Kultur

euro-scene Leipzig: Theater-Drehscheibe zwischen Ost und West

Artikel veröffentlicht am 20. November 2012
Artikel veröffentlicht am 20. November 2012
Während die europäischen Länder über die nächste Hilfstranche für Griechenland streiten und zahlreiche Südeuropäer ihrer Wut auf den europäischen Sparkurs, aber auch auf Deutschland und Angela Merkel bei Demos teilweise mit Gewalt Ausdruck verleihen, bringt ein Theaterfestival im ostdeutschen Leipzig Europa zusammen.
Seit 22 Jahren trifft bei der euro-scene jedes Jahr im November Theater aus Ost- und West-, aber auch aus Nord- und Südeuropa aufeinander. Dieses Jahr unter dem Motto “Herbstzeitlose“. Die Zukunft des Festivals ist allerdings ungewiss.

Ein alter Mann macht zum dritten Mal in die frische Unterwäsche. Von Neuem beginnt der Sohn, den jammernden Vater zu beruhigen und die braunen Flecken in der überwiegend weißen Wohnungskulisse zu entfernen. Es riecht nach verfaulten Eiern. Von hinten blickt ein riesiges Christusgesicht irgendwie beruhigend auf Vater und Sohn, aber auch auf das Publikum herab. Romeo Castelluccis Stück Sul concetto di volto nel figlio di Dio (“Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“) hat in diesem Jahr die euro-scene, das Leipziger Festival zeitgenössischen europäischen Theaters, eröffnet. Die Inszenierung des italienischen Regisseurs und seiner Kompanie Socìetas Raffaello Sanzio sorgte seit ihrer Uraufführung 2010 europaweit für Proteste. Die Reaktionen reichen von Tränen und Aufwühlung bis zu Ablehnung und Ekel.

Ein Stück ganz nach dem Geschmack von Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff. Denn sie will mit “ihren“ Stücken berühren oder verstören sowie unterschiedliche Meinungen und Diskussionen hervorrufen. Theater, das Emotionen auslöst: das sind Kenner von Castelluccis bildhaftem Theater gewohnt. Das riesige Christus-Porträt von Antonello da Messina (1465) wird am Ende der Aufführung von Kindern mit Handgranaten beworfen. Sie schaffen es jedoch nicht, das Abbild Jesu zu zerstören. Die Verzweiflung einer ganzen Generation angesichts von Leid und Hilflosigkeit, Christi Standhaftigkeit demgegenüber, die Bedeutung Gottes heute: Die auf der Bühne kreierten Bilder kann und soll jeder Zuschauer auf seine Weise interpretieren.

Grenzerfahrungstheater aus Ost, West, Nord und Süd

Castelluccis Stück ist nur eins von zwölf Gastspielen der diesjährigen euro-scene, die Anfang November in Sachsens größter Stadt Leipzig stattfand. Künstler aus ganz Europa beleben seit 1990 jährlich im Herbst für knapp eine Woche die Kulturszene des Ortes. Dabei sieht Wolff es als Auftrag des Festivals an, nicht nur professionelle, innovative Stücke mit individueller Handschrift auszuwählen, sondern auch als Drehscheibe zwischen Ost- und Westeuropa neue Tendenzen aufzuspüren und gesellschaftlich relevante Themen zu setzen. In diesem Jahr kamen Tanz und Theater unter anderem aus Italien, Belgien und natürlich Deutschland, aber auch aus Litauen, Slowenien sowie aus dem Kosovo.

Yue Medlin Yueaus Priština besticht nicht durch raffiniertes Theaterspiel, sondern durch Authentizität, die die sechs Darsteller auf der Bühne zeigen. Die mit einfachen Mitteln, tragikomisch erzählte Geschichte berührt: Eine Roma-Familie, die nach Ende des Kosovokrieges aus Deutschland abgeschoben wird, versucht in der chaotischen Gesellschaft der 2008 neu gegründeten Republik klarzukommen. Ihr Leben zwischen verschiedenen Welten wird erklärt. Dabei wird auch die Situation der Roma im gegenwärtigen Europa verdeutlicht, ohne pathetisch zu sein.

