Kultur

Erri De Luca, Bergsteiger und Bibelfan

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2007
Der Schriftsteller Erri de Luca, 56, bezeichnet sich als "Neapolitaner ohne Heimat". Ein Gespräch über den Jahrmarkt Europa, eine Jugend als 68er und den Turm zu Babel.

Flanellhemd und Bergsteigerschuhe: In der Pariser Niederlassung des Verlags Gallimard wirkt Erri De Luca irgendwie fehl am Platz. Zwischen all den hüftschwingenden Pressemiezen und vorbeischwebenden Chanel-Wolken ist der „in Neapel geborene Italiener“, wie er sich selbst gerne bezeichnet, ganz er selbst: ein Bergsteiger. In seinem Buch "Die Krümmung des Horizonts" erzählt er, wie er die Alpinistin Nives Meroi auf den Himalaja begleitete. Ein „Bauernbub“ sei er, der seit langem auf den ländlichen Hügeln vor Rom lebe.

Sein Charisma ist De Luca ins Gesicht gemeißelt. „Mit 18 fand ich mich in einer Generation der Aufsässigen und Aufständischen wieder. Das war 1968. Ich bin dieser Generation gefolgt, bis in ihren Abschaum hinab und bis zum bitteren Ende.“ Ungefähr zwölf Jahre lang war De Luca aktives Mitglied der linksradikalen italienischen Bewegung Lotta Continua („Ständiger Kampf“). Zwanzig Jahre verdingte er sich als Arbeiter, 1989 wurde er mit der autobiographischen Reise in seine neapolitanische Kindheit, „Das Licht der frühen Jahre“, Schriftsteller. „Durch Zufall“, sagt er heute.

Die Sprachvielfalt ist keine Strafe

In all diese Wege haben sich seltsame, mitunter komische Erfahrungen eingeschlichen. De Luca erklärt uns, wie man Althebräisch lernt und einige Bücher der Bibel übersetzt, wenn man „kein Atheist, aber auch kein Gläubiger“ ist. In Frankreich hat er einen Essay-Band über über die Heilige Schrift herausgebracht (Comme une langue au palais).

„Man muss konsequent an der wörtlichen Bedeutung kleben bleiben“, sagt er. „Laut offizieller Übersetzung habe die Gottheit zu Eva gesagt: ‚Unter Schmerzen sollst du gebären’. Schön und gut. Im Hebräischen bedeutet dieses Wort aber überhaupt nicht ‚Schmerz’. Und an den anderen fünf Stellen, wo es auftaucht, wird es auch in der offiziellen Version anders übersetzt“, ereifert sich De Luca. „Beim Gebären hingegen will man uns einreden, die Gottheit wolle die Frau strafen“.

Ein weiteres Beispiel ist der Turm zu Babel: „Die Sprachvielfalt ist keine Strafe, sondern eine Gabe der Gottheit. Damals lebten die Menschen alle konzentriert an einem Ort und waren somit verletzlicher. Erst mit den verschiedenen Sprachen verteilten sie sich über die ganze Erde. Und genau das hat die Menschheit vor dem Aussterben bewahrt“, erklärt der polyglotte Autor.

Er selbst spricht Italienisch, Französisch, Englisch, Althebräisch, Jiddisch, Russisch, Swahili und natürlich Neapolitanisch. Und wo liegen die Unterschiede zwischen all diesen Sprachen? „Da gibt es nur einen – den Unterschied zwischen dem Neapolitanischen und allen anderen. Normalerweise dient eine Sprache dazu, Dinge zu erklären und zu kommunizieren. Nicht so das Neapolitanische. Das braucht man zum Singen, zum Streiten und immer dann, wenn etwas ganz schnell gesagt werden muss“.

Heimfahren, aber nicht zurückkehren

Interessiert sich der Bibelleser De Luca auch für den Koran? Anlass dazu gibt es ja im Moment genug. „Nein“, antwortet er arglos. „Ich bin von dieser Seite des Mittelmeers, vom monotheistischen, hebräisch-christlichen Ufer.“ Ist Europa ein Club der Christen? „Ich weiß nicht, was Europa ist“, antwortet De Luca. „Im Moment sehe ich nur einen großen Jahrmarkt, der seine Münzen und seine Polizei vereinheitlicht hat. Ich fühle mich eher als Bewohner des Mittelmeerraums. Ich weiß, wie ein Fischerhaus in Tunis und in Marseille aussieht. Sicher, der Mittelmeerraum kann und wird niemals eine politische Form annehmen. Ich fühle mich aber den Leuten aus Marokko oder dem Libanon näher als Skandinaviern oder Deutschen“.

