Kultur

Erlend Øye: Should I stay or should I Legao?

Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2014

Nach klitzekleinen Irrungen und Wirrungen ist unser deutsch-italienisches Duo wieder da und streitet über die neuesten Alben. Diese Woche haben sich Fede und Katha die neueste Platte des Norwegers Erlend Øye, Legao, vorgenöpft, die am 3. Oktober erscheint. Kritik in süß-sauer.

Fede: Wow, das neue Album von Erlend Øye ist da, darauf hat die Welt gewartet. Unglaublich, er ist wie ein Uhrwerk: jedes Mal bringt er ein neues Album raus, das genau wie das letzte klingt. Quiet is the new loud (der Titel des Albums der Kings of Convenience, A.d.R.) ist sowas wie seine Devise geworden. Seine neueren Alben sind wirklich unglaublich monoton. Das einzige, was sich mit jeder Platte ändert, ist sein Kontostand.

Katha: Hör doch mal auf immer die Kapitalismuskeule zu schwingen. Du bist wie ein anonymer Troll in den sozialen Netzwerken, der immer gegen alles mault ohne zu argumentieren. Jetzt mal ehrlich, Erlend Øye ist einer der letzten echten Musiker in Europa, der eben nicht in die Maschinerie der Riesenplattenläden geraten ist, die alles abgrasen. Er bleibt seinem Stil und seinen Ideen auch nach Jahren treu. Ganz ohne Vermessenheit. Er hat sein eigenes Label Bubbles Records mit einem Freund aus Berlin hochgezogen, und unter diesem Label hat er auch Legao veröffentlicht. Ein geniales Album mit neuen Akzenten seit seinem Solodebüt (Unrest, 2003, A.d.R.). 

Fede: Aber du hast schon begriffen, dass es heute uncool ist, bei einem Major zu unterschreiben. Wie könnte man sonst der pseudo-alternativen Hipstermeute gefallen? Diese Sache, alles mit wenigen Mitteln zu bestreiten, wird zur perfekten Ausrede für fehlende Kreativität. Jetzt mal im Ernst, erst The Whitest Boy Alive, dann Kings of Convenience und jetzt im Alleingang – vielleicht hatten die anderen ganz einfach die Nase voll davon, immer die gleichen Stücke spielen zu müssen… ohne Entwicklung. Und fang jetzt bloß nicht mit Sound-Identität an, das ist Bullshit. Hast du dich mal gefragt, warum er mit einem Berliner Kumpel aufnimmt? Vielleicht weil ihn sonst niemand produzieren will.

Katha: Also nur kurz ein kleiner Fact Check mein Lieber. Die Kings, Band, die Erlend Øye mit seinem Schulfreund in Norwegen gegründet hat, war vor den Whitest Boy Alive da, die sich erst später in Berlin formiert haben. Und kannst du mir vielleicht mal erklären, was genau Folk mit Electro und Reggae zu tun hat? Mit jedem neuen Album begeben wir uns auf eine alternative Reise in neue Soundsphären. Für Legao zum Beispiel hat er mit einer der größten isländischen Reggae-Bands zusammengearbeitet - Hjálmar – aus dem hohen Norden, den du sonst immer für alles verteidigst. Trotzdem hat er sein Sound-Markenzeichen nicht verraten: eine zurückhaltend-kuschelige Stimme, klare Gitarrenakkorde und Indie Pop, wie er purer nicht geht. Erlend Øye macht Folk in Manchester, Electro in Berlin oder Reggae in Island – aber er bleibt dabei immer er selbst. Davon können andere Musiker nur träumen – ab der ersten Note einen Wiederekennungswert zu haben.

Erlend Øye - « Garota »

Fede: Du sagst, dass er uns mit auf Reisen nimmt. Aber ich denke, er ist der einzige, der ständig unterwegs ist. Er fährt nach Berlin, von dort aus nach Sizilien und jetzt auch noch nach China, doch wo sind die Sound-Einflüsse all dieser Stationen? Ich höre bei Erlend null Exotik, keinen einzigen Ton, der irgendwie anders, von weit her wäre. Mit ihm bleibe ich immer im gleichen Apartment eines hippen Großstadtviertels, zusammen mit Menschen die große Brillenrahmen tragen, ihre Karohemden bis oben zugenöpft haben und sich über ihre neuesten Entdeckungen auf dem Bio-Markt unterhalten. Mit Øye bleibt man immer in der kleinen norwegischen Stadt Bergen, aus der er ursprünglich kommt. Immer. Als wäre er undurchlässig für andere Kulturen. Auch wenn er einen Clip in Italien dreht, bleibt er der Gleiche. Er scheint immer in schwarz-weiß Optik, auch wenn alles um ihn herum in bunten Farben erstrahlt. Öde.

Katha: Was willst du? Grobschlächtig kopierte Weltmusik? Das ist alles was du normalerweise musikalisch verurteilst, also hör auf, jetzt hier den Heuchler raushängen zu lassen. Klar würde Erlend Øye nicht als Finger schnipsender Celentano funktionieren: „Tu vuò fà l'italiano“. Das wäre total lächerlich. Aber es sind eher Nuancen, neue Eindrücke, die er subtil in seinen Sound einfließen lässt. Für den zweiten Titel des Albums „Garota“ ist er diesmal nach Seoul geflogen. Der Typ hat immer eine Nase für Trends. Erlend Øye war in Berlin, bevor es überall in Europa total gehyped wurde. Er hat Geek-Brillen aufgesetzt, bevor sie zu einem globalen Modephänomen wurden.

Fede: Du redest über Brillen, ich über Musik. Ich finde, er ist wirklich statisch im Gegensatz zu den Ideen, die er in seinen Liedern ausdrückt. Ist dir das nicht aufgefallen? Eigentlich hat ein Song eine Strophe, eine Bridge, einen Refrain – ich will jetzt nicht zu hoch greifen und auch noch das Solo-Instrumental zitieren, das wäre zuviel. In den Songs von Øye gibt es nur ein einziges repititives Riff, von Beginn bis Ende. Hör dir mal den Track 10 an, „Lies become part of who you are“: man hat das Gefühl, der Song ist nie zu Ende. Kannst du dir das auf einem Konzert vorstellen? Jetzt mal echt, das ist ganz passabel als Hintergrund-Dudelei zu einem Tee zu Hause.

Katha: In diesem Punkt kann ich dir vielleicht ein bisschen entgegenkommen. 2007 habe ich The Whitest Boy Alive in Dresden auf einem Konzert gesehen. Die Leute sind voll abgegangen. Auf Legao ist das Dance-Potenzial nicht wirklich präsent, das stimmt. Aber es gibt nichts Schöneres als einen Song wie „Rainman“ an einem Herbsttag. Man kann einfach nicht anders als die federleichten Schritte dieses glocalen Peter Pan, der nie älter zu werden scheint (er ist 38!) seit der rosa Ballerina von „Id rather dance with you“ weiterzuverfolgen. 

Fede: Endlich gibst du mir auch mal Recht. Dann kann ich auch zugeben: mit all den Pseudokünstlern, die heutzutage ein forciert erotisches Partyimage heraufbeschwören müssen, um mehr Alben abzusetzen, tut es auchmal gut, seinen Tee mit diesem gutwillig-ungeschickten Lächeln in Instagram-Optik von Erlend Øye zu trinken, der dir in die Ohren zu säuseln scheint, dass auf der Welt alles in Ordnung ist. Süße Träume! 

Anhören: Erlend Øye - Legao (Oktober 2014/Bubbles Records)