Kultur

Eleonora Abbagnato, in der ersten Reihe tanzen

Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2007
Die 28-jährige Sizilianerin hat sich mit Fleiß und Durchhaltevermögen bis zur Prima Ballerina der Pariser Oper hochgetanzt.

Durch die Hintertür steigen wir ins Innenleben der prachtvollen Opéra Garnier de Paris, folgen verblichenen Korridoren, bis wir schließlich in der Angestellten-Cafeteria ankommen. Holzmöbel und erschwingliche Preise lassen keinen Zweifel daran, dass der Luxus dem Opernparkett vorbehalten ist.

Wenig später trifft die Prima Ballarina der Opéra Garnier ein, sportlich gekleidet, die blonde Haarpracht streng zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Die 28-jährige Eleonora Abbagnato ist eine von nur zehn Ausländern der 150 Tänzerin und Tänzerinnen des Ballet de l’Opéra de Paris. Wie hat sie es als Italienerin oder, wie sie uns korrigiert, Sizilianerin bis hierher geschafft?

Alles fing mehr oder weniger per Zufall an, in Palermo, wo ihre Mutter sie als Kleinkind in die Obhut von Marisa Benassai gab, einer Nachbarin und Leiterin einer Tanzschule. „Ich habe von ganz alleine angefangen zu tanzen während mein Vater und mein Bruder abends Fußball schauten. Ich lebte in meiner kleinen, eigenen Welt der Tanzvideos.“ Es war eine kurze Kindheit. „Dass ich nicht mit Puppen gespielt habe, bereue ich nicht. Ich habe ja das gemacht, was ich wollte.“ Sehr früh hob sie sich von anderen ab und gewann Wettbewerbe. Bis dann der Choreograf Roland Petit in dem fleißigen Mädchen das Potenzial einer Elitetänzerin erkannte und sie, mit nur 14 Jahren, an die Opéra de Paris brachte.

Künstlerische Entschlossenheit

„Wenn ich mir etwas vornehme, erreiche ich es auch. Wie in der Liebe, wenn ich es auf einen Mann abgesehen habe ... bum! Dann schnappe ich ihn mir“, stößt sie mit einer räuberischen Geste hervor. Das Durchhaltevermögen und die Entschlossenheit, die sie an den Tag legt, scheinen unabdingbar, um in der Welt des klassischen Tanzes zu triumphieren. Doch worauf hat sie verzichten müssen, um es bis an die Pariser Oper zu schaffen? „Sicherlich auf die Familie, aber im Leben muss man sich nun mal entscheiden. Wir leben hier abgeschottet vom wahren Leben, tanzen Tag ein Tag aus in einem Studio. Zum Glück habe ich Freunde, die nichts mit der Welt des Tanzens zu tun haben. Mit ihnen kann ich richtig abschalten“, fügt sie hinzu. In ihrer Freizeit genießt sie es, ihre italienischen Freunde zu Pasta-Abenden einzuladen.

Angesichts ihres ruhigen Stimme und ihres einwandfreien Französischs ist es schwer zu glauben, dass man es mit einer Sizilianerin zu tun hat. Ist sie nach 14 Jahren in Paris nicht doch ein bißchen zur Französin geworden? „Was Sie da sagen, ist eine Beleidigung“, antwortet sie energisch. Schließlich haben sie zahlreiche italienische Fernsehsender und Zeitschriften zum Vorzeigeprodukt made in Italy gekürt. Aber das stört sie wenig.

Paris-Italien, Italien-Paris

An freien Wochenenden packt sie die Koffer und macht sich auf in die Heimat Italien. Sie sagt, es sei mittlerweile schwieriger, fern der Familie zu leben. „ Als ich kleiner war, dachte ich nur daran, mir die Schuhe zu schnüren und zu tanzen. Ich wusste, dass ich hier von den Besten umgeben war und all das, was draußen war, kannte ich überhaupt nicht. Aber mit den Jahren wird man sich plötzlich bewusst, was einem fehlt.“

