Kultur

Esma Redžepova: "Königin des Roma-Gesangs"

Artikel veröffentlicht am 13. August 2010
Artikel veröffentlicht am 13. August 2010
Mit ihrer Kapelle tourt Esma Redžepova, Mazedonierin und ihres Zeichens „Königin des Roma-Gesangs“ unermüdlich um den Globus. Mehr als 15.000 Konzerte hat sie gegeben, 20 Alben aufgenommen. Im Rahmen eines Auftritts beim Festival Sin Fronteras im Cabaret Sauvage brachte Redžepova auch ein wenig Roma-Kultur nach Paris. Begegnung mit einer Frau, die Schranken niederreißt.

Die Sängerin hat türkische, serbische, romanische und jüdische WurzelnEsma Redžepova hat es sich in einem Sessel in der Hotellobby gemütlich gemacht und trinkt Milchkaffee aus einer verschnörkelten Porzellantasse. Aufgrund ihrer geringen Körpergröße könnte man die Sängerin leicht übersehen – aber auch mit 64 Jahren ist sie das, was man als „funky“ bezeichnen würde. An ihren Fingern funkeln mehrere goldene Ringe, dazu kommen auffällige Ohrringe. Als Kontrast zu diesen exotischen Accessoires trägt sie einen Strohut mit Schleife und ein dunkelblaues Kleid. Die kleine Frau wirkt wie eine Grande Dame und das zu Recht: „Meinen Titel habe ich 1976 in Indien erhalten, beim ersten Festival der Roma-Musik“ berichtet die Königin des Roma-Gesangs. „Er steht für die Treue zum Volk der Roma, welches ich auf der ganzen Welt würdevoll vertreten habe.“

Mission: Schranken einreißen

1945 in Skopje (damals Jugoslawien) geboren, war Musik früh ein Teil von ihr: „Ohne Musik kann ich nicht leben, Musik ist meine Nahrung, meine Luft, die ich atme.“ 1956 sang das Mädchen in einer mazedonischen Radiosendung, danach wurde der Produzent und Komponist Stevo Teodosievski (1924-1997) auf sie aufmerksam. Redžepova verließ ihr Elternhaus für die Belgrader Musikakademie. Mit ihrem Mentor und späteren Ehemann Teodosievski und seiner Gruppe tourte sie durch die Welt, feierte immer größere Erfolge. Dabei singt die Mazedonierin auf Serbisch, Mazedonisch und Romani.

Die Roma erleben in Europa gerade harte Zeiten, sie sind unerwünscht, werden diskriminiert. Hat auch Redžepova solche Erfahrungen machen müssen? Sie grinst spitzbübisch und verfällt dann in einen solchen Redeschwall, dass die Dolmetscherin kaum noch hinterher kommt: „Das erste und einzige Mal, dass ich diskriminiert wurde, war bei meiner Einschulung. Ich war die einzige Roma, keiner wollte neben mir sitzen. Also habe ich mich neben einen Jungen gesetzt. Ein Skandal, denn Jungen und Mädchen saßen getrennt voneinander! Ohne zu übertreiben, danach war ich der Star der Schule. Schon damals habe ich Schranken niedergerissen.“ Redžepova kennt die Sorgen und Probleme der Roma: „Roma sind sehr sensibel und sie spüren, da ist eine ungerechte, unmenschliche Grenze zwischen ihnen und den anderen.“ Das Gesicht der Sängerin verfinstert sich: „Es ist wie in einem Garten, wo alle Blumen blühen – und eine einzige reißt man raus.“ Ihre Heimat Mazedonien sei das einzige Land, in dem die Roma vollkommen anerkannt wären, in allen Bereichen des Lebens, ihre Rechte seien hier Teil der Verfassung.

