Kultur

Europas Digitale Bibliothek kommt – im Schneckentempo

Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2006
In Frankfurt wird Google bei Verlagen für sein Projekt Google Print werben, das Bücher via Internet elektronisch zugänglich macht. Europas Digitalbibliothek steckt dagegen noch in den Kinderschuhen.

In Frankfurt wird Google bei Verlagen für sein Projekt Google Print werben, das Bücher via Internet elektronisch zugänglich macht. Europas Digitalbibliothek steckt dagegen noch in den Kinderschuhen.

Im Dezember 2004 überraschte Google die ganze Welt mit seinem Projekt Google Print. Das amerikanische Internet-Unternehmen kündigte damals an, innerhalb von sechs Jahren 15 Millionen Büchern aus fünf der angesehensten Bibliotheken der USA und Großbritanniens zu digitalisieren. Zunächst konnte der Internetnutzer nur auf Auszüge zugreifen, doch seit September dieses Jahres sind die Bücher vollständig zugänglich. Dies betrifft – gemäß der amerikanischen Gesetzgebung – Werke des öffentlichen Kulturguts, die seit 1922 veröffentlicht werden.

Aber der amerikanischen Internet-Gigant hat größere Ambitionen: Auf der Frankfurter Buchmesse will er europäische Verleger davon überzeugen, ihre Veröffentlichungen zu digitalisieren und über Google anzukündigen. Wenn ein Nutzer nach einem soeben erschienenen Buch sucht, bietet ihm Google eine fünfseitige Vorschau und eine Verbindung zu den wichtigsten Bibliotheken, Buchhandlungen und Online-Verkaufsportalen, in denen er das Buch finden kann. In den USA erfreut diese Idee die Verleger, denn sie können so ihre Rechte wahren und können gleichzeitig kostenlos im Internet werben.

Geschützte Werke gescannt

Auf der anderen Seite des Atlantiks ruft der Präsident der Französischen Nationalbibliothek (BNF), Jean-Noël Jeanneney zum zum Protest auf. Er warnte die Kulturinstitute Europas vor der Gefahr einer Vorherrschaft Googles auf dem digitalen Wissensmarkt. Schließlich seien die meisten Werke der Google-Bibliothek englischer Sprache verfasst.

Google hat sich angestrengt, um den europäischen Markt zu erobern. Kürzlich hat die Universität Complutense in Madrid einen Vertrag mit Google unterzeichnet und wird 300 000 Werke seiner Bibliothek digitalisieren – bis zu 3 000 Werke täglich, über einen Zeitraum von sechs Jahren. Die zweitgrößte Universitätsbibliothek in Spanien beabsichtigt, die Klassiker der spanischen und lateinamerikanischen Literatur ins Netz zu stellen, etwa Miguel de Cervantes, Quevedo oder Garcilaso de la Vega. Aber auch veröffentlichte Arbeiten in französischer, deutscher, lateinischer, italienischer und englischer Sprache, die sich in ihren Regalen stapeln und deren Urheberrecht abgelaufen ist. Nach Oxford ist Complutense damit die zweite europäische Universität, die dem “König der Digitalisierung” ihre Pforten öffnet.

“Das Vorgehen von Google ist illegal”, behauptet indes die Vorsitzende der Vereinigung Europäischer Verleger (FEP), Anne Bergman-Tahon. “Google hat nicht nur einige hundert geschützte Werke der französischen Verlagsgruppe La Martinière gescannt, die sich in der Bibliothek von Michigan befinden. Allein die Tatsache, dass das Unternehmen eine digitale Kopie eines Werkes für den kommerziellen Gebrauch verwendet, bevor 70 Jahre seit dem Tod des Autors vergangen sind, verstößt gegen die europäische Gesetzgebung.” Zur Zeit beschäftigen sich die französischen Gerichte mit dem Fall La Martinière.

Europa schlägt zurück

2004 hat sich die schwerfällige europäische Bürokratie in Gang gesetzt, um Google mit der Europäischen Digitalen Bibliothek Konkurrenz zu machen: “Ein mehrsprachiges öffentliches Portal, in dem man das Kulturerbe Europas digital durchstöbern kann”, so die Ankündigung der EU-Kommission. Dieses Kulturerbe liegt heute noch in den Archiven der verschiedenen Institutionen befindet – über ganz Europa verteilt. Die Nationalbibliotheken der verschiedenen Länder haben bereits damit begonnen, ihre Sammlungen zu digitalisieren. Einer der Pioniere ist die französische Nationalbibliothek (BNF), die schon heute in ihrem digitalen Portal Gallica 90 000 Büchern und mehr als 80 000 Bilder zur Verfügung stellt.

In zwei Jahren soll auf mindestens zwei Millionen elektronische Bücher aus den Sammlungen von 19 Nationalbibliotheken Europas zugegriffen werden können. Das Portal The European Library, ein gemeinschaftlicher Katalog, existiert bereits. Nach Angaben der EU sollte die Europäische Digitale Bibliothek im Jahr 2010 Werke aus Archiven, Museen und anderen Bibliotheken beinhalten, wahrscheinlich auch neuere und geschützte Werke.

Natürlich wissen die europäischen Verleger, dass das digitale Buch die Zukunft ist. “Aber wir wollen nicht, dass ein Werk nur virtuell zugänglich ist. Die Bibliotheken dürfen nicht eine unbegrenzte Nummer an Kopien verbreiten, weil dies die Verlagshäuser und Buchhandlungen zum Aufgeben zwingen würde”, mahnt Anne Bergman-Tahon. Europas Verleger drängen die EU-Kommission, dass der Zugriff auf die digitale Kopie eines Werkes kostenpflichtig ist. Sie wollen vermeiden, dass Auszüge kostenlos zur Verfügung gestellt werden, wie das derzeit bei Google der Fall ist. “Deshalb muss die Anzahl der Kopien, die den Internetnutzern zur Verfügung steht, limitiert werden. Wenn keine Exemplare in den virtuellen Regalen der digitalen Bibliothek mehr vorhanden sind, muss man eben eine Bestellung aufgeben und warten, oder man geht in eine Buchhandlung und kauft ein elektronisches Buch”, so Bergman-Tahon.

Die Stapel aufstellen

Die Europäische Digitale Bibliothek befindet sich noch in der Aufbauphase. Die Europäische Kommision hat im August in einer Mitteilung an die Mitgliedsstaaten betont, dass die Bemühungen auf nationaler Ebene addiert werden müssten. Nur so könnten die Schwierigkeiten bei der Verwirklichung der Bibliothek aus dem Weg geräumt werden. Bis 2010 will die Europäische Digitale Bibliothek sechs Millionen elektronischer Werke anbieten. Damit bleibt man weit unter den 15 Millionen Büchern, die Google im selben Zeitraum digitalisieren will.

Die Frankfurter Buchmesse wird auch dieses Jahr einen Akzent auf die Digitalisierung des Buches setzen. Eine gute Gelegenheit, um Europa daran zu erinnern, dass es im Wettrennen mit Google aufholen muss – auch weil es neben Google Print noch andere Projekte existieren: Die Open Content Alliance von Microsoft und Yahoo etwa, oder das deutsche Projekt Gutenberg, das bereits 19 000 Bücher digitalisiert und ins Internet gestellt hat.

CHRONOLOGIE/ Verfolgen Sie hier den langen Weg zur Europäischen Digital-Bibliothek