Dies überrascht nicht, wenn es aus dem Munde eines „Napolide“ kommt. So bezeichnet der Autor sich selbst und so heißt auch sein neuestes Buch. Das Wort „Napolide“ ist ein Kompositum aus Napoletano (Neapolitaner) und apolide (heimatlos). Den gleichen Titel trägt auch sein neustes Buch, das er wie schon oft einem kleinen Verlag (Dante & Descartes) „geschenkt“ hat. Sein Verhältnis zur Mittelmeer-Stadt Neapel ist jedoch alles andere als einfach. „Neapel hab' ich mir gezogen wie einen Backenzahn, mit allen Wurzeln, die nirgendwo sonst mehr anwachsen. In diese Stadt fahre ich, ohne dahin zurückzukehren.“

„Ich bin einfach ein Geschichtenerzähler“

Neapel: Eine Stadt, auf die wegen einem blutigen Camorra-Krieg jüngst die Scheinwerfer der Medien gerichtet waren. Der junge Schriftsteller Roberto Saviano hat mit seinem Werk Gomorra versucht, dieses Phänomen zu erklären. De Luca nennt das Buch „ein Fotogramm, scharf aufgenommen von jemandem, der die Funktionsweise der Geldmaschine Camorra von innen kennt.“

Aber Zeugnisse wie dieses sind im Fall der Camorra nach einem Monat bereits veraltet. Was Saviano einzigartig mache, aber auch in Gefahr bringe, sei „dessen persönliche und physische Stellungnahme gegen die Camorra-Bosse“, so De Luca.

Und warum hat er selbst sich nie im Kampf gegen die Camorra engagiert? „In der Literatur darf man nicht darauf aus sein, Verpflichtungen zu erfüllen, das wird zwangsläufig ein Flop“, erklärt er und gestikuliert dabei nachdrücklich. „Und außerdem lebe ich nicht in Neapel“. Es folgt eine längere Stille, die etwas Verlegenheit durchsickern lässt. Dann kommt sie aber, die Erklärung. Ruhig, überlegt und mit Händen, die wieder zusammengefunden haben: „Ich will nicht den Lehrmeister spielen, ich habe niemandem irgendetwas beizubringen. Ich bin einfach ein Geschichtenerzähler und basta.“

Heulende Sirenen in Belgrad

Und doch ist Engagement ein wichtiger Aspekt im Leben De Lucas: „Schließlich war ja nicht jeder LKW-Fahrer für humanitäre Hilfsorganisationen in Bosnien...“, helfen wir nach. „Das haben viele gemacht im Krieg“, widerspricht De Luca. „Ich bin kein engagierter Mensch. Nur einer, der manchmal ein paar verfluchte Verpflichtungen übernommen hat“.

Verpflichtungen, aufgrund derer er 1999 nach Belgrad übergesiedelt ist: „Bombenangriffe sind für mich der terroristische Akt schlechthin. Und gegen diesen terroristischen Akt habe ich sowohl der NATO als auch meinem Heimatland den Rücken gekehrt und mich der anderen Seite zugewandt. In Belgrad habe ich dann die Sirenen gehört, die ich aus den Erzählungen meiner Mutter über die Bombenangriffe der Alliierten auf Neapel kannte. Ich bin in Belgrad aber nie in den Luftschutzkeller gegangen. Sonst hätte ich ja gleich zu Hause bleiben können“.

Dies sind die „Verpflichtungen“, denen sich De Luca wirklich verbunden fühlt. „Wir von der 68er-Generation haben unsere Jugend in die Öffentlichkeit getragen. In anderen Zeiten wurde die Jugend in Kriegen verpulvert. Und heute weiß sie nicht, was sie mit sich anfangen soll. Aufgabe der Jugend ist es, dieser Verschwendung zu widerstehen und ihrem Jungsein dennoch einen Sinn zu geben. Eure Zeitung zum Beispiel ist etwas, mit dem ihr beweist, dass ihr eure Zeit nicht verschwendet. Leider scheint das aber eher ein Einzelfall zu sein“. - „Und die 1,5 Millionen Studenten, die mit Erasmus in Europa unterwegs sind?“, widerspreche ich. „Vielleicht bedeutet dies, dass es die Aufgabe eurer Generation ist, das Europa der Banken und Bankiers endlich in ein politisches Europa zu verwandeln.“