Mit einer kosmopolitischen Einstellung zum guten Bürger werden

Das Publikum im Cabaret Sauvage war bunt gemischt – und doch waren es vor allem die jungen Leute, die ekstatisch „Esma! Esma!“ schreiend vor der Bühne auf und ab hüpftenAuch wenn das in anderen europäischen Staaten nicht annähernd der Fall ist, unterstützt Redžepova den mazedonischen Beitritt zur Europäischen Union (EU). Seit 2005 ist das Land, welches 1991 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte, offizieller Beitrittskandidat. Das Problem: Griechenland widersetzt sich. Es verlangt, dass Mazedonien sich in Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien umbenennt. Redžepova: „Das wäre, wie wenn jemand zu mir sagen würde, du heißt ab jetzt nicht mehr Esma.“ Sie zuckt mit den Achseln. „Von den anderen EU-Ländern kommt leider keine Unterstützung.“

Mit ihrer Musik möchte Redžepova die Vorstellung der Menschen von den Roma ändern. Ihre Lieder handeln von der Roma-Kultur und nicht davon, wie andere sie sehen: „Die Roma sind gegen Grenzen, sie sind Kosmopoliten. Ihre Häuser stehen immer offen. Unsere Philosophie: man ist nackt, wenn man die Erde betritt und nackt, wenn man sie verlässt. Die Erde ist für alle Menschen da, sie gehört niemandem.“ Diese Lebensauffassung gibt Redžepova auch an ihre Kinder weiter – davon hat sie 47, ehemalige Straßenkinder, die sie adoptierte. Viele von ihnen haben die von Redžepova und ihrem verstorbenen Mann gegründete Musikschule besucht, einige spielen in ihrer Band. „Ich sage ihnen, sie sollen gute Bürger sein. Sie sollen mit anderen teilen. Und sie sollen viel reisen.“ Ein Rat, den die Königin der Roma-Gesänge jedem geben würde: „Es ist sehr, sehr wichtig, zu reisen, andere Orte zu sehen, andere Gebräuche kennenzulernen.“ Redžepovas Eltern waren türkisch und serbisch, mit romanischen und jüdischen Wurzeln, in ihrer Familie tummeln sich Christen, Muslime, Orthodoxe und noch viel mehr: „Was soll ich sagen, wir feiern alle Feiertage, von welcher Konfession auch immer.“

"Musik kennt keine Sprachbarrieren"

So ganz kann man sich noch nicht vorstellen, wie die mazedonische Sängerin mit ihrer Musik für Völkerverständigung sorgen möchte. Doch dann steht Redžepova am Samstagabend im Pariser Cabaret Sauvage auf der Bühne. Ihre Outfits sind unkonventionell und schillernd, sie leidet, hängt sich einen Trauerschleier vors Gesicht, dann wieder bezirzt sie mit kokettem Augenaufschlag Publikum und Band.

„Ich singe vom Leid und von der Freude, von den beiden Extremen. Dazwischen gibt es nichts“, hat Esma Redžepova in der Hotellobby erklärt. „Wenn ich singe, dann lebe ich, was ich singe. Ich kann kommunizieren, mit meiner Mimik und meiner Gestik. Musik kennt keine Sprachbarrieren.“ Hier zeigt sich die Mischung aus Stolz und Bescheidenheit, die Redžepova auszeichnet: Sie ist sich ihrer Leistung bewusst und stolz darauf – und erwähnt trotzdem nicht, dass sie 2002 auf der Liste für den Friedensnobelpreis stand. Andere Ereignisse zählen mehr: „Meine Stimme wurde mal zur zweitbesten der Welt gewählt, nach Ella Fitzgerald. Das war mir wichtig, denn es ging um eine künstlerische Auszeichnung.“ Esma Redžepovas Augen blitzen: „Pavarotti kam erst auf Platz sieben.“

Fotos: Artikellogo ©myspace.com/redzepova; Porträt ©Accords Croisés; Auftritt im Cabaret Sauvage ©Julia Korbik; Videos: Chaje Shukarije© AsphaltTangoRecords/YouTube; Dzelem Dzelem©NBE TV/YouTube