Was kann einer Eleonora Abbagnato denn fehlen? „Sicherlich nichts, nur meine Heimat, die Sonne und die netteren Menschen.“ Warum macht sie sich dann nicht auf den Weg zur Mailänder Scala? Dort war sie schon mit zehn Jahren und es gefiel ihr nicht. „Ich glaube, dass es dort an Organisation und Ressourcen fehlt, es wird einfach weniger geprobt. Sollte ich je dorthin zurückkehren, würde mir glaube ich einiges fehlen. In Paris haben wir die besten Einrichtungen, die besten Choreographen sowie ein großes und treues Publikum, das man nicht so leicht in anderen europäischen Städten antrifft.“

So ist es kaum verwundelich, dass seit drei Monaten alle Karten ihrer Vorstellung ausverkauft sind: La dame aux camélias (Die Kameliendame), das von einem Roman Alexandre Dumas’ d. J. inspirierten Ballets des amerikanischen Choreographen John Neumeier. Der Vorhang öffnet sich und wir sehen Eleonora in der Rolle der Marguerite Gautier, der berühmten Pariser Kurtisane, die sich in Armand Duval verliebt, einen respektablen Kunden. Eleonora kreiselt von einem zum anderen. Das Ballet-Ensemble folgt all ihren Bewegungen, ihre perfekte Technik und große Ausdruckskraft ziehen das Publikum in ihren Bann. Aber die Euphorie hält nicht lange an, denn der Vater Armand Duvals zwingt Marguerite (Eleonora), sich von seinem Sohn fern zu halten, um die Ehre der Familie nicht zu kompromittieren. Erst nach dem verfrühten Tod Marguerites entdeckt ihr Liebster ein Tagebuch, in dem sie all ihre Gefühle gesteht. Der Vorhang fällt, der Applaus stürmt.

Konkurrenzsport

„Die Leute starren Dich an, wollen alles von Dir wissen und manchmal möchte man alles hinschmeißen. Wenn Du in der ersten Reihe tanzt, gibt es genug Personen um Dich herum, die versuchen, Dich herunterzuziehen. Ich fand es amüsant, als ich jünger war, aber mittlerweile ist es etwas lästig.“ Eleonora führte sechseinhalb Jahre eine Beziehung mit einem Tänzer des Opernballets und berichtet von ihrer Erfahrung, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Wir bewunderten uns gegenseitig und konkurrierten auch latent miteinander. Erhielt er eine Rolle und ich nicht, dann entstand eine ungesunde Rivalität. Als es vorbei war, dachte ich nur ‚Nie wieder mit einem Balletttänzer’! Ich kann mit niemanden 24 Stunden am Tag verbringen, ich weiß nicht, wie das gehen soll. Das ist so eintönig!“

Eleonora hatte das Glück, unter den Anweisungen der besten zeitgenössischen Choreographen wie Pina Bausch, Jiri Kilian oder Roland Petit zu tanzen. Vor allem Pina Bausch, der deutschen Erfinderin des Tanztheaters, die sich für die Vergangenheit ihrer Tänzer und Tänzerinnen interessiert und so mit ihnen eine psychologische Bindung eingeht. Während der Vorführung von „Le Sacre de Printemps“, erzählt Eleonora, „konnte meine Mutter die Gewaltszenen nicht ertragen und verließ den Saal“. Aber Eleonora hat eine Vorliebe für den zeitgenössischen Tanz: „Die Generation meiner Eltern hat immer denselben Stil getanzt, egal, ob mit 16 oder 30 Jahren. Ich hingegen könnte nicht mein ganzes Leben ‚Schwanensee’ tanzen, wie langweilig!“

14 Jahren tanzen ohne Fehlstunde

In Frankreich, dem Land der Proteste par excellence, „haben wir Tänzer nicht ein einziges Mal gestreikt, aus Respekt vor unserer Arbeit, der Kunst und dem Publikum“, versichert die Ballerina. Mit geradem Rücken verkündet sie nicht ohne Stolz: „In 14 Jahren Tanzausbildung habe nicht eine einzige Probe verpasst“.

Was bringt ihr die Zukunft? „Ich würde gern zum Film, Kinder bekommen und öfter nach Italien fahren“. Und was würde sie einem jungen Tanztalent raten? „Dass sie nicht Ballerina werden sollte“. Bereut sie es? „Es ist toll, eine Leidenschaft in Leben zu haben, aber ich denke, dass es weniger herausfordernde Leidenschaften gibt“. Mit einem Blick auf die Uhr entschuldigt sie sich: „Die Probe beginnt in fünf Minuten“.