekt schon 2003 für die Biennale auf dem dortigen Sankt-Markus-Platz errichtet werden, wurde aber auf Grund des angespannten politischen Klimas verboten. In Hamburg reagierten die Muslime positiv auf das Kunstwerk.

Die künstlerische Reflexion trägt wieder einen Sieg davon. Dank mutiger Männer, die sich um die Zukunft der Menschheit Gedanken machen. Und wenn unsere Welt eines Tages wieder friedlicher ist, vielleicht findet E.T. dann auch wieder den Weg nach 'Hause'.