Kultur

Elite: Die fetten Uni-Jahre sind vorbei - hier kommen die Selbstverwalter

Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2009
Die selbstverwaltete Universität - neues Bildungsmodell und Traumvorstellung zugleich. Eindrücke aus Lyon, Frankreich.

Hey! Teachers! Leave them kids alone!“ - Nun ist Schluss mit der Hierarchie in den Universitäten. Schluss mit unilateraler Lehre, Schluss mit Noten, Schluss mit der Regelstudienzeit und der eigennützigen Auffassung des Studiums. Dieser 68er-Traum lebt wieder auf. Seit dem vergangenen Frühjahr versucht sich ein neues Bildungsmodell durchzusetzen: die selbstverwaltete Universität. „Es ist weder wirklich anarchistisch, noch ist es das Gegenteil davon, man nähert sich sehr dem Prinzip der Selbstverwaltung an“, erklärt Edouard Piron, 22-jähriger Student an der Universität Lyon 2.

Im Zuge der Kämpfe gegen das französische LRU-Gesetz über die Universitätsreform (Loi relative aux libertés et responsablités des universités) unter der Fahne von Bildungsministerin Valérie Pécresse entstanden im Frühjahr 2009 zwei Projekte in der französischen Stadt. „Wir haben den Eindruck, dass dieser Kampf zu nichts führt. Daher wollten viele Studenten eine Alternative zu diesem Gesetz und zum aktuellen System anbieten“, erzählt Edouard.

©Andrea Giambartolomei

So sind die Gemeinschaftsuniversität Lyon Zéro, in der Edouard Piron Mitglied ist, und die Selbstverwaltete Universität (Université autogérée) enstanden. Es sind die Früchte zweier Gruppen mit gleichen Zielen aber unterschiedlichen Mitteln“, präzisiert er. Erstere hat eine assoziative Satzung, einen Rechtsrahmen und versucht mit der Universität Lyon 2 zu kooperieren. Letztere dagegen will absolut selbstverwaltet sein.

Auf das Ziel, einen Beruf zu finden hinstudieren: Wir wollen diese Zweckgebundenheit abschaffen!

Beide Projekte basieren auf zwei einfachen Konzepten: Der Abwesenheit von Hierarchie und dem Teilen von Wissen, welches sonst nur in „unilateraler Form konsumiert und verbreitet wird, während wir ein System wollen, indem jeder lernt und lehrt, weil wir alle über Wissen verfügen, das wir teilen können“, erklärt Piron. Problematisch ist zudem, dass „man normalerweise immer fixiert auf das Ziel, einen Beruf zu finden hinstudiert und lernt. Wir wollen diese Zweckgebundenheit abschaffen und stattdessen ein Lernen des Vergnügens und des Dazulernens ermöglichen.“

Wie auch in einigen anarchistischen Doktrinen vorgesehen, wird Sanktion hier durch Motivation und die Benotung durch Autoevaluation ersetzt - gemäß dem Konzept der Steiner-Waldorf-Schulen, benannt nach dem österreichischen Philosophen Rudolf Steiner.

Das heißt aber nicht, dass es gar keine Regeln gibt: „Am Anfang sind sie notwendig und später, wenn das Projekt dann funktioniert, können wir auf sie verzichten“, zitiert er ein Konzept des revolutionären russischen Philosophen Bakunin. Zumindest, was die Mitglieder von Lyon Zéro angeht, sollte man nicht glauben, dass deren Projekte drauf abzielen, das traditionelle System zu ersetzen: „Wir wollen eine andere Weise aufzeigen - wir wollen ergänzen.

Eine Ergänzung zum traditionellen Bildungssystem sind auch ihre Kurse: „Die Art des Unterrichts hängt von den Teilnehmern ab. Deshalb und weil wir alternativ sind, ergeben sich neue, andere Themengebiete, die in einer normalen Universität nie behandelt werden.“ Gedanken zum Konzept von Zeit und Geschwindigkeit, über sexuelle Diskriminierung, ein Workshop über Mikropolitik der Gruppen, über zeitgenössischen Tanz oder Nomadismus - so lauten die Namen angebotener Kurse. Und auch wenn einem die Ideen ausgehen, dann gibt es Abhilfe: „Es gibt immer auch die Möglichkeit ein bestimmtes Thema gemeinsam zu erarbeiten und zu recherchieren und es anschließend in der Runde zu diskutieren.“

Lyon Zéro hat fast dreißig aktive Mitglieder und viele weitere Anhänger, darunter Studenten, Forscher, Professoren, Rentner, Arbeitslose aber auch Beschäftigte. Viele weitere haben sich interessiert gezeigt an den Kursen teilzunehmen. Ab und an unterstützen sogar einige Dozenten - zugegeben nur die aufgeschlossensten unter ihnen - das Projekt und nehmen selbst teil.

In Frankreich hat es bereits ähnliche Experimente gegeben, oft allerdings ohne Erfolg.

In Frankreich hat es bereits ähnliche Experimente gegeben, oft allerdings ohne Erfolg. Zu Beginn der Studentenbewegung gegen das LRU-Gesetz entstand im November 2007 an der Universität Paris 3 eine selbstverwaltete Ausbildungs- und Forschungseinheit. Im Jahre 2008 kam UFR Zéro in Paris. Ein Jahr später, als italienische Studenten und Forscher ihren Unterricht als Protest gegen den Finanzabbau an Universitäten auf den Straßen abhielten, gründeten die französischen Kollegen auf der Pariser Metrolinie 14 die Université Paris 14 - das letzte universitäre Werk „nach der Gründung von Paris 13 im Jahre 1971.“ Wie die Linie 14, hat die Universität „weder Leiter, Präsidenten noch Dirigenten. Sie ist autonom, selbstverwaltet, kritisch, nomadisch und für jeden zugänglich.“

Im Moment ist ihr akademischer Kalender ein unbeschriebenes Blatt, aber das soll nicht heißen, dass der Traum ausgeträumt ist: „Wir sind nicht tot - berichtet Guillaume Lachenal, Assistent an der Universität Paris VII - wegen des momentanen Ausbleibens von Generalsstreiks sind wir nur ein wenig langsamer geworden.“