Kultur

Emilie Simon: "Ich experimentiere nicht, ich mache Musik"

Artikel veröffentlicht am 5. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 5. Oktober 2009
Nach einigen Jahren in New York ist die Französin Emilie Simon jetzt zurück in Europa - mit ihrem neuen Elektropop-Album The Big Machine. Auf Englisch.

Wir treffen Emilie Simon im Hotel Amour (der Name spricht Bände) im schicken 9. Pariser Arrondissement, wo sich Emilie Simon im Rahmen ihrer Promotionstour den Fragen der Journalisten stellt. Die giftgrüne Tunika, die die Sängerin an diesem Tag trägt, steht ihr ausgezeichnet. Bereitwillig lässt sich Emilie Simon auf das Frage-Antwort-Spiel mit den Journalisten ein. Es scheint ihr offensichtlich Spaß zu machen, über ihr neues Album zu sprechen und auch vor den Fotokameras fühlt sie sich pudelwohl.

Sie hat die Stimme eines kleinen Mädchens, den Charme einer Frau und ein offenes Lächeln. Beim Sprechen schaut sie ihrem Gegenüber tief in die Augen, ihre Antworten liefert sie ohne Umschweife. Vielleicht duzen wir uns deswegen automatisch. Außerdem ist Emilie Simon erst 31 Jahre alt. Als sie das Tonbandgerät entdeckt, das zwischen uns steht, schmunzelt sie und fragt: "Ist das etwa dein Telefon?" Anders als es eine zickige Diva vielleicht tun würde, antwortet sie unter Lachen, als sie gefragt wird, ob es sie nicht nerve, immer wieder die gleichen Fragen beantworten zu müssen: "Ach, das ist doch erst der Anfang!"

Von Montpellier nach New York

Nach einem Urlaub in New York ist Emilie so begeistert von der pulsierenden Metropole, dass sie beschließt, ihrer Geburtstadt Montpellier den Rücken zu kehren und sich in New York, zunächst im Stadtteil Brooklyn, niederzulassen. Verliebt hat sie sich in den Big Apple sofort. Dennoch war der Schritt, wie sie sagt, "eine Herausforderung". Mehr verrät sie nicht. Wenn Emilie von New York spricht, schwingt absolute Begeisterung in ihrer Stimme mit. Als sie die Viertel aufzählt, in denen sie gelebt hat, leuchten ihre Augen. Es war alles dabei, von Chinatown bis Williamsburg, mal avantgardistisch-elitär, mal "street-art". Die Stadt passt zur Sängerin: vielseitig, wandelbar und voller Energie.

©Barclay RecordsGenau in dieser Metropole, wo niemand sie kennt, weil die amerikanische Version des Films Die Reise der Pinguine (der Film, der sie in Frankreich berühmt machte) einen anderen Soundtrack hat, fängt Emilie Simon noch einmal ganz von vorne an. Sie spielt in kleinen Clubs, genießt die intime Atmosphäre der kleinen Konzerträume und wird (wieder) zum Geheimtipp. "Ich mag das. Die Leute, die zu meinen Auftritten kommen, tun das nicht, um eine berühmte Sängerin zu sehen, sondern gerade, weil sie mich nicht kennen. Klar, das ist jedes Mal auf‘s Neue eine Herausforderung, aber vor allem auch ein permanenter Ansporn. Wenn die Leute zufrieden nach Hause gehen, dann, weil ich gut war und sie mit meiner Musik bewegt habe."

Hast du auf der anderen Seite des Atlantiks vom Hadopi-Gesetz gehört? Mit einem Lächeln, das selbst die hartnäckigsten Journalisten weich machen würde, umgeht sie die Frage. Dann fügt sie ganz ernsthaft hinzu: "Ja, ich habe davon gehört aber ich habe keine Meinung dazu. Eigentlich sollte man immer eine Meinung haben. Aber hierzu sage ich lieber nichts, als dass ich über ein Thema spreche, mit dem ich mich nicht so gut auskenne." Mehr sagt Emilie Simon dazu nicht. Und wie empfindet sie die Rückkehr nach Paris und nach Frankreich allgemein? "So pulsierend wie New York ist Paris auf keinen Fall, aber das tut auch gut."

