Kultur

Europäische Elefanten

Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
Elefantenrennen. Seit Jahren werden die LKW-Kolonnen auf europäischen Autobahnen immer länger. In Paris erzählen Stefan Kaegi und Jörg Karrenbauer in ihrem Projekt Cargo Sofia-Paris einen anderen europäischen Road Movie.

"Heute sind sie mein Transportgut. Bitte legen sie ihre Gurte an." Die beiden bulgarischen Roadies, Ventzislav Borrisov ('Vento') und Nedyalko Nedyalkov, nehmen in der Fahrerkabine des LKW Platz. Es ist Montagabend auf dem ganz im Pariser Süden gelegenen Campus der Cité Internationale. Ungefähr 50 Theaterzuschauer, in Sitzreihen in den Bauch eines Trucks gepfercht, suchen nach ihren Gurten. Wo die Reise hingeht weiß niemand. Noch steht der Truck still – vor den Augen die komplett verglaste Wagenfläche bedeckend: eine Leinwand. "Wir sind mit der Beladung fertig. Willkommen in Bulgarien." Noch eben einen Schluck vom Automatenkaffee genommen, setzt sich der Truck in Bewegung. "We’re on the road", kommentiert Vento über sein Headset.

"Mich langweilt Theater, wenn es dazu da ist, zu zeigen, wie gut jemand etwas kann: Tanzen, Singen oder so tun als ob. Die Menschen, die ich für meine Projekte auswähle, sind nicht besonders gut in ihrem Metier, sondern besonders interessant." Seit Juni 2006 schickt der 34-jährige Schweizer Regisseur Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) den zum Theaterraum umgebauten Lastkraftwagen im Rahmen seines Projekts Cargo Sofia in alle Ecken Europas. Riga, Frankfurt, Wien Madrid, zählt Nedyalko auf. Die nächste Station wird Hamburg sein.

In Paris inszeniert Jörg Karrenbauer die Anordnung neu, verknüpft Videosequenzen rhythmisch mit Ampelschaltungen, die gelebte Straße mit Musik und Live-Performance der Fahrer, Spediteure und Zollbeamten. Das von Kaegi oft als dokumentarisches Theater bezeichnete Szenario, "ein gelebter Road Movie in einem mobilen Guckkasten", erzählt die Geschichte des wachsenden Europas aus dem Blickwinkel zweier bulgarischer LKW-Fahrer. "Bulgarische Fernfahrer haben viel zu erzählen." Endlose Autobahnen, Speditionsunternehmen, Waschanlagen, Großmärkte: Vento und Nedyalko sind europäische "Nomaden der Straße". "Wir verbringen viel Zeit damit, die Orte, die den Bewohnern der Stadt am fremdesten sind, obwohl alles, was sie im Supermarkt einkaufen dort vorbeifährt, untereinander zu verstricken", so Kaegi. "In Südparis gibt es unglaubliche Unräume, in denen die ganze Nacht umgeladen, sortiert und verpackt wird. Dort ist Europa viel näher als in den Touristenvierteln um die Bastille."

Von poetischen Großmärkten

Autobahnausfahrt Rungis - der Pariser Großmarkt: Umschlagplatz für jeden Salat und jedes Fischfilet, das in einem Pariser Bistro auf dem Teller landet. Ein Bus hat gebrannt. Die Ausfahrt ist gesperrt. "Dann müssen die Fahrer nach einem neuen Weg suchen, erzählen was gerade passiert", erklärt Jörg Karrenbauer. "Aber das ist einer der großen Unterschiede zum Theater, wo alles, was den geplanten Ablauf stört, eine Katastrophe, ein Fehler ist. Bei uns gibt es solche Fehler nicht." Cargo Sofia-Paris ist Theater zum Anfassen. Endlich an der Mautstelle des Großmarkts (das Video blendet 'Grenzposten Bulgarien/Serbien: Kalotina' ein), folgt das Auge des Zuschauers aus dem mobilen Schaukasten Vento, der – Theodora, die französische Übersetzerin, im Schlepptau – genervt das Kontrollhäuschen anvisiert. Wir sitzen vor unserem Schaufenster wie bestellt und nicht abgeholt. Warten ab.

(Foto: ©CCS)

Die "Grenze" endlich passiert, bietet sich ein fast poetisches Mosaik aus Müllhalden, still daliegenden Trucks, die sich von der Reise auszuruhen scheinen, der Leuchtreklame der Trucker-Bar Les Maraichers, in der die Fahrer ein Bier nach verrichteter Arbeit trinken. "Das Besondere daran ist, dass egal wo wir hinkommen, das Bühnenbild immer schon aufgebaut ist. Wir brauchen keine technische Einrichtung, keine Beleuchtungsprobe. Wir haben die schönsten Sonnenuntergänge, denn vollsten Vollmond, die größten Gemüsemärkte, die schnellsten Autobahnen, die coolsten Trucks. Und das alles umsonst", beschreibt Karrenbauer.

Plötzlich durchdringt ein leiser Gesang die abendliche Stille des Großmarktes. Inmitten der grauen Marktlandschaft, auf einem begrünten Kreisverkehr - dem Rond point des Halles - steht eine Frau und singt. Einfach so. Valentina Traianova ist Bulgarin. Ihre Stimme ist noch zu hören, als wir schon längst an der großen Markthalle vorbei in das unbekannte Dunkel weiterfahren.

Vogelnest Europa

Einige Grenzposten, Waschanlagen und Speditionsunternehmen später beschleunigt der Truck erneut. Die Reise führt durch Kroatien, Österreich und Deutschland. In Österreich habe sich Vento zum ersten Mal wirklich frei gefühlt, erzählt er, "während in Bulgarien noch der Kommunismus sein Unwesen trieb". An den europäischen Grenzen muss man nicht anhalten, niemanden mit einer Stange Zigaretten bestechen. Man rauscht einfach durch die elektronische Schranke. "Im wesentlichen erzählen wir vermutlich, dass die europäische Gemeinschaftsidee auf keinem Gebiet so konsequent Realität geworden ist, wie beim Warenaustauch", erklärt Karrenbauer. "Bulgarische Fahrer laden griechischen Fisch in der Türkei, fahren ihn durch ganz Europa unt entladen ihn in Spanien – oder umgekehrt. Die Logistik gehorcht dabei keiner geografischen Logik, sondern nur dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, unter der Vorgabe des niedrigsten Preises. Das größte Warenlager Europas ist die Autobahn."

Nach 2200 Kilometern manövrieren Vento und Nedyalko ihren Elefanten-Truck - begleitet von einem Hupkonzert - über den Place de la Bastille. Endstation. Ein Ort, den die beiden Bulgaren sonst nicht allzu oft sehen, wenn sie ihre LKW in den Vororten entladen. 220 Euro hat jeder von ihnen für diese Strecke verdient. "Bienvenue à Paris." Trotzdem wollen beide nach Cargo Sofia weiter Laster fahren. "Aber ihr Blick auf die eigene Realität hat sich verschärft", so Kaegi. Europa? Für den Schweizer Regisseur ein "Vogelnest, das eine WG sein will".

CARGO Sofia-Paris

Täglich bis zum 21. September 2007

Treffpunkt: 19 Uhr; Théâtre de la Cité Internationale

Preise: 20 und 12 Euro

(Im Rahmen des Programms „L’Europe en devenir“ des Schweizer Kulturzentrums in Paris)

Technik: Simon Begemann

Intext-Fotos:

Vento und Nedyalko: ©CCS; Stefan Kaegi: ©Carmen Brucic; LKW-Zuschauerraum: ©CCS; Nedyalko: ©MAI.FOTO)