Tanztheater Bielefeld unter Choreograf Rainer Behr

Eine Metapher für Grenzerfahrungen, für die Beziehung zwischen Leben und Tod: so interpretiert Direktorin Wolff das diesjährige Festivalmotto “Herbstzeitlose“. Die krokusähnliche Pflanze blüht erst im Herbst, wenn andere bereits verblüht sind. Das gleichnamige Werk des Tanztheaters Bielefeld unter Choreograf Rainer Behr (bekannt aus dem Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch), entwickelt sich daher aus einer düsteren Stimmung.

Auf und an einem Trümmerhaufen ertanzt das Ensemble Grenzen und versucht diese zu überwinden. Nicht immer werden Zusammenhänge deutlich. Es sind vor allem die starken Gesichtsausdrücke der Tänzer, die in das Bühnengeschehen hineinziehen.

Ähnlich agiert der Frauenchor aus Warschau. Auch die 25 Frauen unterschiedlicher Generationen und Stile sind unzufrieden, wollen ausbrechen. Der ins Publikum gerichtete Blick einer Schar wütender Gesichter wirkt bedrückend, der Austausch von Kochrezepten erheiternd. Tu móvi chór (“Hier spricht der Chor“) beeindruckt durch den Einsatz von Stimme, Mimik und Körpern sowie die abwechslungsreiche Verknüpfung verschiedener Musikstile.

euro scene Leipzig 2012

Festival nach 22 Jahren vor dem Aus?

Deutschlandpremieren großer Kompanien kann sich die euro-scene mit einem Budget von aktuell rund 660.000 Euro nicht leisten. Ihre Besonderheit macht der Schwerpunkt Osteuropa aus. In diesem Jahr waren sieben Deutschlandpremieren kleinerer Produktionen zu sehen, unter anderem das Theaterstück aus Priština. Demnach ist die euro-scene kein Festival, das Zuschauer aus ganz Deutschland anlockt, sondern ein Treffpunkt für die Menschen im Raum Leipzig, um europäische Theaterluft zu schnuppern.

Möglich ist das alles nicht zuletzt dank des Engagements von Direktorin Wolff, die das Festival mit Elan und Biss am Laufen hält. Dennoch war die euro-scene 2013 lange nicht gesichert, da die Förderung von BMW, die elf Jahre lang rund ein Drittel des mehr als 600.000 Euro hohen Etats ausmachte, mit diesem Jahr auslief. Inzwischen steht aber fest: es wird das Festival auch im kommenden Jahr geben.

Gestemmt wird die euro-scene schon jetzt nur von einem kleinen Team aus fünf Leuten. Ohne die zahlreichen Praktikanten in der Festivalwoche wäre sie nicht umsetzbar. Neben großen Leipziger Spielstätten wie der Oper werden auch immer wieder kleine Bühnen und ungewöhnliche Theaterorte einbezogen. Es ist teilweise auch finanziell begründet, dass Stücke in der evangelischen Peterskirche gezeigt werden, die zum Glück des Festivals einen sehr toleranten Pfarrer hat. Ohne ihn wäre es kaum denkbar, Szenen wie den nackten Mann, der auf den Boden kackt, und die auf Christus donnernden Handgranaten aus Castelluccis Sul concetto di volto nel figlio di Dio in einer Kirche zu sehen.

Illustrationen: Teaserbild Castellucci ©euro-scene/Klaus Lefebvre; Im Text: Sul concetto di volto nel figlio di Dio der Socìetas Raffaello Sanzio ©euro-scene/Klaus Lefebvre, Tanztheater Bielefeld mit „Herbstzeitlose“ ©euro-scene /Ursula Kaufmann, Der Frauenchor Chór kobiet aus Warschau ©euro-scene/Witold Meysztowicz; Video Herbstzeitlose (cc)Theater Bielefeld/YouTube