Vom Studium ins Musikbusiness

"Aber nein, ich experimentiere nicht, ich mache Musik", betont Emilie, deren südfranzösischer Akzent zwar noch hörbar ist, aber dennoch den Akzent der Franzosen überdeckt, die in ihrem Alltag Englisch sprechen. "Experimentieren klingt so wissenschaftlich und konzipiert, aber ich hatte das alles überhaupt nicht geplant. Es war nicht mein Ziel, Karriere zu machen. Ich hatte Gitarren- und Klavierunterricht und um danach noch etwas anderes zu machen, wollte ich mischen lernen. Das war für mich die logische Fortsetzung des Ganzen. Alles andere hat sich einfach so ergeben."

Nach einer schwierigen Zeit am Konservatorium in Montpellier, kommt Emilie also "einfach so" an die Sorbonne und ans Ircam-Institut, die Top-Adresse für Akustikforschung und elektronische Musik. Die Alben von Emilie Simon kann man immer wieder auf‘s Neue entdecken - am besten in einem leeren Zugabteil oder über eine erstklassige, laut aufgedrehte Stereoanlage. Egal ob sie im Flüsterton singt oder ihre Stimme regelrecht explodiert - als Erfahrenste unter den bekannten Sängerinnen überrascht Emilie Simon immer wieder und vor allem - das ist das Zauberwort - hat sie Spaß bei dem, was sie tut.

Auf ihrem neuesten Album The Big Machine singt Emilie Simon auf Englisch. Etwa um den amerikanischen Markt zu erobern? Die Sängerin verneint: "Das hat sich so ergeben...ich habe Englisch im Alltag gesprochen, englische Bücher gelesen und sogar auf Englisch geträumt. Als ich angefangen habe die Songs zu schreiben, fiel es mir eben leichter, mich auf Englisch auszudrücken."

Man darf nicht immer an diejenigen denken, die die Musik hören werden und sich davon beeinflussen lassen.

Während dieser Zeit zog sich Emilie ein bisschen zurück, lebte ein wenig abseits. "Den ganzen Tag habe ich meine eigenen Lieder gehört. Deswegen hatte ich keine Lust mehr auf Musik, wenn ich abends nach Hause kam. Kein guter Zeitpunkt also, um neue Menschen kennenzulernen." Zum ersten Mal präsentiert Emilie ihre neuen Kompositionen jetzt der Öffentlichkeit, stets Zeuge der Veränderungen und Weiterentwicklungen. "Man darf nicht immer an diejenigen denken, die die Musik hören werden und sich davon beeinflussen lassen. Sonst erstarrt man und kommt nicht mehr weiter, man tritt auf der Stelle."

Müsste man The Big Machine beschreiben, dann würde man sich wahrscheinlich schwer tun. Man würde bei den kreativen Klängen beginnen und Emilie ohne zu zögern als würdige Nachfolgerin Björks bezeichnen, als eine Sängerin, die sich ebenso mit Kate Bush messen kann. Tatsächlich zählt Kate Bush zu Emilie Simons Inspirationsquellen. "Ich bin mit Kate Bush aufgewachsen. Als Künstlerin bietet sie ein Komplettpaket, sie ist wahnsinnig abwechslungsreich. Aber natürlich haben mich auch andere Künstler beeinflusst, man ist doch immer das Ergebnis einer ganzen Reihe von Einflüssen.". In einer musikalischen Landschaft, wo trübselige Schlager das Sagen haben, sorgt Emilie Simon für frischen Wind. Sie ist anders - und das ist gut so.