Kultur

'Electro' tanzen - Tecktonik konsumieren

Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2007
TCK - Tecktonik ist keine Hampelei, sondern ein Straßentanz, der bei den französischen, belgischen und holländischen Jugendlichen seit mehr als sechs Monaten hoch im Kurs steht und sich zu einer richtigen Marke entwickelt.

Er nennt sich 'Jeyjey' und ist 19 Jahre alt. Noch nie von diesem Pseudonym gehört? Dennoch haben bereits mehr als vier Millionen Interrnetnutzer das Tecktonik-Video dieses jungen Franzosen gesehen. Es handelt sich dabei um einen anderthalbminütigen Clip, den Jeyjey im Neonlicht seiner Garage gedreht hat. Im Hintergrund läuft Electro. Abgehackte, wiederholte und rasend schnelle Bewegungen haben aus ihm einen Star und nebenbei eine Leitfigur der Tecktonik-Bewegung gemacht, um den sich alle französischen Fernsehsender reißen.

Das Gleiche gilt für Treaxy, den französischen TCK-Champion 2006, der gecastet wurde, um im Clip der Sängerin Yelle zu tanzen, oder auch für die Tänzer der Gruppe Dance Generation. Innerhalb weniger Monate und dank des Internets, vor allem aber durch Youtube, hat die Bewegung an Bedeutung gewonnen und die Straßen europäischer Großstädte erobert.

Pariser 'aprèms'

"Man muss nur die Arme vor der Brust verschränken und die Handgelenke verdrehen... in etwas so!" Im Umkreis des Centre Pompidou in Paris herrscht eine Art Arbeitsatmosphäre. Wie an jedem Mittwochnachmittag haben die Tänzer diesen Ort für sich erobert. Die 'aprèms' (Nachmittage) bieten die Gelegenheit, einige Schrittfolgen zu perfektionieren oder sich mit den anderen Tänzern in sogenannten 'battles' in Wettstreit zu begeben.

Es gibt unterschiedliche Stile und Stylings: Milky Way, Electro Poppin', Jumpstyle. Die Einen haben einen Irokesenschnitt, die Anderen tragen Röhrenjeans, Fledermausärmel-Top und pinke Strähnen. Beinahe fühlt man sich an Mad Max und David Bowie erinnert.

Die Tecks schauen sich viel aus den Achtzigern ab und vermischen alle Stile der letzten zwanzig Jahre bunt miteinander. Sie ernten amüsierte Blicke – aber wen interessiert das schon: Als echter Anhänger ist man da, "um Spaß zu haben". Es gibt keinen Verhaltenskodex. Man lässt sich nicht von anderen vorschreiben, wie man zu sein hat. "Jeder tanzt so, wie er will, mit seinem eigenen Styling, seinem eigenen Stil und seiner eigenen Persönlichkeit", bestätigt eine Blondine, die aussieht, als käme sie frisch von einem Casting für Nachwuchsstars. Der einzige Grundsatz, der für alle gilt ist: "Bloß nicht auf die eigenen Füße gucken: Stolpergefahr!"

Tecktonik, urheberrechtlich geschützt

Bevor TCK jedoch vor kurzem in Frankreich seinen Siegeszug angetreten ist, war es bereits anderswo zu Erfolg gelangt: Die Geschichte der Bewegung begann Ende der Neunziger in Belgien und folgte den Spuren von Hardtech und Hardtrance.

2000 importieren zwei Franzosen, Alexandre Baroudzin und Cyril Blanc, die Idee dieser Techno-Nächte und wollen "die feierliche Atmosphäre der Raves" in einen riesigen Pariser Vorortdiskokomplex verpflanzen - in das 'Metropolis'.

"Tecktonik", erklären sie, "bezieht sich auf die Verschiebung der Erdplatten. Es beschreibt somit das Aufeinandertreffen und den Clash verschiedener Musikrichtungen." Die beiden Freunde gründen ihre eigene Firma 'Tecktonik Events' und lassen den Namen urheberrechtlich schützen. Dann kreieren sie ihre eigene Modemarke und einen Energydrink, den 'Tecktonik Killer'. Wenn der Tecktonik-Fan auch normalerweise vorgibt, keine Drogen zu nehmen, so verbrennt er doch viele Kalorien auf der Tanzfläche.

Jedes Wochenende gehen fast 6000 Fans im Metropolis auf die Piste. Die Tecktonik-Geschäfte sind die einzigen, in denen man Kleidung mit dem offiziellen Logo kaufen kann - einem Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Man muss schon 30 Euro für ein 'einfaches' bedrucktes T-Shirt rechnen. Zwangloses, aber trotzdem stilvolles Tanzen, hat eben seinen Preis.

Die ausländischen Tecktonik-Fans dürfen den Namen 'Tecktonik' künftig nicht mehr benutzen: So wurde die belgische Webseite tecktonik-belgique.com in die Seite 'belgische Liga für Electro-Stil' umbenannt.

Vokuhila-Trend

Die großen Musikkonzerne, allen voran EMI, haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Es erscheinen haufenweise Compilations. In den Charts der letzten Wochen ist Tecktonik Vol.3 eines der in Frankreich meist verkauften Alben. Tecktonik Vol.2 hatte zuvor ebenfalls einen landesweiten Erfolg erzielt. Langsam breitet sich diese neue Richtung auch über die Landesgrenzen hinweg aus.

Über das Internet verbreiten sich spanische, japanische oder auch marokkanische Videos. Dank des erfolgreichen Marketings, dürften dort ansässige DJs, wie zum Beispiel DJ Dess und DJ RVB, die ebenfalls im Pariser Radio FG zu hören sind, bald Tourneen in ausländischen Clubs ins Leben rufen.

Die nächste Etappe ist die Eröffnung des Tecktonik-Friseursalons in Zusammenarbeit mit einer berühmten Haargel-Marke, welche in der Bewegung ein "großes Potential" sieht. Wer nicht auf

Vokuhila-Haarschnitte steht, kann also nur versuchen, diesem neuen Trend zu widerstehen.