Kultur

Estelle Swaray: 'Diese Platte bin ich'

Artikel veröffentlicht am 3. April 2008
Artikel veröffentlicht am 3. April 2008
Die britische Rapperin, Hip-Hop Ikone und Produzentin (28) hat ihre Londoner Jungs und Musikszene gegen die USA eingetauscht: Ein Weg, der Estelle Swaray zu einem Duo mit Eastcoast-Rapper Kanye West führte.

Kann Estelle den Erfolg von Leona Lewis toppen, die am 28. März seit 21 Jahren als erstplatzierte Britin in den US-Charts Geschichte geschrieben hat? (Foto: © 2007 Andrew Zaeh)

Estelle ist nur einen Tag in Paris. "Das einzige, woran ich bei dieser Stadt denken kann, ist Carrie von Sex and the City", sagt sie in einem schicken Hotel auf den Champs-Elysées, während sie an ihrem Mikro herumfummelt. "Man läuft die ganze Zeit mit dem Wunsch herum, wie sie zu sein. Ich liebe Mode. Ich bin eine Grenzgängerin, schrecklich!", fügt sie hinzu. "Ich war in der Galerie Lafayette [Luxuskaufhaus in Paris, A.d.R.] und habe mir ein neues Outfit gekauft, weil ich mein Gepäck beim Flug verloren habe. Ich hatte mein Kopftuch auf und sah mitgenommen aus. Haltet mich bloß fern von der Rue Faubourg St. Honoré [eine berühmte Pariser Straße in der viele Designershops zu finden sind, A.d.R.] - sonst hyperventiliere ich. Kannst du meine Aufregung verstehen?!"

Kein Ausverkauf

'Estelle habe Medientraining nötig', merkte die britische Times nach einem Interview ein paar Tage zuvor bissig an. Aber nach zehn Jahren im Geschäft hat sich Estelle eine erfrischende Art bewahrt. Ein Blick auf den Songtext ihrer ersten Single "1980" - von ihrem Debütalbum The 18th Day (2004), das sie in Großbritannien zum Star machte - genügt, um ihren Westlondoner Lebenslauf Revue passieren zu lassen. "Onkel und Brüder, die permanent im Gefängnis oder gerade wieder auf freiem Fuß waren, drei Betten und sechs Kinder, den ganzen Tag Kirche, jeden Tag." Heutzutage ist Estelle damit beschäftigt "Taxikämpfe" in Brooklyn auszufechten. Denn dorthin ist sie Anfang 2007 gezogen. "Verdammt, ich hasse Taxis, Taxis nerven", singt sie. Um einen ernsteren Ton anzuschlagen, warum hat sie Großbritannien den Rücken zugekehrt?

"Ich wurde krank von dem Scheiß. Eine Zeit lang langweilte mich die Musik," betont sie. "Es gab einen Punkt, an dem ich zu viel hatte, zu viel Gekünsteltes, zu viel Plastik, zu viele verrückte Leute - Ich wollte aussteigen und herausfinden, wer ich bin." Sie gründete ihr eigenes Plattenlabel Stellarents, "um an meiner eigene Karriere zu arbeiten, weil niemand wusste, was man mit mir anfangen sollte". Kein Wunder. Estelle war zunächst Rapperin und Produzentin. Dass sie schließlich begann zu singen, hat viele verwundert. "Ich bin nicht dazu da, um Anderen zu gefallen", sagt sie. "Wenn du nichts damit am Hut hast, auch gut."

Das amerikanische Mädchen und Kanye West

Amerika liebt sie aber dennoch über alles. Estelle ist Teil einer kleinen Gruppe britischer Künstler wie Dizzee Rascal und De La Soul, die es über den Teich geschafft haben. "Das Problem ist, dass wir rüber gehen, uns anpassen und nicht wir selbst sind", betont sie. "Ich trete dort draußen vor Mädels und Jungs auf, die wissen worüber ich in "American Boy" spreche (die erste Single aus ihrem neuen Album Shine, die am 31.März erscheint, A.d.R.). Ich gebe nicht vor jemand anderes zu sein. Sich zu verstellen ist eine Riesen-Energieverschwendung."

