Kultur

Europa auf der Croisette von Cannes

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2008
Charakteristisch für das diesjährige 61. Filmfestival ist wohl der Mangel an europäischen Filmen. Einige namhafte Teilnehmer sind die belgischen Brüder Dardenne und Wenders sowie die Italiener Sorrentino und Garrone. Und Osteuropa?

Der Mangel an europäischen Filmen - abgesehen von französischen Beiträgen - wird eine der Besonderheiten des 61. Festival du Cinéma in Cannes sein. Neben Frankreich wird der 'Alte Kontinent' auf den Leinwänden durch Belgien (Jean-Pierre und Luc Dardenne Le Silence De Lorna), Ungarn (Kornel Mundruczo Delta), Deutschland (Wim Wenders The Palermo Shooting) und Italien (Matteo Garrone Gomorra, Paolo Sorrentino Il Divo) vertreten sein. Alle weiteren Werke 'made in Europe' stammen aus Frankreich: Arnaud Desplechin präsentiert Un Conte De Noël, Philippe Garrel La Frontière De L'Aube und Laurent Cantet Entre les murs.

Das europäische Kino, das in punkto Qualität alles andere als schläft, erhoffte sich vielleicht, dass die Scheinwerfer mehr auf die neuen osteuropäischen Filmemacher gerichtet sind, vor allem nach dem Sieg des rumänischen Streifens 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Christian Mungiu 2007 und der Präsenz von russischen Filmen im letzten Jahr.

Im Westen nichts Neues: England glänzt durch Abwesenheit. Nachdem Genova von Michael Winterbottom aus dem Rennen ist, wird England zum zweiten Mal in Folge nur als Zuschauer beim Festival dabei sein, wenn man von der Co-Produktion mit den Brüdern Dardenne mal absieht.

Bühne frei für ein Italien der Korruption 

©Festival de CannesItalien kann mit zwei Produktionen im Rennen durchaus stolz auf sich sein. Die Filme von Garrone und Sorrentino, beide mit Toni Servillo in der Hauptrolle, erzählen ein Italien, das gerne mit der Macht und ihren dunklen Seiten liebäugelt. Sorrentinos Il Divo (Der Star) ist ein Biopic über den Senator auf Lebenszeit Giulio Andreotti (einem namhaften Vertreter der italienischen

Christdemokratischen Partei DC, A.d.R.), das die Jahre zwischen 1992 - als er zum 7. Mal sein Mandat als italienischer Ministerpräsident wahrnahm - und dem Prozessauftakt gegen ihn wegen Mafiamachenschaften abdeckt. Gomorra hingegen ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Roberto Saviano, der sich zusammen mit dem Regisseur für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. 

Deutschland und Ungarn

©Festival de CannesAuch in The Palermo Shooting von Wenders ist ein bisschen Italien vertreten. Der Film spielt nämlich in Palermo und erzählt die Geschichte eines bekannten und chaotischen Fotografen. Nachdem sein Leben gescheitert ist, gibt er alles auf und zieht in die sizilianische Hauptstadt, die dem Film seinen Titel verleiht. Der neueste Streifen des Regisseurs von Der Himmel über Berlin ist unter anderem mit Campino von den Toten Hosen, Dennis Hopper, Patti Smith und Lou Reed besetzt.

Der ungarische Beitrag Delta hingegen ist eine Neuinszenierung der Mythen des Othello und der Elektra, die jedoch in die Zukunft versetzt werden. Der junge Mihail kehrt in seine Heimat im Delta zur Beerdigung seines Vaters zurück und verliebt sich in seine Schwester. Später findet er heraus, dass sein Vater ermordet wurde und beginnt seinen Rachefeldzug. In die Rolle des Mihail schlüpft Félix Lajkó, ein ungarischer Violinist, der Lajos Bertók nach dessen Tod während der Dreharbeiten ersetzen musste.

Das Festival spricht Französisch

Nach ihrem Sieg im Jahr 2005 kehren die Brüder Dardenne mit der Geschichte eines albanischen Mädchens nach Cannes zurück, das nach Belgien zieht und einen Drogensüchtigen heiratet in der Hoffnung, er sterbe an einer Überdosis. Lorna wird von Arta Dobroshi interpretiert, die an der Seite von Jérémie Renier brilliert. Frankreich ist durch Arnaud Desplechin vertreten, der in Un Conte De Noël (Ein Weihnachtsmärchen) die Geschichte einer durch Streit und Krankheit gespalteten Familie erzählt.

©Festival de Cannes 2008

©Festival de CannesPhilippe Garrels La Frontière De L'Aube hingegen erzählt vom Leben eines Fotografen, der am Tag seiner Hochzeit im Spiegel eine furchtbare Vision hat. Seine Exfreundin, die nach der Trennung Selbstmord begangen hat, kehrt aus dem Jenseits zurück, um Rache zu nehmen. 

Entre les murs von Laurent Cantet ist die Geschichte einer Schule in einem problematischen Stadtviertel. François Bégaudeau ist sowohl Hauptdarsteller als auch Autor des Romans, auf dem der Film basiert, sowie neben dem Regisseur und Robin Campillo Co-Drehbuchautor des Films. Daumen drücken, allen voran für Frankreich, das 'sein' Filmfestival seit dem Jahr 1987 nie mehr gewinnen konnte.