Kultur

Energie-Revolution auf Berliner Dancefloors

Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
In Sachen Green Clubbing kannte man bisher vielleicht den Club WATT in Rotterdam und seinen erneuerbare Energie erzeugenden Dancefloor. Aber bis auf diese Initiative, eher symbolisch als wirkungsvoll, bleibt in Clubs und auf Festivals die Energiewirtschaft ein schattenhaftes Terrain, das einige Berliner Visionäre sich nun entschlossen haben zu betreten.

Zunächst war da eine Feststellung: Festivals und Nachtclubs hinterlassen zu große ökologische Fußabdrücke und werden dafür außerdem nur selten zur Verantwortung gezogen. Klimaanlagen, Kühlschränke, Soundsysteme, Beleuchtung und Transport sind enorme Energieschlucker. Im Durchschnitt verbraucht eine Diskothek 150.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr, was dem Verbrauch von 45 Drei-Personen-Haushalten entspricht, dabei sind die CO2-Ausstöße noch nicht einmal mit einberechnet. Mit 5000 Clubs in Deutschland ist die Rechnung schnell aufgestellt: Die deutsche Partyszene schluckt 750 Millionen Kilowattstunden, was ungefähr dem jährlichen Stromverbrauch von Slowenien entspricht. Eine Ausschau auf die Berliner Initiativen zu Gunsten einer immer noch festiven, aber etwas weniger schädlichen Nacht.

Der umweltfreundlichste Clip

Der Verein Klimaklicker drehte 2008 den ersten umweltfreundlichen Clip mit den Gewinnern des Wettbewerbs „Gutes Klima für Gute Musik“ im Berliner Tresor Club. Die für die Dreharbeiten notwendige Energie wurde von Fahrrädern geliefert, die zu Turbinen umgebaut wurden. Je kräftiger man in die Pedale trat, desto mehr Energie wurde produziert. „Statt Flyer an einem Stand zu verteilen, wollten wir Leute für unser Projekt begeistern, indem wir sie in die Musik mit einbeziehen“, erzählt Projektleiterin Stephanie Schropp, deren Initiative vom Bundesumweltministerium finanziert wird.

Das Konzept von Generatoren-Fahrrädern hat auch den Think Tank Green Music Initiative inspiriert, der 2008 in Berlin das Licht der Welt erblickte. In Zusammenarbeit mit der Bar 25 organisierten sie im letzten Sommer einen Fahrrad Disko-Abend. Neben dem DJ sorgen permanent mehrere Radfahrer für Strom, welcher die Lautsprecherboxen zum Dröhnen bringt. „Zum ersten Mal starrten die Leute nicht mehr nur den DJ an, sondern die Menschen, die in die Pedale traten. Die Leute feuerten sie regelrecht an, es war wirklich super“, berichtet Jakob Bilabel, Gründer der GMI.

Grüne Festivals

Das Melt Festival in Berlin gehört zusammen mit dem englischen Glastonbury, dem schwedischen Oya oder dem dänischen Roskilde zu den ersten Festivals, die sich für die Umweltproblematik interessieren. Alle Jahre finden sich rund um den Veranstaltungsort Ferropolis - "die Stadt aus Eisen" im Süden Berlins - die größten Namen der internationalen Poprock- und Elektro-Szene ein. Die Einladung der Green Music Initiative hat 2010 den Ton angegeben: Kurs auf die Mobilität! Von Köln aus wurde ein Nachtzug bereitgestellt, um die Festivalbesucher in die Hauptstadt zu transportieren und zu beherbergen. Auch zwei Tonnen recyceltes Essen wurden zur Verfügung gestellt. „Wir haben ausschließlich positive Rückmeldungen zu unserer Initiative erhalten! Nach dem Festival haben die Besucher davon in unseren Foren gesprochen. Und 70 von ihnen haben ihren Müll sogar an die Abfallstation gebracht, um die fünf Euro Pfand wiederzubekommen“, freut sich Finja über das Engagement der 20 bis 35-jährigen Festivalhopper.

Für Lutz Leichsenring, den Sprecher der Berliner Club Commission, Verband der Berliner Club-, Party-und Kulturereignisveranstalter, ist besonders das Phänomen der 'Easy-Jet Setter' ein Umweltkiller: „Die Leute aus der ganzen Welt nehmen das Flugzeug, um eine Nacht in Berlin feiern zu gehen - das ist verrückt!“ Dass nun alle Nachtschwärmer in Clubs und auf Festivals plötzlich Fahrrad fahren, das wird nicht morgen oder übermorgen sein, aber dank des CO2 Rock’n’Roll Guides von Klima Klicker ist vieles schon einfacher geworden. Darin werden einige umweltfreundliche Rezepte  und grüne Tipps für Festivals vorgestellt. Mit dem 'Fahrrad oder per Mitfahrgelegenheit anreisen', seinen 'Ipod und seinen Fön vernachlässigen' oder auch 'Rohkost essen' sind nur einige davon. „Unsere Botschaft ist klar: Party machen und dabei die Umwelt respektieren verdirbt in keinerlei Hinsicht den Spaß“, fügt Stephanie hinzu. Gute Laune ist da, das grüne Bewusstsein auf der Tanzfläche auch: Jetzt bleibt nur noch die Frage offen, inwiefern ein umweltbewusstes Nachtleben auch rentabel ist.

Nachhaltige Entwicklung…der Musik?

„Energie sparen ist an erster Stelle Geld sparen, ob man nun ein grünes Bewusstsein hat oder nicht.“ Die Message von Jakob Bilabel, dem Gründer der Green Music Initiative, dürfte für die Berliner Betreiber von Clubs und Festivals zukunftweisend klingen. „Als ich bei Universal arbeitete, waren die Leute dermaßen faul, dass sie zu dieser Zeit nichts gegen das Herunterladen unternommen haben. Sie haben das alles kommen sehen, ohne zu handeln. Ich will nicht die gleichen Fehler wieder machen. Vielleicht wird uns die Regierung in zehn Jahren sagen, nein, ihr könnt kein Festival mehr machen, ihr verbraucht zu viel Energie, und dann wird man nicht bereit sein.“

Dieses Jahr angelaufen, bietet sich der Green Club Index an, Clubs mit Hinblick auf ihren ökologischen Index zu vergleichen. „Man teilt den Verbrauch durch die Anzahl der Gäste.“ Früher oder später würde Jakob gerne alle Clubs in Europa auflisten, um mehr Gewicht bei Verhandlungen mit den großen, marktdominierenden Anbietern wie Coca Cola oder Red Bull zu haben. Das Ziel ist es, ein tatsächlich grünes Geschäftsmodell vorzuschlagen, das im Musikbusiness anwendbar ist. „Unsere Aktion hat nichts mit Greenwashing zu tun. Jeder kann teilnehmen und herausfinden, ob er in unseren Initiativen ökonomisches und ökologisches Interesse findet“, sagt er abschließend. GMI und die Club Commission schlagen also den Clubs, die Energie sparen möchten, beispielsweise rentablere Ausstattung vor. Laut den Experten von Klima Klicker würden schon Kühlschränke mit geringem Verbrauch oder ein besseres Lüftungssystem einer Diskothek ermöglichen, 10 bis 15 Prozent ihres Energieverbrauchs einzusparen. Für das Publikum unsichtbare und für den Club rentable Maßnahmen - das ist die Zukunft der Berliner Nacht.

Fotos: (cc)Daan Roosegaarde/flickr ; Radeln für den Sound: ©Mélanie de Groot van Embden