Sie macht ihre Sache dennoch gut. Sie verwendet einfache und bescheidene Worte, wenn sie über ihren Weg in die USA spricht. Sie hat sich von ihrem britischen Label getrennt, um die erste Künstlerin bei John LegendsHomeschool Records zu werden. Das Album beinhaltet einen Track, der vom britischen DJ Mark Ronson - "bevor er Mark Ronson" war - produziert wurde. Sie wirkt nicht abgehoben, wenn sie darüber spricht, wie "American Boy" herauskam: "Zusammen mit will.i.am (von den Black Eyed Peas, A.d.R.) habe ich versucht John Legend auf House zu trimmen. Wir waren dabei herumzuschäkern, als er hineinkam und zu steppen begann. Wir haben dann angefangen zu rappen, und er entwickelte die Melodie. Wir haben nicht daran gedacht, dass es so heiß wird: "this is like euro-house-ish, pop, punky, bass- it's Jamiroquai!" Und als ihr Manager Kanye West dazu brachte, "hat er einfach angefangen zu rappen", sagt sie. "Er hat angefangen zu freestylen und die Verse aufzugreifen. Es war ein echtes Duo, kein bloßes feature."

Estelle featuring Kanye West - 'American Boy'

Liebe Senegal und die echte Estelle

"Maa ngi fii rek", antwortet Estelle auf die Frage, wie gut sie Wolof spricht, die offizielle Sprache des Senegal, wo ihre Mutter herkommt und ihre Familie noch lebt. "Ich habe damit aufgehört, die Sprache zu verunstalten, weil die Leute mich dafür verflucht haben". Sie spricht die Sprache nicht sonderlich gern, aber sie plant in diesem Sommer zurückzugehen und zwei Shows mit Wyclef Jean und Akon zu spielen, die sie unterstützt haben. "Mein Großvater kommt von dort, es ist an der Zeit etwas mehr in seinem Sinne zu tun, da er letztes Jahr gestorben ist".

Und zurück nach Europa gehen? "Ich komme vielleicht zurück - das hängt davon ab, wo ich Freund und Kinder haben möchte. Da spricht meine biologische Uhr!" An diesem Punkt kommen wir zu unserem Ausgangsgespräch zurück. "Ich bin die typische Single-Frau", unterstreicht sie. "Ich bin sehr beschäftigt, sehr unabhängig. Eine Menge Männer sehen mich als Bedrohung. Das Thema langweilt mich, nächste Frage."

Wir bleiben dennoch beim Thema, da ihr Liebesleben ihre Single "Shine" inspirierte. "Ich brauchte vier Jahre für die Platte. Ich wuchs auf, wechselte die Labels, wechselte die Länder, hob mein Leben zwei Stufen höher. Jeder einzelne Song basiert auf einer wahren Geschichte. Ich habe viel durchgemacht und das auf dieser Platte verarbeitet." Dance, Motown, Soul, Zouk und Reggae, den ihre Mutter und ihr grenadischer Stiefvater zu Hause spielten, beeinflussten ihre Platte, von der sie behauptet, dass es darauf echte Gespräche und keine Belehrungen gäbe. "Ich habe diese Erfahrungen mit Kerlen gemacht - deshalb bin ich Single - und ich habe gedacht, dass ich diese besser nicht gemacht hätte. Diese Platte bin ich, ich kann und will die Leute mit nichts anderem unterhalten." Sie lächelt, bevor sie aus dem Raum hastet, um ihren Zug zurück nach London zu bekommen.

Estelle über:

Drei Wörter, die sie am besten beschreiben:

Estelle kommt genau nach ihrer Mutter.

Medienvergleiche mit Lauryn Hill:

Ich bin stolz, sie ist legendär. Wenn die Leute mir in zehn Jahren zuhören, wie sie es heute bei ihr machen, könnt ihr mich jederzeit in diese Kategorie stecken.

Ihre angebliche Schlaflosigkeit:

Ich bin nicht angenehm am Morgen. Ich bin eine Nachteule. Ich gehe vom Club ins Studio. Mich vor 7 oder 9 zu wecken ist ein schwieriges Thema. Dann werde ich zur Furie. So bin ich.

Fotos: Homepage und Box (©Krause, Johansen), 'American Boy' Single Cover (©d.q./ flickr)"