Kultur

Europa als "open space": Sommeruniversität in Cluny

Artikel veröffentlicht am 16. August 2010
Artikel veröffentlicht am 16. August 2010
Zehn Tage lang Debatten und erbitterte Streitgespräche darüber, wie Europa im Jahr 2030 aussehen soll – und das im Hochsommer. Wer wagt es da noch zu behaupten, die Jugend von heute würde sich nicht für die europäischen Institutionen interessieren? Der Europäische Campus von Cluny 2010 hat den „open space“ als Zukunftspraxis für die Europäische Union bereits vorweggenommen.
Ungefähr 50 junge Europäer haben hier die Möglichkeit, sich „in der Vielfalt zu vereinigen“. Drei Teilnehmer berichten.

„Wir jungen Europäer sind davon überzeugt, dass die Zukunft Europas eine klare Vision und Ziele braucht, die Werte, Überzeugungen und gemeinsame Prinzipien widerspiegeln.“ So steht es in dem gemeinsamen Manifest, das die Teilnehmer der Sommeruniversität unterschrieben haben, die Convention des jeunes citoyens européens de Cluny (Vereinbarung der jungen europäischen Bürger von Cluny). Diese schlägt den europäischen Behörden drei große Ziele für das Europa im Jahr 2030 vor – und wird so vielleicht zur Bettlektüre der europäischen Kommissare …

Europa kann man lernen

„Ich bin hierher gekommen, um endlich mal wieder Französisch zu sprechen“, erzählt Ljubica, eine 22-jährige Teilnehmerin aus Mazedonien, die in Slowenien Übersetzen und Dolmetschen studiert. Die Vereinbarung scheint also gar nicht so utopisch zu sein, wie man meinen könnte. „Ich habe das hier alles gar nicht erwartet. Ich freue mich darüber, gesehen zu haben, wie die EU funktioniert. Diplomatie spielt dabei eine wichtige Rolle denn es ist nicht einfach, einen Konsens zu finden.“ Muss man für diese Erkenntnis seine Ferien opfern und sich zehn Tage lang zur Sommeruniversität schleppen? Nein. Zunächst scheint das Wort „opfern“ etwas übertrieben zu sein: „Wir haben tagsüber gearbeitet, aber am Abend standen Theater, Poesie und Musik auf dem Programm. Wir sind nie vor 3 Uhr morgens ins Bett gegangen… Und um 7 Uhr ging es wieder an die Arbeit!“ Denn Arbeit gab es genug: Eine Simulation des Europäischen Rates und die Teilnahme an open spaces (Gesprächs- und Diskussionsrunden) zu den unterschiedlichsten Themen wie Erziehung, Nachhaltigkeit oder Immigration. Vor allem aber hieß es, sich auf dieses verfluchte Manifest zu einigen: „Es ist ziemlich schwierig, einen Kompromiss zu finden“, seufzt Boriana aus Bulgarien. Lektion Nr. 1: Es ist ein schweres und langwieriges Unterfangen, 27 Mitgliedstaaten unter einen Hut zu bekommen.

Europa macht anspruchsvoll

Die europäische Identität muss hinter nationalen Identitäten immer noch zurückstehenDie Teilnehmer konnten sich nicht einmal auf einen Präsidenten für die Simulation des Europäischen Rates einigen, die sie sehr ernst nahmen. Am 11. Juli verkündete die ungarische Präsidentschaft, dass „ der Europäische Rat an der Nominierung eines Präsidenten gescheitert ist!“ Lektion Nr. 2: Der Grund dafür, dass Herman Van Rompuy zum Präsident des Europäischen Rates gewählt wurde, ist das Ergebnis eines Kompromisses. So geschah die Wahl nicht einstimmig, es wurde im Stillen vereinbart, keine charismatische Führungspersönlichkeit, sondern vielmehr einen weniger auffälligen Akteur zu nominieren. Die jungen Europäer in Cluny waren weniger kompromissbereit. Sind sie zu anspruchsvoll? Sind sie noch nicht daran gewöhnt, dass eine Hand die andere wäscht? Für Stéphanie, eine spanische Übersetzungs-Studentin, die in der Diskussion das Wort ergriffen hat, steht eine Sache fest: „Es wird zu oft behauptet, dass sich Jugendliche von politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten abwenden. Das stimmt nicht.“

„Europa ist ein open space“

Zehn gemeinsamen Tagen mit Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Teilen Europas und den verschiedensten Kulturkreisen (mehr als zwei Drittel der Teilnehmer kamen aus Osteuropa) – da zieht sicher jeder einzelne seine ganz eigene Bilanz. Aber in einem Punkt scheinen sich Boriana die Bulgarin, Ljubica die Mazedonierin und Stéphanie die Spanierin, einig zu sein: Die Kunst des Kompromisses ist eher lästig, aber dennoch unabdingbar für die Zukunft Europas. In Cluny wurden laut Stéphanie die Themen „Türkei, Atomenergie oder die Beziehungen zu Russland“ am heißesten diskutiert. Der europäische Campus hat es sich zum Ziel gesetzt, ein potenzielles Porträt von „Europa im Jahr 2030“ zu zeichnen. Dabei fiel auf, dass doch grundlegende Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten existieren: „Mehr als 70% der Teilnehmer kommen aus Osteuropa. Die sind viel pessimistischer und auch vorsichtiger. Als Spanien der EU beigetreten ist, waren wir zu hundert Prozent von Europa überzeugt. Aber in Osteuropa schlagen sich die Bürger mit dem Versagen der eigenen Gesundheits- und Bildungspolitik herum. Klar, dass da eher eine negative Sicht der Dinge vorherrscht“, so die Analyse der Spaniern, die dann aber abschließend meint: „Letztlich findet sich doch immer ein Kompromiss.“

Und das funktioniert in Cluny dank dem open space. Alle bedeutenden gesellschaftlichen Themen, mit denen Europa 2030 konfrontiert sein wird, wurden nach vier goldenen Regeln diskutiert: „Diejenigen die anwesend sind, sind die richtigen Personen. Was passiert ist die einzige Sache, die hätte passieren können. Es geht los wenn es losgeht. Es endet, wenn es endet.“ Es gibt also keinen Grund, aus der Politik einen Kampfsport zu machen! „Europa ist durch und durch ein open space“, fasst Ljubica zusammen. In ihren Augen liegt „die Schönheit Europas in seiner Vielfalt“.

... etwas, das auch europäische Politiker aufgreifen sollten?

Ja ja, der open space. Klar, die vier goldenen Regeln und das „Gesetz der zwei Füße“ (das mit Mobilität gleichzusetzen ist) regen zu offenen Diskussionen an und können Lösungen möglich machen. Eine Lektion für unsere bürokratischen Freunde aus Brüssel? Die drei Teilnehmerinnen wollen sich diese Aussage nicht anmaßen. Sie treten den Heimweg an und sind glücklich darüber, mit Jugendlichen aus ganz Europa Freundschaften geknüpft zu haben. Letztlich wurden sie in ihrer Vision eines Europas bestätigt, das „seine kulturelle Vielfalt zu bewahren und gleichzeitig einen dynamischen Prozess einer gemeinsamen Identitätsfindung voranzutreiben weiß“. So steht es auch im Manifest von Cluny 2010. Und ja, sie alle haben trotz vieler Differenzen diesen Kompromiss akzeptiert.

Fotos und Videos: Mit Genehmigung der Vereinbarung junger europäischer Bürger (Convention des jeunes citoyens européens)